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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-09-21 · Heft 38 (21.9.1917) · p. Seite 455

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 38 (21.9.1917)
Date
1917-09-21
Page
Seite 455 (sequence 11)
Language
German
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einem Gedichte Ausdruck verliehen, das folgenden Wortlaut hat: „Wo, von den Seimgen -verkannt, Leibniz, wie Kästner rühmt, sein Brot in Ehren fand, In jener weisen Stadt des feineren Cheruskers, Ging einst ein. Fremdling um, mit gläubigem Vertrauen, Leibnizens Denkmal wo zu schau'n. Dem, für die Nachwelt, Kunst des Griechen oder Tuskers Den Dank der Mitwelt eingehau'n. Vergebens fragt er die Minister Und alle Rät' und alle Priester; Sie sah'n ihn an und schwiegen düster. Selbst das lebendige Register Der Seltenheiten, selbst der Küster, Sprach: Was weiß ich von dem ungläubigen Philister? Zuletzt erscheint der Mann, der seines Lehrers Sarg Einsam um Mitternacht begleitet, — E i n alter Jude war' s — u n d leitet I h n z u d e r ö d e n G r u ft, diedich, L e i p n i z, barg." Wer der alte Jude gewesen, der den Dichter zur Grabesstätte führte, der aber nach den nicht anders zu deutenden Worten des Dichters auch derjenige war, der e i n st u m Mitternacht bei der Bestattung der Leiche Leibniz' „einsam" dein Sarge seines Lehrers gefolgt war? Johann Heinrich Voß spricht den Namen nicht aus, aber es kann kein Zweifel darüber aufkommen-, daß es, wie Gnhräuer sagt, „n jemand als Raphael, sein frommer Schüler und Freund gewesen sein wird". Guhrauer bemerkt nicht, daß er durch diese zustimmende Ergänzung zum Voßschen Gedichte die Behauptung Eckharts, daß er der alleinige und einzige Mensch war, der Leibniz die letzte Ehre erwies, Lügen straft. Es ist ja schließlich auch keine weltbewegende Frage, wer in diesem Punkte recht hat. Richtiger: hat der Dichter recht, wenn er dem Juden Raphael diese Ehre zu zuweist? Bei Voß kann doch von keiner bösen Absicht, sondern höchstens von einem Irrtum die Rede sein. Oder sagte Eckhart die Unwahrheit? Bei ihm könnte in diesem Falle nur von einer bewußten Unwahrheit die Rede sein, als er den Juden verleugnete und für sich die Ehre reklamierte, Leibniz die Treue rm Tode bewahrt zu haben. Nun, ein zwingender, jeden Zweifel ausschließender Beweis ist da wohl kaum mehr zu erbringen. Aber mit Bestimmtheit kann folgendes gesagt werden. Eckhart, der ehemalige Sekretär Leibniz', seit 1706 Professor der Geschichte in Helmstädt sowie Historiograph Georg I., war nichts weniger als Fanatiker der Wahrheit. Auch in dem von ihm verfaßten Lebenslauf Leibniz' verrät sich mitunter eine zweideutige Haltung gegen den großen Alaun, der sein Wohltäter und Förderer gewesen. So z. B. wenn er von ihm schreibt: „Er ging wenig oder gar nicht in die Kirche und kommunizierte sehr selten. Wenigstens in 19 Jahren, die ich ihn gekannt, weiß ich nicht, daß er es getan. Die Prediger schalten deswegen oft öffentlich auf ihn: er blieb aber bei seiner Weise. Gott weiß, was er vor Motive dazu gehabt!" Ein freundschaftlicher, verehrungsvoller Gedanke scheint, Gott weiß, hinter diesem Eckhartschen „Gott weiß" nicht verborgen gewesen zu sein. Auch in den Leibniz verletzenden Briefen des Ministers v. Bernstorff') wird man den Namen Eckhart in einer Weise erwähnt finden, die vielleicht nicht -auf dessen allzu große Loyalität schließen läßt. Tatsache ist, daß man in Hannover") allgemein erzählte, daß Eckhart *) Guhrauer II. S. 312. 5) Guhrauer S. 323. „nach Leibniz' Tode sich gern mit des großen Mannes Federn geschmückt hat". Bei einem anderen bestimmten Anlaß, bei welchem eine Behauptung Eckharts in sehr zweifelhaftem Lichte erscheint, fragt Guhrauer: „Verschrieb sich Eckhart bloß oder hatte ihm seine Eitelkeit wieder einen- Streich gespielt?" Daß Eckhart später Konvertit wurde und zum Katholizismus übertrat, der für ihn materielle Vorteile brachte, wollen wir nicht als Argument gegen ihn anführen, denn es läßt sich ja nicht beweisen, daß nicht tief innere Ueberzeugung das entscheidende Motiv des Uebertritts gewesen. Aber es wird wohl nicht zu viel behauptet sein, daß, wenn Voß in Versen den Juden Raphael und Eckhart in Prosa sich nennt, die Dichtung vielleicht auf Seite Eckharts zu suchen ist. * * * Noch einmal finden wir Raphael in pietätvoller Beziehung gegen seinen großen- Lehrer und Freund genannt. Leibniz hatte ihm einige Wochen von seinem Tode sein Bildnis zum Andenken geschenkt. Raphael") „war ein von allem Eigennutz und Eitelkeit entfernter Greis; man wußte in Hannover, daß er ein ihm höchst wertes Bildnis von Leibniz besaß und daß der Fall vorkam, da ein eifriger und sehr reicher Liebhaber des Porträts ihm ein ansehnliches Geld dafür bot, aber nichts weiter erreichte als die Erlaubnis, eine Kopie davon nehmen zu lassen." Ein halbes Jahrhundert nach dem Tode Leibniz' kam man auf die Idee, besondere Maßregeln zu treffen, um die Authentizität des Bildnisses wie auch die Porträttreue zum eventuellen Gebrauch von Künstlern feststellen zu lassen. Raphael traf mit einem der damals schon seltenen Alten zusammen, der, wie er, noch Leibniz gekannt hatte, zeigte ihm das Bildnis und fragte, ob er es kenne? Der Mann erwiderte auf -der Stelle: es sei Leibniz. Raphael bat ihn, sein Petschaft auf die Rückseite zu drücken und ihm über seine Anerkenntnis der Aehnlichkeit zwischen dem Bilde und der Person einen Schein auszustellen. Es geschah (1767). „Der Mann wird in unserem Berichte," hebt Guhrauer besonders hervor, „namentlich angeführt und gesagt, daß seine Wahrheitsliebe und Rechtschaffenheit allen seinen Bekannten, die noch leben-, unvergeßlich war." Diesem Zeugnis folgten noch an verschiedenen Tagen des Jahres 1769 die Zeugnisse von drei „Biedermännern und Alten, deren einer in seinem Zeugnis versicherte, den Herrn v. Leibniz von Ostern des Jahres 1700 an sehr speziell gekannt zu haben". Das Porträt Leibniz' vererbte sich in der Familie Raphaels und war im Jahre 1846 im Besitze der Tochter Raphaels und ihres Gatten; „sie ehren es noch jetzt als ein Erbstück, dessen Verkauf ihnen bisher vergeblich angesonnen wordenist". Nach diesem Bildnis hat der Hannoversche Bildhauer Johann Gottfried Schmidt die kolossale Büste des Philosophen gearbeitet. Als ein eigenartiges Gegenstück zu der Sorgfalt und Verehrung, mit der in jener jüdischen Familie das Bildnis Leibniz' bewahrt wurde, sei kurz noch des Schicksals eines anderen vortrefflichen Leibnizschen Porträts gedacht, das in dem Besitz des Neffen Leibniz', dem Schwestersohne und einzigen Erben des Philosophen, Friedrich Simon Löffler, Pastor zu Probstheida bei Leipzig, überging. Es war das nicht das einzige Erbstück, das der hochwürdige Herr bekam. Die Bücher und Papiere wurden beschlagnahmt und teils in die Kurfürstliche Bibliothek, teils in das. geheime Archiv gebracht, aber alles andere, Geld und Geldes-wert, etwa 16 000 Taler ausmachend, erhielt der Pastor. Vor freudigem Schrecken über diesen Reichtum fiel -die Pastorin tot zu Boden; der Pastor, der einzige Schwestersvhn, behielt das Geld, das Porträt seines berühmten Onkels jedoch verkaufte er einem Trödler tür ein paar Taler. Guhrauer S. 369.

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