Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1917)
- Date
- 1917-09-28
- Page
- Seite 464 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229325--73439-3285921- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
484 seine anmutigste und liebenswürdigste. In diesen Bildern staunen wir einen Mann an, selbstsicher, begnadet in frohem Schaffen, festwurzelnd in der Gegenwart, mit liebevollem Blicke rückwärts in die Vergangenheit schauend und fest vertrauend auf die Zukunft. Wir aber freuen uns dieses mächtigen höchstbedeutenden .Könners, dieses deutschen Meisters jüdischen Waubens. Lwei Jahrzehnte pähagosilch-litersrilcher Arbeit kür den Leiigionsunterricht. Von Oberlehrer D. Som m e r. er furchtbare Weltkrieg, den wir gegenwärtig erleben, steht im Mittelpunkte unseres Denkens und Fühlens. Alles, was nicht unmittelbar mit ihm zusammenhängt, tritt in den Hintergrund. Wie ein Gefangener in seiner Zelle, läuft unser Denken unaufhörlich und ruhelos in den Schranken, die ihm der Krieg gezogen. Es sind Welten und Weltanschauungen, die gegeneinander im Kampfe liegen, und wenn die grausamen Waffen dieses schweren Ringens einmal ruhen werden, dann wird über das Schicksal ganzer Völker und Geistesrichtungen entschieden sein. In einer solchen Zeit bedeutet der einzelne nichts; selbst das Wirken und Schaffen der Großen bleibt unbeachtet, wenn es nicht im Dienste dieses gewaltigen geschichtlichen Erdbebens steht. Wer sollte da an die emsig stille Arbeit derer denken, die an ihrem Schreibtisch darüber sinnen, wie sie der Menschheit neue Wege weisen und sie vorwärtsbringen könnten aus der Bahn zur Höhe, zum Lichte. Und doch ist von ihnen ein Teil der Kraft ausgegangen, die jetzt so herrlich sich bewährt und so Ueberwältigendes leistet, und doch sind es zum Teil ihre Ideen, welche den Idealismus entfacht haben, der uns jetzt so heilig aus den Menschenherzen entgegenflammt. Es ist ein stiller, bescheidener Mann, unser verehrter Kollege M ü l l e r in Heidelberg, der in diesen Tagen aus eine -0jährige Schriftstellertätigkeit im Dienste des Religionsunterrichts zurückblicken kann, und ich weiß, es ist nicht in seinem Sinn, wenn wir gerade in dieser Zeit seinen Namen in die Leffentlichkeit tragen. Aber wir müssen es trotzdem tun, nicht seinethalben, sondern unsertwegen, weil ihm der jüdische Religionslehrer und die jüdische Jugend so ungenrein viel verdanken, weil urit diesem Namen eine vollständige Neuorientierung aus dem Gebiete des biblischen und jüdischen Geschichtsunterrichts untrennbar verknüpft ist. Es sind jetzt 20 Jahre her, daß in dem alten Verlag von I. B. Metzler in Stuttgart, in dem 75 Jahre vorher Büdingers biblische Geschichte TOItSK Tp*i erschienen war, S. Müllers „Ein Buch für unsere Kinder" erschien. Das Buch hat dem biblischen Geschichtsunterricht einen neuen Weg gewiesen. Es hat die blutleere Leitfadenbahn verlassen und den in den einzelnen Schuljahren zu behandelnden Lehrstoff, „dem jeweiligen Grade der sittlichen, geistigen und sprachlichen Reife des Kindes angemessen", dargeboten.. Kein geringes Verdienst, daß es mit dieser Planmäßigen Stoffverbindung auch ein gut Teil eines einheitlichen Lehrplans für den biblischen Geschichtsunterricht festlegte. Mit guten Gründen ist bei der Stosfauswahl die chronologische Folge der Bibel und auch im Ausdruck der Charakter der Bibel möglichst gewahrt geblieben. Zum erstenmal sind auch in die Geschichte methodisch hineinverarbeitet die Lehren und Gebote der Bibel sowie die Propheten und Psalmen. Heute liegt „Ein Buch für unsere Kinder" in siebenter, sein erweiterter Bruder, Müllers „Kleine Bibel", in dritter Auflage vor. Zehn Auflagen in zwei Jahrzehnten ist ein nicht gerade hänfiger Erfolg eines jüdischen Schulbuches, der mehr als jedes Lob seine Güte ansspricht. Es ist ihm auch die Ehre der Uebersetzung in die französische und englische Sprache zuteil geworden. In richtiger Erkenntnis, daß auf der Oberstufe die biblische Geschichte wiederholt werden müsse, um unsere Jugend tiefer in den Geist und das Wesen der Bibel einzuführen, hat Müller seinen „Ueberblick" geschrieben, knapp, klar, warm und übersichtlich. Ein Ergebnis langjähriger und ernster Arbeit ist S. Müllers im Jahre 1911 erschienene „Jüdische Geschichte in Charakterbildern". Auch dieses Buch bedeutet eine Wendung für den jüdischen Geschichtsunterricht, indem es erstmals den gewaltigen Stoff nach methodischen Gesichtspunkten in Charakterbildern darstellt und die Neuzeit, die in allen bisherigen Geschichtsbüchern so ziemlich totgeschwiegen worden war, der Jugend lebendig vorführt. Die einzelnen Charakterbilder wollen nicht nur das Wichtigste über das Leben des Helden geben, sondern auch die Klarlegung der politischen, kulturellen, sozialen und religiösen Verhältnisse seiner Zeit und seiner Umgebung sowie die Beleuchtung des Einflusses, den Religion, Geschichte und Literatur des Judentums auf sein Herz und seinen Geist ausgeübt haben, und endlich auch die Würdigung seiner Leistungen für das Judentum oder die Judenheit. In die Charakterbilder sind die poetischen Schöpfungen und markanten Aussprüche der Meister eingefügt und alte Urkunden möglichst im Wortlaut wiedergegeben worden, um die Vergangenheit wieder lebendig werden zu lassen. Es mag hier nicht untersucht werden, ob bei der Auswahl des Stoffes vielleicht da und dort die Grenze zu weit gezogen ist. Jedenfalls bestätigt die Praxis, daß der Verfasser mit dieser neuen Art der Darstellung den richtigen Weg einschlug, Charakter und Herz unserer Jugend an diesem Stoff zu bilden und sie zur verständnisvollen Mitarbeit an den gegenwärtigen Aufgaben unserer Gemeinschaft zu befähigen. Was man in unseren Reihen jetzt mit Recht so heiß ersehnt, die Einheit des Judentums, ist in dem Buche schön verwirklicht: es ist durchglüht von jüdischem Bewußtsein, von stolzem Bekennermut, und frei von kleinlichem Parteigeist, voll Achtung und Verständnis für jede ehrliche Aeußerung jüdischen Lebens. Seine Sprache ist schlicht und einfach, dabei doch warm und schön. Das Buch ist aber nicht nur eine methodisch wertvolle Leistung für die Schule, es ist auch ein guter Hausschatz für die jüdische Familie, der es in guten wie in bösen Stunden eine belebende Herdflamme sein kann. Auch draußen im Felde, in den Lazaretten und Gefangenenlagern hat das Buch seine erhebende Kraft bewährt. Darüber hinaus hat es auch in christlichen Kreisen viel Beachtung gefunden. Roseggers „Heimgarten" schrieb beim Erscheinen des Buches: „Bei der einseitigen Beurteilung, die die Juden so oft nach der schlechten Seite hin erfahren, tut es wohl, auch einmal die Lichtseite dieses Volkes liebevoll behandelt zu sehen." Als ein siir gemeinverständliche Darstellung sicherlich maßgebendes Urteil darf die Aeußerung Heinrich Hansjakobs hervorgehoben werden: „Eine so Aare, sachliche und kurz gefaßte und doch die Geschichte des jüdischen Volkes bis in die neueste Zeit verfolgende Arbeit habe ich bis jetzt nicht gekannt." — Die allgemeine pädagogische Presse und die große politische Tagespresse haben es auch für wert befunden, ihm Besprechungen zu widmen, und zwar in einer Weise, daß man das Buch mit neidloser Anerkennung einen vVN ipnp nennen möchte. Wie viel Segen ist von dieser Arbeit ausgeströmt! Bereits im Jahre 1913 folgte eine „Große Ausgabe" des Buches. Die Losung für das neue Deutschland: „Dem Tüchtigen freie Bahn!" läßt auch für Müllers Bücher weiteren Ausstieg und für den Autor selbst die Lust und die Kraft zu neuem Schassen erhoffen, zu Nutz und Frommen unserer Jugend, der Zukunft unseres Judentums.