Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1917)
- Date
- 1917-09-21
- Page
- Seite 453 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Bildern der Ausstellung, von der noch zu sprechen ist, etwas mehr als ein halbes Dutzend besagen? Von biblischen Bildern ist eine „Eva" vorhanden; von neutestamentlichen ,,Christus im Tenrpel"; die Synagogen in Amsterdam und Venedig erscheinen; nicht weniger als fünf mal wird die Judengasse in Amsterdam wiedergegeben. Sie kehrt auch in den Studien noch einmal wieder und zu ihr gesellt sich eine solche „Simson und Dalila". Der jüdische Einschlag jedoch in Liebermänns Wesen, in seinem stark ausgeprägten Charakter, der sich schon früh in seiner großen nicht laut und prahlend geübten Wohltätigkeit zeigt, bekundet sich auch, wenn ich nicht irre, in seiner Skepsis und in seiner Vorliebe für die Gebeugten und Niedrigstehenden, in seiner, in manchem Bilde hervortretenden Neigung zu der Vergangenheit jüdischer Entwicklung. Trotz solcher gelegentlichen Anlehnung an die Vergangenheit ist unser Meister ein Kind der Gegenwart, trotz seiner Abhängigkeit von der Fremde und seinem häufigen und langen Verweilen im Auslande ein Urberliner, der nicht aus Laune allein gern Berlinisch redet. Er wurzelt in der Gegenwart und malt das, was sich ihm aufdrängt. Was er sieht und wie er es sieht: die Menschen, Männer und Frauen in ihrer oft anstrengenden und niederen Arbeit, die Natur, aber nicht die erhabene, sogenannte schöne, sondern die fruchtbare, scheinbar eintönige, der er Ungeahntes und Unentdecktes zu entlocken weiß. Aber merkwürdig genug ist es, daß dieser Armeieute-Maler, wie man ihn und seine Genossen ehedem spottweise bezeichnet, nicht zum mindesten — die vornehmen Menschen abkonterseit hat. Liebermann ist ein Meister des Porträts. Er hat schöne und vornehme Damen, reiche, bedeutende, hochberühmte Männer gemalt: Kaufleute, Gelehrte, Beamte, Diplomaten, Fürsten. Daß er sich dem Porträt zuwandte, hat seinen Grund nicht etwa in der Sucht nach Geldgewinn, die dem von Haus nicht Unvermögenden und später durch Erbschaft reich Gewordenen, dabei Unverwöhnten, fernlag. Wenn er später diesen Erwerbszweig, da er ihm nach lang umstrittener Epoche des Ringens als Siegespreis dargeboten wurde, ergriff, so wurde er nicht durch äußere Beweggründe, sondern durch einen inneren Zug dazu getrieben. Denn er wußte wohl, daß er dadurch nicht aus seiner Natur herauszutreten nötig hatte. Gerade bei diesen Porträts zeigt sich wohl am sieghaftesten die Kunst des Malers. Für mich war, als ich die von der Kgl. Akademie der Künste veranstaltete Liebermann-Ausstellung besuchte, über die ein schöner, mit vielen Bildern ausgestatteter Katalog vorliegt, gerade diese Porträtsammlung die anziehendste. Welche Fülle geistvoller, kräftiger, nervöser, scheuer und energischer Gestalten und Gesichter. Wie treten alle diese Generäle und Bürgermeister, Gelehrte und Künstler, Kaufleute und Private leibhaftig vor den Beschauer. Gewiß sind bei den meisten gemeinsame Züge und doch ein jeder in seiner Eigenart und Besonderheit. Mir erschien als Krone das Bild des Geh. Rates Rathenau, des genialen Schöpfers und Ausgestalters der Allgemeinen Elektricitätsgesellschaft, übrigens das einzige sitzende Bild in ganzer Figur. So viel Sorgfalt auch auf den Sessel und das Zimmer verwandt ist, so plastisch die ganze Umgebung erscheint, der Mann sitzt sprechend vor uns da mit seinen hochbedeutenden Zügen; ein schöpferischer Geist redet aus dem prachtvollen Kopf. Für unsere Leser dürfte von besonderem Interesse die Skizze des Gepreindeältesten Herrn Netter sein; man bedauert nur, daß die klugen, liebenswürdigen Züge bloß angedeutet, nicht ausgeführt sind. Mit Bedauern vermißte ich in der Ausstellung, die doch eigentlich das Lebenswerk des Meisters hätte umfassen sollen, drei Bildnisse, die mir besonders vertraut sind: das Rudolf Virchows, des unsterblichen Forschers, des nimmermüden Arbeiters und des mutigen Politikers; das Hermann Cohens, des hvchbedeutenden Philosophen, dessen Denkerstirn in dem gewaltigen Kopf zur Bewunderung hinreißt; das Herman der in seiner ganzen bezwingenden Liebenswürdigkeit, seiner lebensprühenden Daseinsfrende und machtvollen Energie den Beschauer unterjocht. Bei allen diesen Bildern hält sich der Meister nicht bei Kleinigkeiten auf und läßt das unbeachtet, was Modekünstlern mitunter als Hauptsache erscheint: schöne Kleider, wohlgepflegte Hände; er will nicht verschönern, nicht den günstigen Moment treffen, nicht den bezaubernden Anblick verewigen oder die imponierende Pose festhalten, — er geht vielmehr nur auf das Bleibende, das Charakteristische; sein Streben ist, den Menschen in seiner Ganzheit darzustellen, ihn so zu schildern, nüe er in seinem Berufe, in seiner Tätigkeit, im unbefangenen Gespräche erscheint. Und darum gelingen ihm Charakterköpse, selbst solche von ausgesprochener Häßlichkeit, besser als die geschniegelten, konventionellen Typen, eben weil er es versteht, das Bedeutende herauszusinden und durch seinen Pinsel zu verewigen. Von solchen Porträts mögen hier einige Proben folgen, nach Photographien, die mir von der Kunsthandlung Paul Cassirer gütigst zur Verfügung gestellt worden sind. I. L i e b e r m a n n s Eltern. Das würdige Ehepaar, Louis Liebermann und Philippins geb. Haller (Louis Liebermann 8. Februar 1819 bis 9. April 1894, Philippine Liebermann 3. August 1822 bis 25. August 1892), am 21. November 1891 zu ihrer goldenen Hochzeit von dem Veit Simon Max Liebermann: „Die Eltern des Rünstlers"