Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-09-21 · Heft 38 (21.9.1917) · p. Seite 450

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 38 (21.9.1917)
Date
1917-09-21
Page
Seite 450 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3229286-3229324--73420-3285901
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

■ ' ■■ ■; ■ ■ ' - , - - . - *— 45Ö schöpferische Kraft in theoretischer Arbeit sich entfaltete und im ideellen Aufbau und Ausbau der Religion sich betätigte. Es ist klar, daß die Größe einer solchen- Arbeit, von der letzten Endes Stellung und Rang der Religion im Geistesleben nicht nur unserer Gemeinschaft, sondern der Völker überhaupt abhängt, die restlose Einsetzung der ganzen Kraft bedeutender Persönlichkeiten erheischt. Nur die eherne Konsequenz einer von der Wirklichkeit gelösten Spekulation kann die Endziele des religiösen Seins so unverrückbar aufstellen, daß das Streben nach ihnen zu ständigem Fortschritt führt. Aber in dieser Loslösung von der Wirklichkeit liegt auch eine große Gefahr. Religion und religiöse Erkenntnis werden so leicht eine Domäne weniger erleuchteter Geister oder höchstens noch einer bestimmten Kaste, die von Berufs wegen den religiösen Dingen verpflichtet ist. Und diese Gefahr war gerade gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts besonders groß. Ueber den Kämpfen um die innere Gestaltung des Judentums hatte man eigentlich praktische Arbeit unter den Juden vernachlässigt. Eine Hintansetzung dieser Art aber mußte früher oder später sich bitter rächen. Das Aufschi-eßen des Antisemitismus, der Stillstand, ja der Rückschritt der Emanzipation, -die schlaffe Indifferenz, die zahlreichen Taufen — sie sind zum Teil wenigstens Folgen davon, daß die Religion den Kontakt mit dem Leben zu verlieren begann. Nun hat das Judentum nie großen Ueberfluß an Männern gehabt, die mit dem sichern Blick für die Realitäten des Lebens zugleich den Mut verbanden, diesen Realitäten durch praktische Arbeit Rechnung zu tragen, die mit starker Kraft auch die zähe Ausdauer und den selbstsicheren Takt vereinigten, Anlagen und Fähigkeiten, die allein imstande sind, eine so komplizierte Aufgabe — trotz aller Gegenströme und Widersacher, trotz Nörgler und Zweifler — zu sicherem Erfolge zu führen. Zu den wenigen Männern solcher Art kann Salo Adler sich mit berechtigtem Stolze zählen. Sein Lebensgang ist ein ungewöhnlich rascher Aufstieg. Geboren am 26. September 1857 ju Ratibor in Oberschlesien als das jüngste von vier Kindern des Kaufmanns Mvritz Adler und seiner Ehefrau geborene Matzdorff, verlor er im Alter von elf Monaten seinen Vater, so daß der in dürftigen Verhältnissen zurückbleibenden Mutter die Erziehung der Kinder überlassen blieb. Sie war eine kluge, energische Frau, die mit besonderer Sorgfalt ihrem Erziehungswerke oblag. Der Knabe besuchte zunächst die jüdische Elementarschule, dann das Königliche Gymnasium seiner Vaterstadt. Im hebräischen Schrifttum wurde er von dem Rabbiner Löwe, einem bedeutenden Talmudgelehrten, unterwiesen. Sein besonderes Interesse für Geschichte und Geographie ließ ihn diese Fächer — neben Germanistik — wählen, als er die Universität zu Breslau bezog, wo sich besonders nahe Beziehungen zum Universitätslehrer Alfred Dove entwickelten. Nach dreijährigen Studium (1876 bis 1879) wirkte er als Lehrer der Samsonschule in Wolsenbüttel (1879 bis 1882) und setzte zu gleicher Zeit seine Studien fort; 1880 promovierte er zum Doktor der Philosophie in Göttingen WM«MM«^WWWWWWWWMWMWDWWff und legte 1883, nachdem er Wolsenbüttel verlassen-, in Breslau die wissenschaftliche Staatsprüfung ab. Adler begann seine lehramtliche Tätigkeit in -Schneidemühl (Provinz Posen), zunächst als Probekandidat und wissenschaftlicher Lehrer am dortigen Gymnasium, wo er sich der besonderen Zuneigung des Direktors Kunze (des Herausgebers des bekannten Kalenders) erfreute. Aus dessen Empfehlung erfolgte 1885 die Wahl zum Ersten wissenschaftlichen Lehrer an der Städtischen Kaiserin-Augusta- Victoria-Schule zu Schneidemühl. Die Bestätigung durch die Regierung erfolgte erst nach langem Kampfe, dann aber unter besonderer Anerkennung der hervorragenden Leistungen; 18L9 wurde er zum Oberlehrer ernannt. Dochschon im folgenden Jahre erfolgte seine Berufung zum Rektor -der Mädchenschule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin als Nachfolger Steinschneiders. des großen Gelehrten. Mit 32 Jahren also gelangte der junge Schulmann in eine leitende Stellung, und sofort enthüllt sich seine ungewöhnliche Tatkraft, sein starkes Organisationstalent. Die Reorganisation der Schule, die Modernisierung des Unterrichtsbetriebes, die eigentliche Berufsarbeit beanspruchte zunächst \ seine frische Kraft, verschlang sie j aber nicht vollends. Von Anbeginn \ entfaltete er eine ungewöhnlich , reiche außeramtliche Tätigkeit. 1892 \ trat er als Delegierter des Deutschi Israelitischen Gemeindebundes in < die Gemeinde-Unterstützungskommis- > sivn ein, der er später als Mitglied s des Ausschusses angehörte. Beson- ' dcrs aber galt seine Arbeit der Fürj Schulen und die an ihnen wirkenden Lehrkräfte. ( Ihnen wandte er sein Hauptinteresse j zu. Vor allem galt es, den Relij gionsunterricht zu heben, ihm festere Formen und größere Anerkennung zu verschaffen. Und dies war nur , möglich durch Schaffung eine? j würdigen und gewürdigten -Stau- , des. Es galt Organisationen zu j; schaffen, die solchen Ideen feste Gej statt zu geben vermochten. So gelang es ihm, 1893 die Wissenschaft- 9 liehe Vereinigung jüdischer Schul j männer zu Berlin zu gründen, die j gleichzeitig eine Vorbereitung für die Gründung des Verbandes der j jüdischen Lehrervereine Deutschlands bildete, deren erster { Vorsitzender Adler war und bis I960 blieb. Dir ( Sicherung der äußeren Lage der Lehrkräfte lag ihm r ebenso am Herzen. Eine Pensions-, Witwen- und Waisenkaß.' des Verbandes wird durch ihn ins Leben gerufen, 1898 bis 18!>'> wird das Israelitische Lehrerinnenheim zu Steglitz (jetzt in * Berlin-Lichterfelde) gegründet. Es war nur folgerichtig, daß c eine solche organisatorisch-schöpferische Kraft, die aus eigenem ' Antrieb ein weites Betätigungsfeld neben der Berufsarbeit sich erschuf, für einen größeren Wirkungskreis gewonnen c. ward. So gelangte er — nach Baerwalds Rücktritt vom Amte — als Direktor des Philanthropins nach Frankfurt a. M. (19091. * Was Adler für diese Schule geleistet, wie kraftvoll und bestimmt er hier reorganisierte, wie bedeutsam die neuzeitlichen Reformen waren — das alles, gehört der Schulgeschichte an und ist für weitere Kreise von geringerem Interesse. Aber das muß doch auch hier gesagt werden, daß er die Ideen, auf denen diesc e Bildungsstätte der Frankfurter Gemeinde basiert, daß er dic sorge für jüdische Direktor Dr. S. Adler (Frankfurt a. M.).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.