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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-09-21 · Heft 38 (21.9.1917) · p. Seite 454

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 38 (21.9.1917)
Date
1917-09-21
Page
Seite 454 (sequence 10)
Language
German
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dankbaren Sohne gemalt, erscheint dem Beschauer in seiner ganzen Stattlichkeit und Behaglichkeit. Der Vater ein ungemein tätiger Fabrikant, ausgezeichnet durch geschäftliche Tüchtigkeit und vom Glück reich begünstigt, hatte nicht nötig, den Grtindstein zu seinem Vermögen zu legen; vielmehr entstammte er einer begüterten, seit Generationen in Berlin ansässigen Familie, er wußte aber Lurch große Geschicklichkeit und rühmenswerten Fleiß die väterliche Fabrik zu erweitern und deren Gedeihen zu erhöhen. Dabei war er, ohne zu den Hochgebildeten zu gehören, ein Mann, der Achtung vor geistigem Streben besaß, zugleich ein Mensch, der sich nicht auf seine kaufmännische Tätigkeit beschränkte, sondern seine Muße, namentlich in den Jahrzehnten seines Alters, in denen er sich mehr und mehr von seiner aufreibenden Wirksamkeit zurückgezogen hatte, den öffentlichen Angelegenheiten widmete. Er war Stadtverordneter und Repräsentant der Jüdischen Gemeinde, in beiden Körperschaften der liberalen Richtung zugewandt, trotz seiner gewissen konservativen Lebensweise, ein Mann, dessen kluger, ans reicher in langem Leben gewonnener Erfahrung ersprießender Rat gern gehört wurde. Ohne Prunkliebe waltete er als Hausvater in seinem wohleingerichteten Heim, erfreute sich seines Ansehens und der ihm zu Teil gewordenen Ehrungen. Aber mit berechtigterem Stolze sah er auf die angesehene Stellung seines ältesten Sohnes, der den väterlichen Beruf ergriffen hatte, und sonnte sich in dem Ruhme seines Max, dessen Leistungen, ihm vielleicht nicht immer verständlich, die Welt mit staunender Bewunderung sortrissen, nicht minder an dem Fortschreiten seines Sohnes Felix, der in stiller emsiger Forscherarbeit, nicht genötigt für den Erwerb zu arbeiten und nicht gewillt, den beichten, aber vergänglichen Erfolg des Tagesschriftstellers zu erlangen, rastlos und unermüdlich, in bewundernswerter Tauerarbeit, gründliche Forschungen und mustergültige Ausgaben alter Texte veröffentlichte. Wie oft habe ich den alten Herrn, den beglückten Vater hervorragender Söhne, bei glänzenden Festen in den schönen Räumen meines Freundes Felix Liebermann gesehen, wie er behaglich, ohne Nachlässigkeit, würdevoll ohne Selbstgefälligkeit, vergnügt, aber ohne Anflug verzerrter Lächerlichkeit, neben Georg Waitz, unserem gemeinsamen Lehrer, thronte, in lebhaftem Gespräch mit diesem Meister der Geschichtsforschung, der es verstand, weil er kein verbohrter, hochmütiger Gelehrter, sondern ein Weltmann war, mit einfachen Menschen gemessene Unterhaltung zu führen. Frau Philippine Liebermann war Mutter und Hausfrau, still in ihrer Familie tätig, am liebsten in ihrem weiten Verwandtenzirkel im Kreise der Ihrigen lebend, von einer großen Schar von Enkeln umgeben. Sie übte in einer zarten Weise mit der Anmut, die auch im gewöhnlichen Leben sie zierte, eine große Wohltätigkeit aus; es war ihr Genugtuung, wenn sie alljährlich, gegen Ende des Winters, die schönen Räume, in denen sie sonst als angenehme Hausfrau waltete, für einen der großen Wvhltätigkeitsbasare öffnen konnte, der einen ganz besonders reichen Ertrag zur Unterstützung Armer abwars. Das würdige Ehepaar erscheint in dem Bilde des Sohnes in seiner ganzen Stattlichkeit und bewußter Würde: kein Zug geschmeichelt, nicht durch Sohnesliebe verklärt, sondern durchaus der Natur abgelauscht und doch trotz aller Natürlichkeit mit einem Schimmer der Poesie umkleidet. (Schluß folgt.) Liniges über die Le?ichunsen Leibm?'?wn Judentum und zu Juden. (Zum 2 0 0. Todestag Leibniz'.) Von Gabriel E n g e l s m a n n. (Schluß.) Bo vielfache Mitteilungen über die Beziehungen Leibniz' zu dem berühmten jüdischen Philosophen vorliegen, so wenig bekannt ist das innige Freundschaftsverhältnis, das zwischen Leibniz und einem anderen jüdischen Gelehrten obwaltete, dessen Name selbst in den meisten Schriften über Leibniz unerwähnt blieb. Es war dies ein Mathematiker Raphael, der in Hannover im 98. Lebensjahre starb und zu Leibniz ursprünglich im Verhältnisse eines bewundernden Schülers, später eines hingebenden Freundes und Arbeitsgenvssen stand. Guhrauer (dessen 1846 erschienenes Werk über Leibniz wir schon wiederholt genannt haben und dessen Mitteilungen wir in dem Nachstehenden folgen lassen) berichtet über den Inden Raphael manches, das wohl geeignet erscheinen sollte, diesen Namen in ein helleres Licht zu rücken, als es bisher der Fall war . . . „Leibniz gehörte Zeit seines Lebens zu jenen Auserwählten des Schicksals, denen fast alles gelingt, was sie unternehmen, ihm hatte, wie kaum jemals einem Gelehrten vor ihm, schier ununterbrochen die Sonne des Erfolges gelächelt, gekrönte Häupter wetteiferten miteinander, ihn mit Würden, Ehren und — Pensionen auszuzeichnen, sein Ruhm erfüllte die Welt. Freilich, von den Gebrechen des Alters, die seinen Körper, doch nicht seinen Geist lähmten, blieb auch Leibniz nicht verschont, aber der Philosoph fürchtete den Tod nicht und sah ihn mit Ruhe kommen. Die zeitweise Ungnade, in die Leibniz bei dem Kurfürsten von Hannover gefallen war, hat dem genialen Mann, dem so viel Ersatz dafür von anderer Seite geboten war, gewiß wenig Kummer bereitet. Aber mit dieser fürstlichen Ungnade hing es wohl zusammen, daß Leibniz im Tode ein Schicksal erfuhr, welches in einem so schneidenden Gegensatz zu seinem ruhmgekrönten Lebenslauf stand, wie er kaum von einem phantasiebegabten Kopf krasser erdichtet werden könnte. An dem Leichenbegängnis des großen Mannes nahm ein, sage ein einziger Mensch teil! Vom Hofe hatte sich niemand um den Tod Leibniz' gekümmert, die Geistlichkeit war ihm gram, denn er war nie ein Christ in ihrem Sinne gewesen, war in der Kirche kaum zu sehen und hatte es auch abgelehnt, „das heilige Abendmahl zu nehmen; er habe niemand etwas zuleide getan, habe nichts zu beichten". Der Ritter Ker v. Kersland, der gerade damals in einer Mission an dem Hof in Hannover erschien, war über die Mißachtung, die Leibniz, seinem verehrten Freunde, im Tode widerfuhr, so empört und betrübt, daß er ausrief, man habe dem Mann, der die Zierde seines Vaterlandes war, „eher wie einen Wegelagerer begraben". Dies bestätigt auch Eckhart, der in seinem Bericht über den Tod und die Bestattung Leibniz' zum Schlüsse sagt: „Das einzige ist zu verwundern, daß, da der ganze Hof ihm zu Grabe zu folgen eingoladen war, außer mir kein Mensch erschien. Daß ich mir also sehr viel gewußt, daß ich die letzte Ehre diesem großen Manne einzig und allein erwiesen." Wo die Leiche bestattet wurde? Es scheint, daß man nicht einmal die Stätte mit aller Bestimmtheit anzugeben weiß, denn im Konservationslexikon, das sich mit gutem Grund hierüber vorsichtig ausdrückt, heißt es: „Er starb 14. November 1716 in Hannover und soll in der Neustädter Hofkirche daselbst bei,gesetzt worden sein" usw. Eine kupferne Platte in einem der Gänge der Kirche mit der Inschrift Ossa Leibnitii zeigt die Stätte an. „Sie ist", lesen wir in Guhrauer, „neueren Ursprungs. Noch ein halbes Jahrhundert nach Leibnizens Tode konnte der Fremde nur mit Mühe dem Orte nachforschen, welcher des großen Leibniz irdische Reste birgt". Das Zeugnis Eckharts, daß ein einziger Mensch dem Sarge Leibniz' folgte, läßt kaum einen Zweifel zu. Aber — Eckharts Worte in Ehren! — wir können nicht so sicher behaupten, daß der einzige, der dem Sarge folgte, auch wirklich — Eckhart war. Ein edler, deutscher Dichter, Johann Heinrich Voß, hat, nach dem Horazschen Worte facit indignatio versus, seiner Empörung über die entsetzliche Gleichgültigkeit anläßlich des Todes eines Leibniz in

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