Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1917)
- Date
- 1917-09-28
- Page
- Seite 466 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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466 >die durch den Krieg gezeitigten „Polonäsen", das leidige „Anstellen" um die notwendigsten Nahrungsmittel, das unseren Hausfrauen in „Groß-Berlin" so viel Zeit raubt, so viel Verdruß bereitet. — Für gutes Brot, Milch und sogar besten Bienenhonig ist hier auskömmlich gesorgt, so daß dieses Taubertal einem modernen „Kanaan", dem Lande, in dem „Milch und Honig fleußt", verglichen werden kann. Ueber die hiesige jüdische Gemeinde habe ich wiederholt berichtet. Ich kann noch nachtragen, daß der Friedhof in dem fünf Kilometer von hier belegenen Unterbalbach (aus badischem Gebiet) befindlich ist. Es sind daran eine Anzahl der umliegenden jüdischen Gemeinden beteiligt. Dieser Friedhof wurde im Jahre 1569 angelegt, also zu einer Zeit, als noch der Deutschmeister-Orden die hiesigen Lande regierte. Das Alter aller dieser jüdischen Gemeinden geht weit über dasjenige unserer norddeutschen hinaus. Jetzt möchte ich über eine vier Kilometer von hier aus belegene jüdische Dorfgemeinde, Edelfingen, berichten, die sich noch ganz in ihrer Ursprünglichkeit erhalten hat. Das Dorf Edelfingen zählt zirka 1000 Einwohner, darunter noch heute etwa 30 jüdische Familien. Früher waren es sogar 50, so daß die jüdische Bevölkerung einen erheblichen Bruchteil der Gesamtbevölkerung ausmacht. Die Juden sind hier konservativ. Es ist eine geräumige Synagoge vorhanden, es besteht eine jüdische Elementarschule, deren Leiter, Herr Lehrer Kahn, dem ich mancherlei Mitteilungen verdanke, auch an der nichtjüdischen Schule unterrichtet. Auch an einem „Eiruw" fehlt es in Edelfingen nicht. Von Antisemitismus ist hier kaum etwas zu verspüren. Wie mir mitgeteilt worden ist, soll ein erheblicher Teil der umherliegenden württembergischen, badischen und bayrischen jüdischen Gemeinden, Absprengsel jener berühmten jüdischen Gemeinde in Rothenburg o. d. Tauber, von der Zeit des Rabbi Meir von Rothenburg (Maharam) her sein (siehe meinen Aufsatz in der Nr. 2 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 14. Januar 1916). In Unterbalbach, auf dessen Gebiet der jüdische Friedhof liegt, wohnen jetzt gar keine Juden, doch soll hier früher eine große jüdische Gemeinde bestanden haben. Aus einem Geschichtsbuch, das den Pfarrer Schönhuth von der Theobaldskirche in Edelsingen zum Verfasser hat, geht hervor, daß um bas Jahr 1190 der Ritter Weibrecht Martin von Unterbalbach Rittergüter, die im Besitz von Konrad von Hohenlohe gewesen sind, ankaufen wollte, doch war zur Bedingung gemacht, daß oer Kaufschilling innerhalb 24 Stunden erlegt werden müsse. Um dies zu ermöglichen, ließ Weibrecht die männlichen Mitglieder der Judenschast einfach einsperren. Das Lösegeld, welches sie zahlen mußten, diente dem „Herr Raubritter" zum Ankauf der begehrten Rittergüter. Und nun bitte ich, mir nach dem etwa 40 Kilometer von hier aus entfernten Wertheim a. Main zu folgen. Wertheim, diese Perle mittelalterlicher Baukunst, mit seinen Gassen und Gäßchen, besonders aber mit seinem prächtigen Marktplatz, eingefaßt von malerischen Giebelhäusern mit Fachwerksassaden und Erkern. Hier glaubt man sich so recht in die gute, alte Zeit versetzt. Wertheim bietet aber auch mannigfache landschaftliche Reize. Es liegt an den Ausläufern des Odenwaldes und des Spessart. Hoch, oben eine der schönsten Burgruinen, wird es mit Recht „Klein-Heidelberg" genannt. Das Städtchen, das 4000 Einwohner zählt, liegt am Ausfluß des Tauber in den Main. Aber auch von der jüdischen Gemeinde Wertheims, die ungefähr 180 Seelen zählt, kann ich mancherlei berichten. Diese Gemeinde ist uralt; sie kann auf ein Alter von 800, vielleicht auch von 1000 Jahren zurückblicken, während die Stadt als Ansiedelung, wie urkundlich erwiesen, seit 779 besteht; die ehemalige Standesherrschast war die des Fürsten Löwenstein. Seit Anfang des vorigen Jahrhunderts (1806) ist die Stadt badisch. Der jüdische Lehrer, Herr Thalmann, der sich allgemeinster Achtung bei Juden und Nichtjuden erfreut, hat mir manche dankenswerte Mitteilung gemacht. Die Synagoge, welche jetzt im Gebrauch ist, wurde laut einer Inschrift über dem Eingang iilia d. h. im Jahre 5559 (1799) erbaut, nach der gleichen Inschrift hatte sie aber schon zwei Vorgängerinnen. In einer Geschichte von Wertheim heißt es: „In der Kapellengasse befindet sich die jetzt als Magazin benutzte, frühere Marienkapelle, welche nach einer Judenverfolgung auf der Stelle der früheren Synagoge im Jahre 1447 erbaut wurde." Lakonisch meldet die Inschrift: „Anno domini MCCCCXLII ist hie zubroche und verstört worde eine Judenschüle". Die jetzige Synagoge befindet sich in der Judengasse. Der Friedhof, eine Art Waldfriedhof, liegt an einem Bergabhang. Er ist uralt und in seinem älteren Teile schwer begehbar, weil von Gestrüpp überwuchert. An der einen Mauer befindet sich ein gut erhaltener Denkstein für einen Mann Namens Wertheim als Dank dafür, daß er den Friedhof auf eigene Kosten mit einer Umfassungsmauer hat versehen lassen. Der gut erhaltene Stein trägt die Jahreszahl ipn (1714). Dieser Wertheimer zog später nach Frankfurt a. M., woselbst er auch verstarb. Der älteste Grabstein mit lesbarer Inschrift, der bisher aufgefunden worden ist, ist über 600 Jahre alt. Dies alles bestätigt das große Alter der jüdischen Gemeinde Wertheims. Ich hoffe, daß der eine oder andere der Leser Interesse an meinen vorstehenden Mitteilungen, soweit sie uns Juden betreffen, nimmt, einwandsfrei geht aber daraus wiedev hervor, wie unsere Glaubensgenossen überall zähe fest hielten und halten an der hehren Wahrheit unserer Gotteslehre und daß man den Zweiflern an der Bestandsfähigkeit des Judentums daher getrost zurufen darf: „Das Judentum wird nie untergehen!" Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. i (30. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) lso, Tante Trude, hör' zu! Nach der Reihe: In welcher Verfassung ich hier abfuhr, das weißt du. Na, da kannst du dir auch den Zustand denken, in dem ich dort ankam. Ich mag gar nicht daran denken, was ich dem armen Kind alles gesagt habe, sonst steigt mir immer wieder die Schamröte ins Gesicht und sie will einfach gar nicht, daß ich noch daran denke. Sie hat es mir direkt verboten." Er lächelt glückselig ins Leere. „Weiter," sage ich. „Wie erklärte sich die Heimlichkeit dir gegenüber, wie" — „Tante Trude, rüste ab! Ja? Vor allen Dingen bitte ich dich: rüste ab! Nicht diese strenge Richtermiene, die leide ich nicht meiner kleinen Braut gegenüber, und sie verdient sie auch nicht." „So erzähle doch, Benno! Es ist doch ganz egal, was ich für ein Gesicht mache. Brauchst mich ja nicht dabei anzusehen."