Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1917)
- Date
- 1917-09-21
- Page
- Seite 456 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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456 ES» Tante TruÄe. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. (29. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) ^^^arnm, warum nur wird es mir doppelt schwer, wenn es sich um meine junge Verwandte dreht? Warum gönne ich jeder Wildfremden eher das Glück als ihr? Meine Kehle ist wie zugeschnürt, als Ich wie zornig Herauspresse: „weil es nicht gut ist, wenn Art und Art sich mischen will, weil das Wesensfremde nie zu Gleichem werden kann, überhaupt, weil die beiden, die sich heiraten, totunglücklich werden und ihre Angehörigen noch mit unglücklich machen würden." Sv tief ist es ihm gegangen? So tief? In meiner Not empfinde ich etwas wie grausame Lust, als ich in sein erzfahl gewordenes Antlitz schaue. Das hat gesessen. Er will reden und findet, wie es scheint, gar keine Worte. Wie einen Seufzer preßt er nur immer heraus: „Ja, so. Ja, so. Ja, wenn Sie so denken, dann hat es ja freilich keinen Zweck, sich noch zu bemühen." „Nein", sage ich scharf. „Meine Tante denkt genau wie ich, das weiß ich." Da lacht er schneidend und bitter auf. Ein grausames Lachen. „Meine Tante!" höhnt er. „Ja, freilich, wenn die so denkt! Ihr Vater dachte anders. Mit dem würde ich mich verständigen können. Ihr Vater —" „Oh, mein Vater war ja gar kein Jude", werfe ich hart ein, „was hat sich der denn um jüdische 'Fragen gekümmert, um äußere und innere." „Nein, nur um menschliche", sagt er weich und sieht mich iraurig an, wie tief beleidigt, als sei e r das Kind des Verstorbenen und ich die feindselige Fremde, die lieblos herabreißt und verleumdet. Günther ist schnell gegangen, und ich habe ihn nicht zurückrehalten. Ich wollte Vaters Bild ansehen, um mir Ruhe zu holen, wie immer, wenn ich in Groll und Not bin, und mein innerer Aufruhr wurde größer und größer vor dem friedlichen Bild. Um alle menschlichen Fragen hast du dich gekümmert, aber nicht um die, die deine engere Gemeinschaft, deine Gemeinde angingen. Für alle Welt hast du gesorgt, aber nicht für dein eigenes Kind. K. i Du bist so glücklich gewesen in deiner Ehe, daß Tante Phine noch heute damit deine Kälte, deinen inneren schnellen Abfall von deinem eigenen Hause, von deiner Lieblingsschwester erklärt. „Das is nich anders, mein Tochter. Wenn en Mann glücklich verheirat is, gehört er de neue Mischpoche." Und ließest doch dein Kind in Einsamkeit zurück, in der man verdurstet und verhungert. Du warst doch Arzt. So mußtest du auch wissen, daß mein Leben eine Unnatur ist, daß die Reue kommen würde und die Sehnsucht und daß ich sie dann nicht mehr würde erfüllen können. Vater, ihr habt mich ausgenützt, du und die Mutter. Vater, ihr habt mich als euer Geschöpf betrachtet, als euer Spielzeug und Eigentum, und nun die Besitzer fort sind, ist keine Verwendung für mich da. Nun bin ich wertlos. Ihr habt mich ins Gefängnis gesperrt und der Riegel daran war eure Liebe und Sorgfalt. Eure ewigen Leiden und meine Sorge um euch waren meine Ketten. Und nun ist mein schützend Gefängnis zerbrochen, und mich packt die Gier, ins Freie zu kommen, aber an allen Glückspforten steht die grausame Aufschrift: „zu spät!"- * Es klopft. Josepha tritt ein, der Gärtner sei da. Er bringe wieder ein frisches Laubgewinde für das Bild- Vorigen Monat „habe er doch auch eins bringen dürfen". „Nein, danke, ich brauche nichts." „Das alte ist aber schon welk", sagt Josepha zaghast und schaut nach der Staffelei. Und als ich nicht antworte, mit leisem, wie erschrecktem Staunen: „Er will's ja diesmal für vier Mark lassen, weil das gnädige Fräulein doch jeden Monat eins nähme." „Schicken Sie ihn fort, ich brauche nichts", sage ich so hart, daß sie erschreckt die Tür von außen schließt. Ich schlage die Augen nicht nieder vor dem Bild, das mich gütig lächelnd anschaut wie immer. Keck und zornig gebe ich den Blick zurück. — — * Ich war mit Tante Phine beim Arzt. Er verschrieb ihr eine Medizin, die ich der Vorsicht halber gleiche selbst in der Apotheke machen ließ; denn Tante machte Ausflüchte. Sie nannte den Doktor zwar „einen poscheten Mann" und war von seiner Sorgfalt recht befriedigt, aber sie hält nun mal die Aerzte für des Apothekers Geschäftsreisende, dem zuliebe sie der Welt das Geld abnehmen. Noch eine Verordnung gab ihr der Arzt und sogar in sehr strengem, wichtigem Ton. Er legte sie auch mir nahe, —: „absolute Vermeidung jeglicher Aufregung". Aber der Herr Sanitätsrat hat leider nicht die Apotheke genannt, in der man dieses Rezept machen lassen könnte. Als wir nach Tantes Wohnung zurückkamen, war Benno von seiner Gebirgstour gerade zurückgekommen, und Tante Phine freute sich in ihrer Ahnungslosigkeit so herzlich mit dem großen Jungen, daß ich leise an des Arztes Verbot mahnen mußte. Sie kann ja den Enkel nicht einsperren wie die zwei jungen Mädchen, im Grunde genommen ist ihr aber nur wohl, wenn sie auch ihn zwei Türen von ihrer Stube, in seinem Arbeitszimmer, höchstens aber im Lazarett weiß. Wie sie die Zeit hat ertragen können:, die er im Kriege und dann so lebensgefährlich krank war, ist mir rätselhaft. Von daher stammt wohl auch das schwere Herzleiden, das der Sanitätsrat mir gegenüber feststellte. Bis zum Ausbruch des Krieges soll sie von wunderbarer Rüstigkeit und Widerstandsfähigkeit gewesen sein. Benno ließ sich in altgewöhnter, wenig liebenswürdiger Weise, halb verlegen, halb unwillig von Großmama verwöhnen, aber sie kennt und versteht seine Art ja am besten: Ich kenne sie auch schon und sah sofort, daß er wieder froh. und im Gleichgewicht war. Er blinkte mir hinter Großmamas Rücken zu und verschwand mit einer eiligen Ausrede. Ich suchte ihm so schnell wie möglich nachzukommen und bekam doch schon Vorwürfe, daß ich „aber auch gar und gar nicht käme". Aber bei dem Vorwurf schon umarmte er mich so stürmisch und jungenhaft wild, wie ich ihm nie zugetraut hätte. „Tante Trude, alles ist gut und in schönster Ordnung, das heißt, das letzte nur, weil Luzi ein süßes gutes Kind ist, das mir in seinem Leben über Verdienst verzeiht und mich tröstet und beruhigt über meine unglaubliche Tölpelei." „Vielleicht erzählst du erst einmal ruhig, lieber Benno. Bis jetzt verstehe ich nämlich kein Wort." „Ach so", sagt er lustig lachend. „Eigentlich ganz natürlich. (Fortsetzung folgt.)