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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-09-28 · Heft 39 (28.9.1917) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 39 (28.9.1917)
Date
1917-09-28
Page
Seite 462 (sequence 6)
Language
German
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462 werte Sorgfalt und Gründlichkeit der Untersuchung, die feine Analyse gedanklicher und literarkritischer Zusammenhänge befähigten ihn, die Talmudforschung und Auslegung zum Range einer erakten Wissenschaft zu erheben und sie den besten Ueberlieferungen der deutschen Philologie einzureihen. Israel Lewy war der Berufene, durch die verschlungenen Bahnen des Talmuds den Weg zu ebnen, das wundersam zusammengefügte Werk in seine Bestandteile zu zerlegen und ans ihnen wieder aufzubauen, die von den Koryphäen unserer Wissenschaft seit Menschenaltern geplante und noch immer vermißte Entwickelungsgöschichte der Halacha zu verfassen. Zum großen Schaden für die Wissenschaft war er dem Bücherschreiben abgeneigt, nur gezwungen übergab er etwas der Oeffentlichleit. Seine wenigen Abhandlungen freilich wiegen an Gehalt ganze Bibliotheken auf, seine knappen Andeutungen bieten Anregungen für ganze Generationen von Gelehrten. Seine „Fragmente aus der Mischna des Abba Saul (1876)", sein „Wort über die Mechilta des R.Simon (1889)", seine „Einleitung zur Interpretation des palästinischen Talmudtraktats Nesikin (1895)" sind drei programmatische Abhandlungen über die Erforschung von Mischna, Midrasch und Talmud. Den größten Teil seines reichen Wissens jedoch hat er mit sich ins Grab genommen. Vielleicht gelingt es, die zahlreichen Bemerkungen an den Rändern seiner Bücher der Oeffentlichkeit zugänglich zu machen; daraus würde unserer Wissenschaft reicher Segen erwachsen. „Ein Fürst und ein Großer in Israel ist mit Lewy dahingegangen", uns war er mehr. Ein ganzes Menschenalter hindurch habe ich mit ihm in innigster Verbindung gestanden. Was diese Zeit für meine Entwicklung bedeutet, was sein Umgang mir an Wissen und Belehrung bot, was ich ihm an geistiger Anregung und seelischer Erhebung verdanke, das vermag ich an dieser Stelle nicht auszusprechen. Aber in meinem herzen wie in dem aller seiner Schüler lebt unauslöschlicher Tank gegen den hochverehrten Meister, lebt der Vorsatz, sein Wort nicht ins Leere fallen zu lassen, sein Werk sortzusetzen, damit sein Andenken fortlebe zum Segen, wie er ein Segen gewesen ist in seinem Wirken. MgL Likbermarm als Maier der Lrinigen. Von Ludwig Geiger. (Schluß.) H. Max und Felix L i e b e r m a n n. s ist eine alte Gewohnheit großer und auch kleiner Meister sich selbst dem Publikum darzustellen. Auch unser Künstler hat diese Sitte geübt. Schon im Jahre 1910 gewährte ich eines dieser Selbstbildnisse meinen Lesern. Es ist sehr lehrreich, jenes Bild mit dem nun gebotenen zu vergleichen. Beide zeigen den Meister in seiner Arbeit vor seiner Staffelei. Ihr Gemeinsames besteht darin, daß, während andere Künstler auch ' diese Staffelei dem Beschauer zukehren, in dem Bestreben, den Zeitgenossen und den Späteren eine Probe ihres Könnens zu gewähren, Liebermann die Palette abkehrt, um allein sein Gesicht und seine Gestalt dem Betrachter zuzuwenden. Und auch darin besteht ihre Verwandtschaft und der Gegensatz gegen Künstlerleistungen ähnlichen Inhalts, daß unser Maler drapierte Gewandung oder Malerkittel verschmäht, und sich in üblicher Manneskleidung präsentiert, wie er sie zu tragen gewohnt ist und wie er auch aus der Straße erscheint. Dieses durchaus natürliche Verhalten ist in dem späteren Bilde weit stärker zum Ausdruck gelangt als in dem früheren, das ein Schmuckstück einer der größten italienischen Kunstsammlungen war und hoffentlich trotz des unsinnigen von den Italienern bezeugten Deutschenhasses bleiben wird. In dem früheren eine halbseitige Stellung des Malers mit hoch erhobener Hand, ein klein wenig Pose, als wollte der Meister dem Publikum zurufen: „Seht einmal zu, wie ich arbeite", in dem späteren, dem Jahre 1916 entstammten, die ganze Gestalt dem Publikum zugekehrt, in der Rechten Pinsel und Palette, in der Linken einen Stift haltend, also in einem Augenblick der Arbeitspause. Trotz dieser momentanen Ruhe keine Spur von Ermüdung. kein Ausdruck eitler Selbstbefriedigung, kein vergnügtes Schmunzeln, sondern der volle Ernst des arbeitssrohen, energischen, kräftigen Antlitzes, in dem kein Zug veredelt, keine Runzel vertuscht wird. Freilich dieser, den Siebzigern nahe — er stand, als er das Bild malte, im 69. Lebensjahre — kündigt nicht denGrei-- an; aufrecht, ungebeugt, ans klaren unumflorten Augen in die Welt blickend, energisch und unbekümmert stellt er den Kräftigen, mitten im Wirken Stehenden vor, der sich zu neuen Taten eines unermüdlichen und gesegneten Wirkens rüstet. Weit häufiger als alle anderen Maler hat Liebermann versucht, nicht der Eitelkeit frönend, sondern dem Begehren anderer nachgebend, sich selbst zu porträtieren. So finden sich, in der schon oben erwähnten Ausstellung, außer einer Darstellung seines Ateliers nicht weniger als vier Selbstbildnisse, mit Einschluß des schon erwähnten. Wiederum fordert dies Gemälde der Werkstätte geradezu Vergleiche mit ähnlichen Unternehmungen heraus. Während diese so häufig durch geniale Unordnung den Blick beleidigen oder durch ein prunkvolles Interieur, durch eine kostbare Ausstattung mehr an ein Staatsgemach denn an einen Airbeitsraum denken lassen, erscheint hier ein ernster, der Tätigkeit gewidmeter Saal, der trotz vieler fertigen und halbvollendeten <5 ■‘J&! Max Liebermann: „Bildnis Frl. Räche Liebermann"

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