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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-09-21 · Heft 38 (21.9.1917) · p. Seite 452

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 38 (21.9.1917)
Date
1917-09-21
Page
Seite 452 (sequence 8)
Language
German
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Mar jCitbtrmann als Maler der Sriliigkn. Von Ludwig Geiger. ls ich einer Anregung des Herrn Verlegers folgend, jeder Nummer dieses Blattes ein Bild beifügte, hielt ich es für meine Pflicht, an der Spitze des neuen Jahrgangs, in dem diese Neuerung durchgesührt wurde (im Jahre-1910, Nr. 1), den Meister der modernen Malerei, den wir als den Unserigen anzusprechen haben, vor den Lesern erscheinen zu lassen. Diese Nuininer ist jetzt vollständig vergriffen, daher können nur eifrige Sammler oder Benutzer öffentlicher Bibliotheken Einsicht in jene Nummer nehmen. Für die übrigen Leser dieser Zeitung ser deswegen nur kurz bemerkt, daß die erste Mitteilung aus einer Autobiographie des Künstlers besteht, die im wesentlichen seine Jugend, seine Entwicklung zum Maler schildert. Dieser trefflich geschriebenen, humoristisch gefärbten, temperamentvoll abgefaßten Skizze fügte ich drei Bilder hinzu: das Selbstpvrträt des Malers aus den Uffizien in Florenz, die Jndengasse in Amsterdam und „Jesus und die Schriftgelehrten". Ten Aufsatz versah ich mit einem kurzen Nachwort. Am 20. Juli 1917 feierte Max Liebermann seinen 70. Geburtstag. Er wurde von seinen Freunden und Fachgenossen hoch geehrt; eine unserer ersten Fachzeitschriften veröffentlichte eine besondere Liebermann-Nummer, die Tagesblätter, Wochen- und Monatsschriften widmeten ihm stimmungsvolle, teilweise begeisterte Artikel, und eine große ungemein prächtige Festschrift, von Julius Elias herausgegeben, ist im Erscheinen. Jrh begnügte mich bei diesem Anlasse, aus den Meister' hinzuweisen und, da fast zu gleicher Zeit der 75. Geburtstag Hermann Cohens einfiel, die beiden hervorragenden Männer, die bei aller Grundverschiedenheit des Faches und des Wesens doch manche Aehnlichkeit aufweisen, zusammen zu behandeln („Allgemeine Zeitung des Judentums" Nr. 29, S. 343, „Die Woche" s Schluß)) und durch diese schlichte Gegenüberstellung den beiden Meistern zu huldigen und unser Blatt zu ehren. Wenn ich in dieser Nummer noch einmal aus Liebermann zurückkomme, so geschieht es nicht, um das damals Unterlassene nachzuhvlen. Ich sage absichtlich „das Unterlassene", nicht das geflissentlich Versäumte. Wenn ich mir auch immer bewußt bleibe, ein jüdisches Blatt herauszugeben — so eng will ich die Grenzen dieser Zeitung nicht ziehen, um bei den in der Allgemeinheit wirkenden Männern einzig und allein dasjenige hervorzuheben, was sie zu Juden stempelt. Darum habe ich mich nicht gescheut und werde mich auch in Zukunft nicht scheuen, bedeutende Menschen in Wort und Bild meinen Lesern vorzuführen, die durch ihren Ursprung und ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben die Unsrigen sind, selbst'wenn ihr Zusammenhang mit dem Judentum sonst ein sehr loser ist. Bei Liebermann aber steht die Sache anders. Zu einer Gesamtdarstellung des Wirkens dieses hervorragenden Meisters fehlt mir der Platz, auch dürfte es schwer, wenn nicht unmöglich sein, einen geeigneten Bearbeiter des Themas zu finden, und endlich möchte die Mehrzahl der Leser eine weitausholende kunstgeschichtliche oder kunstästhetische Studie mit der Aufgabe dieser Zeitung nicht recht vereinbar finden. Bei dieser Sachlage muß ich mich damit begnügen, gewissermaßen nur zur Einführung der nachfolgenden Bilderreihe und der diesen gewidmeten Bemerkungen ein paar leichte Striche zur Charakteristik des Meisters zu geben. Bei einem solchen Unterfangen bedarf ich einer zwiefachen Entschuldigung: der einen, daß ich weder ,Kenner, noch Fachmann bin, der anderen, daß ich, in anderen Traditionen ausgewachsen, mich nicht zu den völlig unbefangenen Beurteilern der Moderne rechnen darf. Liebermann ist ein deutscher Künstler, aber beeinflußt durch das Ausland, genährt vom Judentum. Ein deutscher Künstler, der, deutsch in seiner Sprache, Entwicklung und Empfindung, das deutsche Leben der Gegenwart darzustellen bestrebt ist. Weder aus der Vergangenheit, noch aus Büchern, noch endlich aus reiner Phantasie wählte er seine Stoffe,. Er malte vielmehr, was er sah, was sich ihm ungewollt darbot, ohne daß er es mühsam zu suchen trachtete. Beeinflußt durch das Ausland. Denn wenn er auch in Deutschland gelernt hatte, seine eigentliche Ausbildung erhielt er in der Fremde. Nicht in Italien, das so vielen Künstlern vor, mit und nach ihm Anregung und Nährboden gewährte, das ihm aber äußerlich und innerlich stets fremd blieb, so daß er, als er das Land in reifen Jahren aufsuchte, an den großen Meistern kühl und fremd vorüberging und mit besonderer Vorliebe und tiefem Verständnis die naiven Vorläufer der Blütezeit umfaßte. Wohl aber wurden ihm Holland und Frankreich die großen Lehrstätten seiner Kunst: Holland mit seinen weiten Ebenen und dem Wasser, seinen Herden und Menschen, vor allem in der Gegenständlichkeit der Kunst der alten Meister, in deren Hinneigung zum Kleinleben, in der Bevorzugung der Arbeiter und Tagelöhner, der Armen und Dürftigen; Frankreich in seinem Impressionismus und der Eigenart merkwürdig gemischter Farben, die eine neue Sehfähigkeit bekundeten, ganz anders geartet als die, in der Menschen vergangener Zeiten die Natur und die Gegenstände in der Umwelt erblickt hatten. Und wenn ich endlich wage, diesem deutschen Maler, der wie ein jeder echte Künstler, seine starke Kraft dem Heimatboden entnimmt und der gleichzeitig, wie der weltbürgerlich angehauchte Moderne, die Einwirkung durch das Ausland nicht missen kann, Beeinflussung durch das Judentum zuzuschreiben, so versuche ich das mit einiger Bangigkeit, die einerseits dadurch begründet ist, daß ich mich auf ein fremdes Gebiet wage, anderseits dadurch, daß ich mit solcher Vermutung den Antisemiten willkommene Nahrung gebe. Aber ich meine, daß ein so pietätvoller Mensch, wie Liebermann es ist, trotz scheinbarer Rücksichtslosigkeit und einer mehr zur Schau getragenen. als innerlich vorhandenen Respektwidrigkeit gegen das Ueberkommene doch die Tradition in sich spürt, mehr ihren Segen, als die durch sie oft genug veranlaßte Hemmung, daß er, obgleich er sich von allen Formen und' Gebräuchen losgemacht hat, doch den Zusammenhang mit dem Hergebrachten in sich bewahrt. Zeugnis dafür ist mir ein Bild, das ich in Liebermanns Elternhaus gesehen zu haben mich erinneve: ein aus appetitlichen Fleischwaren zusammengestelltes Stilleben, an dem, deutlich sichtbar, der Koscherzettel prangte. (Es ist wohl dasselbe, das im Katalog der Berliner Ausstellung unter Nr. 13 als „Küchenstilleben mit Bildnis des Künstlers 1873" aufgeführt ist.) Und doch ist das Malen dieses Gegenstandes, das man vielleicht auch als liebenswürdige Gefälligkeit gegenüber den im Hause geübten Gebräuchen bezeichnen könnte, nicht das einzige, das man als jüdisch in Liebermanns Kunst ansprechen möchte. Vielmehr gehört dazu die Vorliebe des Meisters, welcher hauptsächlich Wäscherinnen und Spinnerinnen, Schwerarbeiter und Lastträger zum Vorwurfe nimmt, für jüdische Typen, denen er ganz besonders in Holland nachgegangen ist, weil solche sich ihm dort in gewissermaßen autochthonem Gepräge darboten, während die polnisch-russischen Juden, die in Deutschland Gastrollen gaben, ihn als ausländische Sondergestalten weniger reizten. Bilder jüdischen Inhalts sind verhältnismäßig selten, denn was will bei 267

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