Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-09-28 · Heft 39 (28.9.1917) · p. Seite 458

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 39 (28.9.1917)
Date
1917-09-28
Page
Seite 458 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229325--73433-3285915
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

458 nach den arischen Ländern Asiens, nach Persien, Indien usw., konnte dieselbe dort aber nicht anbringen, während sie bei den semitischen Judäern ja eine neue Heimat gefunden hatte. Und was ist aus der griechischen Kultur in Aegypten geworden? Außerhalb Alexandriens, der Stadt, die hauptsächlich von Griechen und Juden bewohnt war, ist sie schon gar bald verschwunden. Die eigentlichen Aeghpter haben nicht viel von derselben erhalten. Warum hat die arische Kultur ausschließlich bei den Juden ein neues Leben begonnen? War es vielleicht die semitische Rasseneigenart, die sich mit dem hellenischen Wesen so gut verschmelzen konnte? Nun wir wissen ja, daß die Kultur Alexanders bei den außerpalästinensischen Semiten keine dauernde Stätte gefunden hat. Mit dem Verschwinden der griechischen Herrschaft aus Kleinasien ist auch jene Kultur verschwunden. Es ist also, wie wir sehen, nicht der semitische, sondern der biblisch-prophetische Geist, der sich mit der arischen Kultur zu einem neuen Gebilde verschmolzen hat. Der Grund hierfür liegt einzig und allein darin, daß die griechische Kultur, die eine ausschließlich diesseitige war, das menschliche Gemüt ebensowenig zu befriedigen imstande war wie dieses flüchtige und vergängliche Dasein. Nur ein reiner Gottesglaube, der auf ethischer Grundlage ruht, vermag dem Menschen innere Befriedigung und volle, dauernde Lebensfreude zu geben, ihn mit ungetrübter Liebe zur Welt und zur Natur zu erfüllen. Ohne den ethischen Monotheismus, ohne das Vertrauen auf einen gütigen Gott und gerechten Schöpfer, der die Welt zu einem höheren Zwecke und den Menschen zu einer sittlichen Vervollkommnung geschaffen hat, ist keine wahre Freude am Leben, keine befriedigende Lösung der ewigen Frage nach dem Zwecke des Daseins möglich. Daher sind die klasiischen Völker des Altertums auf ihre alten Tage im Skeptizismus und Pesiimismus zugrundegegangen. Aus eben diesem Grunde können die Hunderte Millionen Buddhisten und Brahmanisten seit Jahrtausenden keinen Schritt auf dem Wege des Kulturfortschrittes vorwärtskommen. Nur die Vereinigung des jüdischen und griechischen Geistes hat die lebensfrohe und lebensbejahende Geisteskultur Europas schaffen können. Wenn die Sadduzäer einerseits, im Gegensatz zu den Hellenisten, mit denen sie so sehr viele Berührungspunkte aufweisen, einen Fortbestand des Judentums als Volk, als selbständige Nation, um jeden Preis wollten, so steht es doch anderseits fest, daß ein völliger Sieg des Sadduzäismus in Palästina die jüdische Religion allmählich restlos vernichtet und ein Neugriechentum judäischer Nation geschaffen hätte. Es kann ja nicht bestritten werden, daß die Sadduzäer in der griechischen Weltanschauung ganz und gar aufgegangen sind und daß sie selbst das magere Gerippe ihres jüdischen Religionsgesetzes, das sie sich aus den trockenen pentateuchischen Paragraphen zusammenflickten, ganz mit hellenischem Geiste ausgcfüllt haben. Gestehen doch selbst die, welche das Sadduzäertum der jüdischen Lehre möglich nahe bringen möchten, das; die sadduzäische Beschränkung der religiösen Verbindlichkeit auf das pentateuchische Gesetz nur aus der unumgänglichen Notwendigkeit heraus, irgendeinen Maßstab für die religiöse Verpflichtung zu finden, erfolgt ist. Wie aber der alleinige Sieg der Sadduzäer zu einem allmählichen Verschwinden der jüdischen Religion geführt haben würde, so hätte anderseits die Alleinherrschaft der Pharisäer und die völlige Zurückdrängung des Sadduzäismus zu einer insularen Abschließung des Judentums von den Völkern und zu einer Verhinderung seiner Weltmission führen müssen. Israel wäre dabei wohl konserviert geblieben, aber seinen Daseinszweck, daß „alle Familien der Erde durch die Nachkommen Abrahams gesegnet werden", hätte es ganz verfehlt. Sollte aber Israel zum Segen der Menschheit werden, sollte es die Heidenwelt erlösen, dann mußte „Japhet in den Zelten Sems wohnen", dann mußten Judäa und Hellas sich verbinden. Diese Ehe zwischen Judentum und Hellenentum konnte aber nicht gleich nach der Vermählung eine harmonische und glückliche sein, waren doch die Geistesanlagen dieser beiden Gatten so grundverschieden. Eine Harmonie und ein Gleichgewicht konnte hier erst nach den langen Reibungen und Kämpfen, welche an jenem denkwürdigen Hüttenfesttage im Tempel Jerusalems begonnen haben, hergestellt werden. Lum hütlerrfest! Von Dr. Willy Cohn (im Felde). ie die vergangenen hohen Feiertage, so begehen wir auch dieses Fest zum vierten Male im Kriege. Nach der Vorschrift der Bibel sollen wir sieben Tage lang in Hütten wohnen, „Jeder Einheimische in Israel soll in Hütten wohnen, auf daß eure Nachkommen wissen mögen, daß ich die Kinder Israels habe in Hütten wohnen lassen, als ich sie aus dem Lande Aegypten geführt, ich bin der Ewige, euer Gott." In meiner kleinen Feldbibel lese ich diesen Satz und denke darüber nach, wie diese Worte nun für so viele unserer Glaubensgenossen seit Jahr und Tag in Erfüllung gegangen sind, die in Hütten hausen und nicht bloß an diesem Feste! So hat der Krieg, der große Umwandler, die Beobachtung eines religiösen Gebotes gebracht, das in Friedenszeiten nicht mehr von allen befolgt worden ist! Von jeher ist das Hüttenfest ein Fest der Erfüllung gewesen, ein Fest der Ernte, an dem wir das überschauen sollten, was wir an Früchten des Feldes und an Früchten der Arbeit eingebracht haben, ehe der Winter ins Land kommt! Noch ist für die Welt die Zeit der Ernte nicht gekommen, noch ist es nicht Zeit, die Häuser mit Palmen zu schmücken und ein Freudenfest zu feiern! Weiter tobt der Weltkrieg, und wir stehen vor dem Beginn eines neuen Kriegswinters. Unzählige unserer Glaubensgenossen stehen am Feinde; viele, viele sind in der Erfüllung ihrer Pflicht dahingegangen! Unsägliches Leid ist über zahllose Familien gekommen, denen der Vater, der Bruder und Sohn genommen ist! * Aber klaglos wird und soll das ertragen werden, weil es sein muß! An diesem Hüttenfest werden die Gedanken der Lieben in der Heimat zu uns hinauswandern, nach Ost und West, und werden sich mit unseren vereinigen, die zur Heimat schauen! Alle unsere Feste sind von jeher Familienfeste; nicht in rauschender Fröhlichkeit, nicht im Lärm taumelnden Genusses haben wir sie gefeiert, sondern still im Kreise der Familie, in der Freude am eigenen Heim im Kreise der Eltern und Kinder! Und mit dem Segensspruch über Wein und Brot goß sich auch einst der Segen stillen Glückes über unser Haus! An diese Zeiten denken wir zurück, wenn wir in dieser Stande, in der das Hüttenfest seinen Einzug hält, hier draußen wachen; an diese Zeiten denken wir auch, die einst wiederkommen werden, wenn der Weltkrieg verstummt sein und wieder Frieden auf Erden herrschen wird! Hoffen wir, daß dann das nächste Hüttenfest schon in diese glückliche Zeit fallen wird und daß wir es dann feiern können als das, was es sein soll, als Tag unserer Freude. Noch ist es nicht so weit, noch heißt es weiter aushalten, draußen in den Unterständen und Hütten und daheim in den Häusern! Vielleicht daß aus der Summe des Leides ein neues Leben unserer Gemeinschaft entsteht, vielleicht daß draußen und daheim mancher den Weg gefunden hat zum Glauben der Väter, der ihm schon fremd geworden war.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.