Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1917)
- Date
- 1917-09-21
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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jüdischen Zentralwohlfahrtsstelle in Deutschland zu und erklärt sich bereit, unter Mitwirkung der ihm angeschlofsenen Großgemein den und Provinzialverbände an der Verwirklichung dieser Aufgabe zu arbeiten." Für den Jüdischen Frauenbund sprach Fräulein B e rt h a P a p p e n h e i m in längeren Ausführungen. „Für den Frauenbund stellt der heutige Tag, an dem er zum erstenmal gleichberechtigt mit den großen Männerorganisationen gemeinsam ein großes soziales Werk beginnt, einen Markstein in seiner Eniwicklung dar. Der Frauenbund sieht in dieser Tatsache kein Ergebnis des Zufalls oder der Kriegsnot, sondern eine logische Entwicklung des jüdischen Lebens. Die neue Allsgabe erscheint den Frauen als Erziehungswerk von hoher Bedeutuug, das geeignet ist, tiefgreifende Veränderungen im Leben der jüdischen Gemeinschaft heroorzubringen. Der Jüdische Fralleubund hat stet 2 die Mitarbeit aller kreise gefordert. Alle Nichtungen finden in der neuen Arbeit ihr Betätigungsfeld. Der Jüdische Frauenbund steht zur Arbeit bereit." Nach diesen Ausführungen lvar die offizielle N e d n e r l i st e erschöpft. Den Dank der Delegierten und Gäste brachte Reichstagsabgeordneter Dr. Gohn lDessau) zum Ausdruck, der einige Bemerkungen über die Verfassung der Zentrallvohlfahrtsstelle anschließt. ' Herr G a s p a r h schloß darauf die Verhandlungen mit einem Danke an die Vortragenden, die Delegierten der angeschlossenen Körperschaft er. ilnd die geladenen Gäste. E. M. Berlin, 19. September. Jur Nlittelpunkt aller Fragen non öffentlichem Interesse steht das Problem der Erhaltung der Volkskrast, die Bevölkerungspolitik. Der Staat hat eine zielbewußte Tätigkeit auf diesem Gebiete begonnen, die Kommunen folgen nach. Auch die Wohlfahrtsinstitute werden sich auf das neue Ziel einstellen müssen, besonders die jüdischen, da der Geburtenrückgang bei uns Juden noch stärker hervortritt als bei den anderen Schichten der Bevölkerung. Von höchster Bedeutung ist daher die Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit: die Sorge um die Kinder muß schon im frühesten Lebensalter einsetzeu. Die Arbeit der Säuglingsheime verdient das größte Interesse und jede mögliche Unterstützung. Die Neichshauprstadt verfügt über ein geradezu musterhaftes jüdisches Säuglingsheim, das der F ü r s o r g e v e r e i n für hilflose jüdische Kinder in Niederschönhausen, Moltkestraße 8- 9, unterhält. Leider befindet sich diese Musteranstalt, wie die meisten wohltätigen Vereine, welche jetzt Kinder, Kranke oder Greise verpflegen, in einer sehr schwierigen Lage. Die Einkünfte sind zurückgegangen, weil viele Mitglieder beim Heere stehen, und d'e Ausgaben sind infolge der Teuerung aller Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände sehr gestiegen. Das Säuglingsheim, das etwa 40 Kinder verpflegt, muß jetzt z. B. für die Milch, die.vor dem Kriege 20 Pfennig kostete, 54 Pfennig bezahlen; die Wäscherei, die 1916 2 758 Mark kostete, erfordert heute mehr als das Doppelte. Die Anstalt ist unter diesen Verhältnissen kaum noch imstande, ihren Betrieb aufrecht zu erhalten. Eine Einschränkung bzw. eigene Beschränkung der Bettenzahl ist undurchführbar, weil aus jeden etwa frei werdenden Platz seit langem gewartet wird. Sehr, sehr viele Mütter können ihre Kleinen im Hause jetzt nicht ernähren und viele junge Leben würden verloren gehen, wenn das Säuglingsheim den Müttern die Kinder nicht abnähme. Uebrigens befinden sich auch die vor kurzem im Jüdischen Krankenhaus geborenen Drillinge jetzt im Säuglingsheim. Die Anstalt bedarf und verdient Unterstützung. Der Schatzmeister des Heimes, Herr Bernhard C a s p a r i u s (Berlin), Spandauer Straße 2 7, bittet um Spenden für die Zwecke der jüdischen Säuglingspflege. Posen, 14. September. 8 0 I a h r e d e u t s ch e P r e d i g t in der Posener Synagoge. Am ersten Noschhaschano- Tage des Jahres 1837 wurde hier die erste Predigt in deutscher Sprache gehalten. Tie Neuerung gab den Anlaß zu lebhaften Diskussionen. Wie bedeutungsvoll die erste deutsche Predigt den fortschrittlich gesonnenen Elementen unserer Gemeinde erschien, beweist nachstehende Notiz, die der „Allgemeinen Zeitung des Judentums", Jahrgang 1837, Nr. 101, entnommen ist: „Posen, den ersten November 1837. (Privatmittheil.) Der Herr W. I. Eichborn allhier, Translator, ein Mann voll des regsten Eifers für das Gute und Gemeinbeste, hat am verwichenen Neujahrs- und Bersöhnungsseste den ersten Versuch gemacht, allhier in der sogenann.ten deutschen Synagoge deutsche Predigten zu halten. Ter Gegenstand war: die Flüchtigkeit und die rechte Benutzung der Zeit — und die wahre Rückkehr zu Gott. Die Predigten. zeichneten sich durch Eleganz, Klarheit und Gediegenheit aus, und der Eindruck, den sie bei allen Anwesenden bewirkten, war sehr groß, so daß einstimmig der Wunsch verlautete, Herr Eichborn möchte uns öfters deutsche Erbauungsreden geben." — Breslau, 14. September. Am 10. d. Nt. fand die Beerdigung des Professors Dr. Israel L e w y statt. Ter Entschlafene hatte letztwillig bestimmt, daß er nicht auf dem geschlossenen Friedhofe an der Lohestraße beerdigt werde; er wollte kein Vorrecht genießen, sondern unter den anderen Glaubensgenossen auf dem Friedhof in Kofel zur Ruhe kommen, und von Hause aus, nach alter Weise, So fand denn am letzten Dienstag in der Seminar-Synagoge die Trnuerfeier (11 Uhr vormittags) statt. Dr. Horovicz für die Lehrer, Dr. Winter (Dresden) siir die älteren Schüler, Tr. Freier für die Hörer gaben ihrem Schmerze über den Verlust des Großen in Israel würdigen Ausdruck. Daran schloß sich um 1 Uhr die Ueberführung nach Kosel, wo um 4 Uhr die Beisetzung erfolgte. Es sprachen an der Bahre die Gemeinderabbiner Prof. G u t t m a n n und Tr. N o s e n t h a l, Rabbiner Dr. Rosen zweig (Berlin) namens der zahlreichen Schüler und Freunde, Dozent Dr. E l b o g e n (Berlin) für die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, Mos. L e w y , der Sohn, und am Grabe Rabbiner Dr. S i m o n s o h n. Der Heimgang dieses Mannes bedeutet für die Wissenschaft des Judentums einen schweren Verlust. Der Feiertage wegen müssen wir uns für heute auf diese wenigen Zeilen beschränken. Der Nekrolog folgt demnächst. Köln, 14. September. Die Feier des fünfzigjährigen Amtsjubitäums des Rabbiners Tr. Frank in hiesiger Gemeinde gestaltete sich zu einer Manifestation seltener Verehrung und Hochachtung nicht allein, sondern auch wohlverdienter Würdigung und Anerkennung. Die h.iesigen politischen Zeitungen, zunächst die „Köllmische Zeitung." und die „Kölnische Voilks-Zeiitung" hatten schon <mr Tage vorher Essührliche Berichte über den Jubilar, seinen Lebenslauf, seine Studien und fein Wirken, erstere sogar mit dem Abdruck des Bildes des Jubilars, veröffentlicht. Am Feiertage selbst begann die offizielle Feier im Hause des Jubilars morgens 10 Uhr. Es erschien der Synagogenchor der Synagoge unter Leitung des Musik- und Ehordirigenten B. Sternberg und brachte ein Ständchen. Kurz darauf versammelte sich eine große Schar von Abgeordneten und Deputationen, um ihre Ansprachen und Glückwünsche vorzutrageu. Die Glückwünsche der Königlichen Staatsregierung überbrachte Oberregierungs rat v. Görs chen, der seine eigenen damit verband, unter ausdrücklicher Hervorhebung der leuchtenden vaterländischen Gesinnung des Jubilars. Als Vertreter der Stadt Köln erschien Beigeordneter Dr. W i r s e l, der zugleich im Namen der Schulverwaltung l an Stelle des abwesenden Dezernenten sprach und besonders die hohen bürgerlichen. Tugenden des Jubilars pries. In seinen Dankesworten an den Vertreter der Stadt betonte der Jubilar, daß die Israelitische Gemeinde in Köln seit ihrer Wiedererrichtung im Ansgang des 18. Jahrhunderts jederzeit den vollen Schutz der städtischen Berwaltung gesunden, so daß sie die große und umfangreiche Entwicklung nehmen konnte, die sie zu den angesehensten ihrerseits in Deutschland gemacht habe. Mit Stolz nenne er sich einen Bürger der Stadt Köln, die seine zweite Heimat geworden sei. Der Vorsitzende des Vorstandes der Synagogengemeinde Köln, Stadtverordneter und Mitglied der Handelskammer, Herr Louis E l i e l, überbrachte die Glückwünsche der Gemeinde und der Verwaltung. Er entwarf ein ausführliches Bild des Werdeganges des Jubilars, betonte seine Verdienste, die er sich in seinen früheren Gemeinden Saag (Böhmen) und Linz an der Donau erworben, um darauf aitf das erfolgreiche Wirken in Köln während 42 Jahre zu kommen. In der Erziehung der Jugend, im Gotteshause, in sämtlichen religiösen, sozialen und gemeinnützigen Vereinen, überall trete das vollbewußte und zweckmäßige Schassen, verbunden mit reichen Erfolgen, hervor. Besonders wurden die Bestrebungen des Jubilars, dem N-amen des Judentums Ehre, Anerkennung und Würdigung bei anderen Konfessionen :n> der Stadt und in der Provinz zu erwirken, beleuchtet. Er machte auch Mitteilung von dein Beschluß der Gemeindeverwaltung, demnächst, wie es auch der Wunsch des Jubilars war, eine Jnbilünmsstiftung, ein Nt ä d che n h e i m, ins Leben zu rufen für junge auswärtige Damen, die int kaufmännischen, gelverblichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Leben tätig sind und denen das Heim die Familie ersetzen soll. Ein Fonds wäre bereits zur Verfügung gestellt, der durch die