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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-09-28 · Heft 39 (28.9.1917) · p. Seite 461

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 39 (28.9.1917)
Date
1917-09-28
Page
Seite 461 (sequence 5)
Language
German
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77. Lebensjahre stand. Noch vor wenigen Wochen hatte ich ihn bei einem Besuch zwar äußerlich gealtert, doch innerlich frisch und geistig rege wiedergesehen. Der Arzt hielt die nur kurze Krankheit in den ersten Tagen keineswegs für bedenklich; es war zu hoffen, daß der verehrte Greis mit der Energie, die sein ganzes Leben auszeichnete, auch das Alter überwinden würde. Ernst und Energie darf man als den Grundzug seines Wesens bezeichnen. Sie erfüllten sein Leben, sein Denken, seine wissenschaftliche Arbeit. Er war ein Weiser von antikem Zuschnitt, die Verkörperung der Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue. Ein Mann aus einem Guß, dem jeder Schein zuwider war, der alles Unechte aus seinem Innern verbannte, einen völligen Einklang zwischen Sein und Sollen, zwischen Leistung und Pflicht suchte. Einem Ideal reinen Menschentums strebte er zu, und Mensch sein, hieß auch für ihn ein Kämpfer sein. Mit welchem Ernst hat er um das Unerreichbare gerungen, in fast übermenschlichem Kampf hat er seine Kraft aufgezehrt, und dennoch hat er die völlige Harmonie seiner Seele nicht erreicht, denn er war unerbittlich in den Anforderungen an seine Person, niemals ganz befriedigt von seinem Tun. Sein ganzes Leben war Gottesdienst, der Heiligung des göttlichen Namens. der Durchsetzung einer echt jüdischen Lebensauffassung geweiht. Er war Jude mit der ganzen Intensität der Ueberzeugung seines starken Geistes, er war Jude mit der ganzen Glut seines feurigen Herzens, er ivar Jude mit der ganzen Peinlichkeit seines Pflichtbewußtieins. Er war gleichzeitig ein heller und klarer Geist, ein scharfer, rücksichtsloser Kritiker derselben Tradition, von deren praktischen Forderungen er nicht die geringste übersah oder vernachlässigte. So entstand in seinem Innern jener verhängnisvolle Konflikt, unter dem er dreißig Jahre lang gelitten, in dem er nur vermöge seines Ernstes und seiner erstaunlichen Energie Sieger blieb. In bewundernswerter Weise hat ihn, zumal vährend der Jahre des Leidens, seine treue, ihm vor Jahresfrist im Tode vorangegangene Lebensgefährtin gehütet und gepflegt, beschirmt und geschützt. Wenn Israel Lewy der Wissenschaft so lange erhalten blieb, so danken wir es nicht zuletzt der Selbstverleugnung dieser wackeren Frau, die ihre Gesundheit geopfert hat. um die seine zu erhalten. Die Treue und Pünklichkeit, mit der er sein Amt verwaltete, sind über jedes Lob erhaben. Nie, auch nicht unter den schwierigsten Verhältnissen, hat er eine seiner Obliegenheiten vernachlässigt, weit über seine Pflicht hat er allezeit geleistet, reine Vorlesungen bereitete er nach 45jähriger Dozententätigkeit noch mit derselben Gründlichkeit und Sorgfalt vor wie Denk' an die Zukunst Deiner Kinder! Zeichne Kriegsanleihe! Max Liebermann: „Lesende Dame". am Anfang seiner Laufbahn — nicht nur aus Ehrfurcht vor der Wissenschaft, sondern auch aus Hochachtung vor seinen Schülern. Denn diesem bedeutenden Geist galt die Ehre seiner Schüler außerordentlich viel; er sah in ihnen ein Stück seines Lebens. Nicht nur ihre geistige Ausbildung, auch ihre seelische, zumal ihre religiöse Entwicklung war ihm Herzenssache; ihren Sorgen und Schmerzen brachte er ein väterlich empfindendes Gemüt entgegen. Der sittliche Adel seiner Persönlichkeit, der sich allen mitteilte, die ihm nahe kamen, hat sich seinen Schülern tief eingeprägt; die Ehrfurcht vor dem Lehrer geleitete sie durch das ganze Leben. Sein Lehrhaus war seine Welt, er lebte ausschließlich der Wissenschaft. Man kannte seinen Namen und das Gewicht seiner Meinung sehr wohl, aber er scheute die Oeffentlichkeit und wollte in der Hauptsache durch seine Jünger auf das Leben einwirken. Seiner Lehrtätigkeit widmete er seine ganze Kraft. Sein Fleiß war selbst für einen Gelehrten ungewöhnlich. Die ganze Nacht hindurch saß er über den Büchern, erst am späten Morgen suchte er wenige Stunden Ruhe und Erholung. Daß ein Mann von seiner Begabung und seinem Gedächtnis es zu einer stupenden Gelehrsamkeit brachte, braucht nicht erst gesagt zu werden. Als Meister des Talmuds wird er allgemein gepriesen, in Wirklichkeit gab es kein Gebiet der jüdischen Literatur, das er nicht beherrschte, kein Werk, Das gehörte eben seiner Studien, daß sondern auch den Aufmerksamkeit zutit dem er nicht zu Hause lvar. zu dem Ernst und der Energie er über keine Frage hinwegging, nebensächlichsten Problemen vollste wandte. Man «rußte schon mit seltenen Manuskripten kommen, um ihm Nerres zu bieten, rind auch dann hat er mit dein sicheren Blick und der feinen Kombinationsgabe des überlegenen Gelehrten sofort die literarischen Beziehungen begriffen rrnd hergestellt. Aber seine Domäne war der Talmud; er hat sich von Jugend auf mit ihm befaßt und ihn 45, Jahre lang gelehrt, zuerst an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin und seit 1883 am Jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau; er wird in der Geschichte der Tcvlmudsorschung aller Zeiten als einer ihrer größten Meister sortleben. Mit der Gelehrsamkeit und dem Scharfsinn des Talmudisten der alten Schule verband er jenes Streben nach Wahrheit und Wirklichkeit, jenes feine kritische Verständnis, das nur die methodische Schulung, nur die Wissenschaft verleiht. Die unvergleichliche Klarheit und Tiefe seines Denkens, das rücksichtslose Vordringen bis zu den letzten Konsequenzen, die -bewrinderns-

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