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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-09-28 · Heft 39 (28.9.1917) · p. Seite 463

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 39 (28.9.1917)
Date
1917-09-28
Page
Seite 463 (sequence 7)
Language
German
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463 Wölke das Auge des Beschauers aus den ernsten Meister lenkt; gern aber schweift das Auge hinüber zu zwei in der Ecke sitzenden Frauen, in denen man Gattin und Tochter erblicken möchte; ein erquicklicher Beweis, wie der Meister die Seinigen als Teilnehmerinnen an seiner Lebensarbeit betrachtet, sic von seinem Wirken nicht fortdenken kann und eher anzieht als verdrängt. Sein Bruder Felix, der hochbedeutende Historiker, der erst kürzlich, wie auch diese Zeitung melden durfte, zu den Ehrendoktordiplomen von Oxford und Cambridge, die er vor längerer Zeit einheimste und verständigerweise nicht zurücksandte, die seltene und darum um so höher zu bewertende Auszeichnung erlangte, Ehrendoktor der juristischen Fakultät der Universität Göttingen zu werden, an der er vor Jahrzehnten die erste akademische Würde in der philosophischen Fakultät erworben hatte, erscheint hier als Knabe. Es ist das älteste der in der Ausstellung vorhandenen Bilder, 1865 gemalt, von einem Achtzehnjährigen dem Dreizehnjährigen gewidmet, ungeachtet seines verhältnismäßig hohen Alters (52 Jahre) wunderbar frisch erhalten. Wer den großen Gelehrten genauer kennt, ihn in ernstem Gespräch und heiterem Geplauder oft genug 'beobachtet, das kluge, freundlich blickende Gesicht, das mit dem des Malerbruders ungewöhnlich große Aehnlichkeit ausweist, sich eingeprägt hat, der möchte zuerst vor diesem Knabenantlitz verwundert stehen. Und doch ist in diesem harmlosen Gesicht so viel Güte, so viel werdende Kraft, so viel sichtbare Intelligenz, in diesen trotz Einfachheit und Schlichtheit so verständigen Zügen eine solche Stärke, daß der Beschauer unwillkürlich an das Wort erinnert wird: „Das Kind ist des Mannes Vater." Hl. Gattin und Tochter des K ü n st l e r s. Noch mehr als in seinen Männerbildnissen bekundet sich Liebermann in seinen Bildern von Frauen als Verächter jeder Pose, als geschworener Freund der Natürlichkeit. Der Meister, der mit besonderer Vorliebe Weiber aus dem Volke, streng arbeitende Frauen niedrigen Berufes malt, ist kaum geeignet. Salondamen darzustellen, da seinem Malerauge die raffinierte Kleidung, das gezierte Lächeln, die zurechtgemachte Haltung nichts sagt und da die Kunstmittel, durch welche die feine Frau das gesetzmäßige Schwinden natürlicher Reize verstecken oder übertünchen will, seiner natürlichen Auffassung widerstreben, seinem Wirklichkeitsfanatismus feindlich entgegenrreten, da er vielmehr ein Mensch ist, der unter der erborgten Hülle das Wahre, das sich verstecken will, erkennt und herausholt. So wenig er Lust hat, sich mit derartigen Gegenständen zu befassen, so wenig mögen auch Weltdamen, die so erscheinen wollen, wie sie sich hergestellt haben, wie sie durch eitles Bemühen oder durch ein vielleicht ungerechtfertigtes Bestreben, ihren Schwestern und noch vielmehr der Männerwelt Zeichne Kriegsanleihe und sorge, daß Deine Freunde _das Gleiche tun. _ wohlgefällig entgegenzutreten, nicht wie sie waren und sind, geneigt sein, Liebermann als Modell zu dienen. Denn das Gefällige weicht bei ihm dem Charakteristischen und leicht möchte in seinen Frauenbildnissen gerade das am offensten hervortreten, was diese Frauen am eifrigsten zu verbergen bestrebt sind. Bei den Frauen, denen Liebermann am nächsten steht, kann er die Natur zeigen, wie sie ist. Wie er seine Mutter in ihrer schlichten Einfachheit darstellt, so kann er seine Gattin in ungezwungener Nachlässigkeit vorführen. In einer Nachlässigkeit, die der Vornehmheit nicht entbehrt, in einer Lässigkeit, die keinen Anflug von Verwahrlosung besitzt. In bequemer Stellung ruhend, eifrig mit Lektüre beschäftigt, erscheint diese Frau, die denen, die sie in ihrer strahlenden Schönheit, in ihrem berückenden Liebreiz gekannt haben, als Verkörperung vollkommenster Anmut vor Augen steht, allerdings nicht als Vertreterin weiblicher Reize; aber je mehr man in das Gesicht blickt, das, ganz versunken, von der Umwelt keine Notiz nimmt, um so mehr erfreut man sich an der edlen Vornehmheit der Lebensgefährtin eines großen Künstlers. Aber dies Bild ist nicht das einzige, das der Maler seiner Gattin gewidmet hat. Sieht man von der Skizze im Atelier ab (vgl. oben) so hat man die Freude, ein Pastell von 1892, ein Aquarell von 1894 zu erblicken, beide anziehende Verkörperungen der jugendlichschönen Frau. Und doch muß inan gegenüber allen diesen Versuchen sagen: die Wirklichkeit überragt die Kunst. Die einzige Tochter des Paares, jetzt die Gattin eines höheren Beamten, steht vor uns da als liebliches Mädchen, mit einem etwas verträumten, unschuldigen Kindergesicht, erwartend und ruhig. Noch hat keine Enttäuschung sich des Kindes bemächtigt, noch ist sie nicht eingeweiht in das Süße und Harte des Lebens — die ganze Zukunft liegt vor ihr, ein Rätsel, dem sie mit kindlicher Zuversicht entgegenblickt. Der Vollständigkeit halber sei darauf hingewiesen, daß der Katalog im ganzen sieben Bilder der einzigen Tochter auszählt: 1888, 94, 98, 99 (2), 1913, 16, teils nur das Gesicht darbietend, teils halbe, teils ganze Figur. Das Kind, die Jungfrau, die Gattin werden nicht von einem verliebten Vater, sondern von dem klarsehenden und prüfenden Meister dargestellt. Wie glücklich die Frau, die nicht nötig hat, sich mit einer dürftigen Photographiengalerie zu umgeben, sondern die sich jetzt und später wiedererkennen kann in der stufenmäßigen Entwicklung, die ein großer Künstler für die Ewigkeit festgehalten hat, ein Künstler, der zugleich ihr Vater war. Gewiß — es ist nur eine Seite des Künstlers, die dem Leser in diesen Blättern entgegentritt. Aber es ist vielleicht Max Ltebermann: „Selbstbildnis

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