Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 39 (28.9.1917)
- Date
- 1917-09-28
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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81. Jahrgang. Nr. 39 Allgemeine Berlin, 28. September 1917 eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32$. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Negierungsrats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Bettln, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Hüttenfestgedanken. Von Rabbiner Tr. S. Jampel (Schwedta.d.O.).—Zum Hütten fest. Don Dr. WillyCopn (im Felde). — Die Woche. — Israel Leloh. Von I. Elbogen. — Max Liebermann als Maler der Seinigen. Von Ludwiq Geifer. — Zwei Jahrzehnte pädagogisch-literarischer Arbeit für den Religionsunterricht. Don Oberlehrer D. Sommer. — Reisebrief. Don Rath an Cohn (Charlottenburg). — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Don Anna Goldschmidt. — Sprechsaal. Der Gemcrndcbvte Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Die Heldenanleihe.—Berlin,Hamburg, Kassel,Offenbach a. Dt., Frankfurta.M., Den Haag, Wien. — Don Nah und Fern. hüttenkeltgedanken. Bon Rn'bbincr Dr. I a nt Pel (Schwedt a. d. O.). n das Hüttenfest, das uns die kulturarme Nomadenzeit Israels vor Augen führen soll, knüpft die nachbiblische Geschichte ein tragisches Ereignis, das uns die schmerzensvolle Geburtsstunde der großen Weltkultur, deren Mission Israel übertragen wurde, deutlich veranschaulicht. Es ist dies die blutige Szene, die sich im Tempel zu Jerusalem unter dem sadduzäisch gesinnten Makkabäerfürsten Alexander Jannai abgespielt hat, und die vielfach an die Pariser Bluthochzeit erinnert. An einem Hüttensesttage war es, da der genannte königliche Hohepriester aus übermütiger Spottlust das Wasser, das ihm zum Opfer in silberner Schale gereicht ward, statt auf den Altar, verächtlich aus den Boden goß, so daß sich die Tausende, die in der Korhalle versammelt waren, erbittert gegen ihn erhoben und die Paradiesäpfel, die sie in den Händen hatten, nach ihm schleuderten, ihn als einen unwürdigen Hohenpriester, als den Enkel einer Gefangenen beschimpften. In seinem grenzenlosen Grimm über den Unwillen des Volkes entweihte er durch Mord die heilige Stätte, indem er nahe an 6000 der frommen Wallfahrer im Vorhos des Tempels von seinen rohen heidnischen Söldnern niedermetzeln ließ (Josephus Altert. 13, 13). Dieser Tag bildete den Anfang der fortgesetzten erbitterten Kämpfe zwischen Pharisäern und Sadduzäern, bei welchen schon in der ersten Zeit mehr als 30 000 Juden ihr Leben ließen, und die dann das Judentum in zwei vollständig getrennte und feindlich gegenüberstehende Lager teilten. Das Hüttenfest, an dem jene große Spaltung des Indentums sich vollzog — jene Spaltung, die das Volk politisch mehr als die äußeren Feinde geschwächt, und die die spätere Eroberung Jerusalems eigentlich erst ermöglicht hat —, ist somit als die Wiederkehr jenes Tages anzusehen, an dem ver gewaltigste Kulturprozeß der ganzen Weltgeschichte den heftigsten Anstoß erhalten hat, und daher fordert uns dieser Tag zu einer Betrachtung der Entwicklung jenes welterneuernden Prozesses auf. Die gewaltigste und einschneidendste weltgeschichtliche Tat, die auf die Entwicklung der Kultur aller folgenden Perioden den entscheidendsten Einfluß übte, verdankt die Menschheit Alexander dem Großen. Die Völker Vorderasiens, die Träger der altsemitischen Kulturen, sind in den Jahrhunderten vor Alexander zusammengebrochen, und mit ihnen ist auch der semitische Geistesstrom zum großen Teil versiegt; dagegen war jetzt Griechenlands herrliche Kultur kräftig genug, um die Rolle der Völkererziehung zu übernehmen. Jener geniale griechische Eroberer hatte die Forderung der Zeit erkannt; er fühlte sich auch berufen, diese große Völkermission zu übernehmen und der griechischen Kultur zur Weltherrschaft zu verhelfen. Aber wie alle Herolde der geschichtlichen Vorsehung, so war sich auch Alexander seiner vollen Mission nicht ganz bewußt. In einem kleinen Winkel der Südküste Syriens befand sich eine alte Pslegestätte der einzigartigsten Kultur der Welt, einer Kultur, deren Ziele und Bestrebungen denen der hellenischen Kultur ganz entgegengesetzt waren, oder richtiger, die dort anfingen, wo jene aushörten. Denn Griechenlands Kultur war eine durchaus diesseitige, Israels Kulturideale ragten über das irdische Leben hinaus. Alexander, der die ganze Menschheit in das griechische Kultursystem einordnen wollte, wußte nicht, daß eine weit höhere Aufgabe seiner wartete. Er, der Hellene, hat nicht erkannt, daß seine Kultur nur eine Halbkultur war, daß hellenische Kunst und Wissenschaft nicht fähig war, den Menschen wahre Glückseligkeit zu bringen, und daß sie daher nur im Verein mit der Geisteskultur Jerusalems die Menschheit zu erneuern imstande sein werde. Daher beginnt die zweite Periode der Entwicklung des menschlichen Geistes in den Schulen Alexandriens, in denen die griechische Kultur zum ersten Male vom israelitischen Prophetengeiste durchleuchtet wurde. Die Vermählung von Bibel und griechischer Kultur hat ein neues Zeitalter des menschlichen Denkens und Forschens gebracht. Wenn der Bericht, wonach Alexander auf seinem Zuge Jerusalem berührt und den Tempel in ehrerbietiger Weise betreten habe, historisch ist, dann dürfte ihm in jenen heiligen Hallen vielleicht die Ahnung aufgestiegen sein, daß allein der von hier ausströmende Hauch seiner großen Weltmission die weltbelebende Bedeutung verleihen könne, daß er, der Heide, das erste und größte Werk der biblischen Völkermission vollbringen werde, — daß er nach Asien und Afrika gekommen sei, um für Israel den Weg zu bahnen, auf dem es die vom Propheten ihm gestellte Aufgabe, „Du sollst das Licht der Völker werden" (Jes. 49, 6), erfüllen sollte, — daß nicht er, vor dem sich alle Nationen -der Erde beugten, der hellenischen Weisheit zum Siege über die Menschheit verhelfen werde, sondern die Lehre, die dort ihre Pflegestätte hatte. Jahrhunderte und Jahrtausende später erst hat die Welt erfahren, daß die bleibende Bedeutung des Alexander- Zuges nicht in der Eroberung der Welt, sondern in der Vereinigung von biblischem und griechischem Geiste, in der Verwirklichung des noachidischen Segens, daß „Japhet in d-en Zelten Sems wohne" (1, M. 9, 27), beruht. Und ist es nicht das merkwürdigste Problem der ganzen Kulturgeschichte? Alexander, der Arier, trug arische Kultur