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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-09-21 · Heft 38 (21.9.1917) · p. Seite 451

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 38 (21.9.1917)
Date
1917-09-21
Page
Seite 451 (sequence 7)
Language
German
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traditionellen Ideen, die ihr Kraft und Daseinsberechtigung auch heute nach geben: Aufklärung, Humanität und deutsche Geistesbildung, sich durchaus zu eigen gemacht und sie in diesem traditionellen Geiste leitet. Wie sehr er aber diese alten Ideen mit neuzeitlichem Inhalt erfüllte, davon zeugt als klares Symbol das stattliche neue Haus, dessen Erstehen vor allem sein dankenswertes Werk ist — ein dauernder Zeuge seiner schöpferischen Tatkraft! Eine ungeheure Arbeitskraft hatten die ersten zehn Jahre der Frankfurter Tätigkeit erfordert; die amtliche allein schon ging über das gewöhnliche Maß bei weitem hinaus. Aber dennoch traten die allgemeinen Interessen nicht zurück, ja sie erweiterten sich ständig. Neben die alten Schöpfungen, die sorgsamer Pflege bedurften, traten bald neue. In Frankfurt erstand durch ihn ebenfalls ein Israelitisches Lehrerinnenheini, und 1910 gründete er eine Darlehnskasse für jüdische Lehrer, die seinen Namen trägt. Doch damit ist der Umfang seiner der allgemeinen Wohlfahrt gewidmeten Tätigkeit keineswegs umgrenzt. Es gibt kaum eine jüdische Organisation von allgemeiner Bedeutung, bei der er nicht an leitender Stelle als Mitglied der Verwaltung, des Vorstandes oder als Vorsitzender selbst tätig und anregend wirkt, im Geschäftsführenden Ausschuß des Verbandes der deutschen Juden, des Zentralvereins der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens, des zu Frankfurt bestehenden Ost-Europäischen Komitees, des Hilfsvereins der deutschen Juden, wie des Kuratoriums der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums Berlin. Daß er als Vorsitzender in den Verwaltungen zahlreicher in Frankfurt bestehender Wohltätigkeitsvereine und Stiftungen eine wgenSreiche Tätigkeit entfaltere, ist nach alledem selbstverständlich. Daß von einer Einzelkraft so viele und mannigfache Arbeit geleistet werden kann, ist staunenswert; staunenswerter aber noch, daß ein reicher Erfolg all seinen Schöpfungen beschieden ist und ihnen Dauer verheißt. Man muß sich wohl vor Augen halten, welche Hindernisse parteireligiöser Natur, welche Schwierigkeiten finanzieller Art sich solchen Gründungen von Vereinen, Anstalten und Stiftungen entgegenstellen. Er hat sie alle überwunden! Es ist nicht nur seine fesselnde überzeugende Redegabe, nicht nur seine tiefgründige Menschenkenntnis, nicht nur seine liebenswerte, oft humorvolle Art, selbst schwierige Probleme anzupacken, die zum Erfolge führte — solche Mittel brächten letzten Endes doch nur Scheinerfolge. Nein! Das Geheimnis seiner beispiellosen Erfolge liegt vielmehr in dem ihm eigenen klaren Blick für die Realitäten des Daseins, in der klaren Erkenntnis des durchaus Notwendigen und des wirklich Erreichbaren. Diese wunderbare Naturanlage gibt ihm die unerschütterliche Sicherheit im Handeln, den Glauben an die Durchführbarkeit seiner Pläne, für die er allerdings auch seine ganze Persönlichkeit, sein starkes Wollen, sein warmes Empfinden einzusetzen weiß. Die eigentliche Quelle seines Handelns ist schließlich sein echtjüdisches Herz. Nie begnügt er sich mit bloßem Mitempfinden oder mit leeren Worten; stets zeigt er in persönlicher Anteilnahme tiefes Verständnis auch für die Bestrebungen und die Pläne anderer wie auch für ihre Sorgen und Nöte und weiß allemal durch die Tat zu fördern, zu helfen. Seiner freudigen Hilfsbereitschaft, seiner unmittelbaren persönlichen Förderung verdanken zahllose Männer und Frauen Besserung ihrer Lebensbedingungen, Erhaltung und Wiederaufrichtung ihrer Existenz. Dabei erleichtert seine persönliche Art, seine Zugänglichkeit und Schlichtheit gerade diese Arbeit, die so viel Vertrauen von der einen Seite, so viel Takt auf der anderen erfordert. Er ist so gar nicht Pedant, so gar kein Bureaukrat — er ist Mensch, und nichts Menschliches ist ihm fremd. Und er r>f - ist zugleich ein moderner Mensch, ein moderner Deutscher, wie er ein moderner Jude ist. Nicht in traditionellen Formen, die doch wandelbar sind, sondern im traditionellen jüdischen Geiste wurzelt sein Wesen. Mit ihm verbindet er die Erfordernisse des modernen Lebens, wie er auch für eine Aussöhnung von Deutschtum und Judentum sich einsetzt. Wohl mochte gerade Adlers Kare Einsicht in die tatsächlichen Verhältnisse zuwellen eine Beschränkung der Ziele auf das Mögliche ihm auferlegt haben, eine Beschränkung, die von manchen „Unentwegten" hüben und drüben als Kompromiß gescholten ward, aber das Rechnen mit den Tatsächlichkeiten ist schließlich der einzige Weg, auf dem praktische Arbeit geleistet werden kann. Und praktische Arbeit zu leisten ist für Adler innerstes Bedürfnis, ist ihm Inhalt und Zweck seines Daseins. Was vielleicht ursprünglich dem Drang nach Betätigung überschüssiger Kräfte entsprossen, ist ihm allmählich znr Herzenssache geworden. Das enrpfindet jeder, der aus eigener Anschauung seine Wirksamkeit kennt. Das empfindet der gesamte jüdische Lehrerstand Deutschlands, der als Organisation sein Werk ist und der dies mit Stolz und Dank anerkannte, als er ihn zum Ehrenvorsitzenden seines Verbandes machte. Er hat die so wenig günstigen, unsicheren Daseinsbedingungen des jüdischen Lehrerstandes durch die Zusammenfassung aller Kräfte in Organisationen zu bessern und zu festigen gewußt. Er hat den ganzen Stand nicht nur materiell und sozial zu heben verstanden, sondern ihm auch ideell Weg und Ziele gewiesen durch die von ihm mit besonderem Eifer betriebene Reorganisation des jüdischen Religionsunterrichtes. In einer ausführlichen Denkschrift an den Vorstand des Rabbiner-Verbandes machte er vor wenigen Jahren erst Vorschläge zur inneren und äußeren Hebung dieses Faches, Vorschläge, die den Verhandlungen der Generalversammlung des Rabbiner-Verbandes zu Berlin (Mai 1916) als Grundlage dienten. Die Forderungen, daß der israelitische Religionslehrer an den Zensur- und Versetzungskonferenzen teilnehmen, daß der Unterricht selbst obligatorisch werden und seine Bewertung auch im Prüsungszeugnis zum Ausdruck kommen müsse, erhebt er mit allem Nachdruck, desgleichen aber auch die Forderung eines einheitlichen abgerundeten Lehrplans, der auch das Hebräische «(8 Teil des Religionsunterrichts an höheren Schulen umschließt. Noch sind diese Dinge im Werden. Sie sind im Grunde genommen nur ein Teil unserer jahrhundertealten Gleichberechtigungsbestrebungen, die Adler mit aller Energie vertritt. Er, der sich als deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens freudig beikennt — wiederholt hat er in Rede und Schrift diesen Standpunkt bekundet —, verlangt auch volle Anerkennung und Gleichstellung unserer Religion im Staate. Und er, der sonst gern vermittelt, versöhnt, die Kräfte zu gemeinsamer Arbeit sammelt und eint, ist hier, wo es nottut, entschieden und scharf im Kampfe. Handelt es sich hierbei doch um die Zukunft unserer Religion und ihrer Bekenner, um ihre Stellung im staatlichen Organismus, dem sie angehören wollen mit Leib und Seele. Nach dem Kriege wird auch die jüdische Frage eine Lösung erheischen. Da wird es solcher Männer bedürfen, die mit großer Sachkenntnis auch Tatkraft und Geschicklichkeit verbinden, die mit der warmen Begeisterung die Klarheit des Urteils vereinen, deren Kraft an der Größe der Aufgabe noch wachsen mag. Hoffen wir, daß Salo Adler unter diesen Männern in vorderster Reihe stehen wird, daß seine reiche Erfahrung, sein klarer Blick, sein sicherer Takt, sein diplomatisches Geschick, seine schöpferische Organisationsgabe sich dann erst recht bewähren können, daß er durch weitere reiche Erfolge, die unserer Gemeinschaft wie dem Volksganzen zugute kommen, sein schönes Lebenswerk kröne. A. G.

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