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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-09-21 · Heft 38 (21.9.1917) · p. Seite 447

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 38 (21.9.1917)
Date
1917-09-21
Page
Seite 447 (sequence 3)
Language
German
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die Italiener hatten die entsetzlichsten Verluste erlitten und sind trotzdem keinen Schritt vorwärts gekommen. Im Südosten hat es ebensowenig an Vorstößen der Gegner gefehlt, die gleichfalls zurückgeschlagen worden sind. In der Bukowina suchen die Russen wieder vorzudringen. Bisher ist es ihnen nicht gelungen, zu irgendwelchem bedeutenden Unternehmen sich zu sammeln. Im Nordosten endlich weichen die Russen i m in er mehr zurück; die Beute bei Riga erreicht beinahe 9000 Gefangene und ist in bezug auf Munition und Material hochbedeutend. Worauf die Entente ihre in den letzten Tagen mehrfach ausgesprochene Hoffnung stützt, noch im Laufe dieses Jahres den Krieg siegreich zu beenden, ist nicht klar. Wir haben die Bedeutung des Eingreifens Amerikas niemals unterschätzt, sind aber doch der Ansicht, daß es den Vereinigten Staaten nicht gelingen wird, Truppen in solcher Stärke und Ausrüstung binnen kurzer Zeit nach Europa zu werfen, um dadurch die Entscheidung des Krieges zu erzwingen. Die schon seit längerer Zeit recht schwach gewordene Hoffnung auf Rußland haben die westlichen Mächte jetzt fast ganz aufgegebcn. Dort scheint ein toller Wirrwarr zu herrschen. Der General Kvrnilow, der, wie man sagt, für sofortige Einstellung der Feindseligkeiten ist, hat sich gegen die provisorische Regierung empört und marschiert gegen Petersburg; in dieser Residenz herrschen chaotische Zustände; eine Gegenrevolution ist, wie man vielfach berichtet, im Anzüge. Wie sich in diesem Lande die Zustände entwickeln, kann man nicht sagen. Ob vollständige Anarchie eintreten wird, ob ehrgeizige Generale und Staatsmänner ihre Sonderinteressen über das Gemeinlvohl setzen werden, läßt sich nicht vorherbestimmen; die Angaben, daß über Moskau der Belagerungszustand erklärt ist, daß Petersburg in Verteidigungszustand gesetzt wird, daß ein Zusammenstoß russischer Heere täglich, ja stündlich befürchtet wird, läßt die Schwere der augenblicklichen Lage erkennen. Für uns könnte es nur erwünscht sein, wenn dieser Koloß zusammenbricht und aus der Reihe unserer Feinde scheidet. Neue Verwicklungen erheben sich zwischen Amerika und Schweden. Die Vereinigten Staaten, die sich sittlich geberden, ivenn es ihr Vorteil heischt, und die ihre Neutralitätspslicht in sehr eigenartiger Weise erfüllt haben, werfen Schweden vor, die Neutralität durch Beförderung deutscher Depeschen verletzt zu haben. Dagegen steht Deutschland wie Schweden auf dem Standpunkt, daß Schweden nichts anderes getan hat, als was seine neutrale Lage gestattet. Mag dieser Zwischenfall, wie allerdings kaum zu befürchten ist, zur Vergrößerung unserer Feinde führen oder mag er sich friedlich schließen, die Lage bleibt ernst, trotz der außerordentlichen Erfolge, die wir von neuem im -Osten davongetragen haben, und trotz der glänzenden Abwehr aller Angriffe im Westen, Süden und Südosten. Der Krieg, der, wie wir immer wieder von neuem betonen müssen und wie aus neu aufgefundenen russisch-deutschen Depeschen unwiderruflich hervorgeht, nicht von uns gewollt, sondern uns aufgedrungen ivorden ist, nachdem unsere friedlichen Bemühungen in periidester Weise durchkreuzt und gegen uns benützt worden sind, muß zu Ende geführt werden. Es handelt sich nicht nur um Ehre, nicht bloß um Wahrung unseres Besitztums, sondern um unseren Bestand. Die Gegner maßen sich an, uns unsere Regierungsform vorzuschreiben, sie nehmen Gebiete in Anspruch, die uns seit Jahrzehnten wiedergewonnen sind und die als rein oder vorwiegend deutsch uns von Rechts wegen gehören, sie haben einen großen Teil unserer Flotte geraubt, unsere Kolonien weggenommen und denken nicht daran, sie gutwillig herauszugeben, — so müssen sie gezwungen werden, uns das Unsrige herauszugeben und uns die Möglichkeit freier und ungehinderter Entwicklung zu gewähren. Zur Erlangung dieses notwendigen Resultates bedarf es gewaltiger Kriegssummen. Die deutsche Nation wird daher zu einer siebenten Kriegsanleihe aufgefordert. Den sechzig Milliarden, die bisher gezeichnet wurden, müssen neue Riesensummen zugefügt werden. Es bedarf wohl nur dieses Hinweises, um die Opserfreudigkeit aller Kreise zu erwecken. Ein jeder muß zeichnen, soviel in seinen Kräften st e h t. Eine solche Zeichnung bedeutet zunächst eine angemessene Verzinsung, da wir mit vollem Vertrauen trotz der unerhörten Lasten auf die Leistungsfähigkeit unseres Vaterlandes rechnen dürfen. Sie bedeutet aber — und das will viel mehr besagen — den Dank der Daheimgebliebenen für die glorreichen, gar nicht genug zu preisenden Leistungen unserer unvergleichlichen Helden. Nicht bloß die Reichen, sondern auch die, die wenig besitzen, müssen sich jeder entbehrlichen Summe entäußern, um diesen Dank abzustatten. Sie bedeutet aber vor allem die Sicherung unseres nationalen Bestandes, die Festigung unserer Zukunft. Wir brauchen ungeheure Summen, um die notwendigen Heeresausgaben zu bestreiten, um das Errungene zu erweitern, um als Sieger aus diesem Kampfe hervorzugehen. Gerade den Juden erwächst in erster Linie die Pflicht, an diesem großen, heiligen Werke mitzuarbeiten. In dieser Zeit der großen Feste, in der ernste Erinnerungen an die Vergangenheit und freudige Hoffnungen auf die Zukunft in jedem Gemüte erweckt werden, tritt an jeden die Mahnung heran, dem Vaterlande und der ganzen Welt zu beweisen, wie treu die Juden an Deutschland hängen, wie innig sie sich ihrer nationalen Pflichten bewußt sind. Zeichnet die siebente Kriegsanleihe! * Von dieser heiligen Pflicht werden sich unsere Glaubensgenossen nicht abdrängen lassen durch antisemitische Aeußerunaen oder gehässige Zurücksetzungen. Ein Pröbchen der letzteren bringen die „Monistischen Monatshefte". Wir lesen dort: Die Statt st ik im Dienste des Konfession a l i s »i u s. Wir hörten im Februar und März, wie sich die israelitischen Reichsbürger gegen den fragwürdigen militärischen „Judenerlaß" zur statistischen Erfassung der Konfessivnsangehörigen, welche durch kriegswirtschaftliche Bureau- und andere Beschäftigung von der Front fernbleiben, entschieden, sogar durch das Sprachrohr der Parlamente, wehrten. Umgekehrt will die Zentrumspartei immer wieder die Anzahl der Katholiken unter dem Beamtenkörper, namentlich in dessen höheren Stufen amtlich sestgestellt sehen, um eine behauptete auffällige Zurücksetzung zu erweisen. Und so etwas nennt sich dann konfessioneller, wie überhaupt parteipolitischer Burgfrieden und zielt auf Paritätische „Neuorientierung". Ein besonders bezeichnendes nettes Pröbchen, wie sogar auf dem Felde der pädagogischen Humanität die Statistik des abgestempelten Glaubensbekenntnisses scheidend statt einigend arbeitet, zugleich die betroffene Jugend vergiftet, stieß mir am 16. Juni in dem vom Kriegsamt gebilligten Ziffernausweis über die Unterbringung der Stadtkinder aufs Land in der Pfalz auf. Da steht im Vordergründe, ja an der Witze, der Abrechnung: von 2230 solchen Kindern seien 523 katholische Knaben, 552 katholische Mädchen, 490 protestantische Knaben, 622 protestantische Mädchen, 5 freireligiöse Knaben, 18 freireligiöse Mädchen, 31 israelitische Knaben, 7 israelitische Mädchen. Ist das nicht nacktester völlig überflüssiger Konfessionalismus? Zu wundern freilich braucht man sich darüber nicht, wenn man am Schlüsse liest, die Anmeldungen erfolgten bei den beiden Sannnelstellen eines Domkapitulars und des Evangelischen Erziehungsvcreins. * Anderseits ist es erfreulich festzustellen, wie von einzelnen deutschen Regierungen die Bedeutung des jüdischen Religionsunterrichts und seine Notwendigkeit auch über das kindliche Alter hinaus anerkannt wird. Wir geben daher gern folgendem Aktenstück hier einen Platz:

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