Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1917)
- Date
- 1917-09-21
- Page
- Seite 446 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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geben, sie verlangen auch, daß wir dem von uns geschädigten oder beleidigten Bruder den ihm zugefügten Schaden ersetzen, Abbitte leisten und seine Vergebung zu erlangen suchen. Sie kennen auch keinen Rang- und Klassenunterschied. Ob der eine reich, der andere arm, der eine im Leben hochgestellt, der andere ihm untergeordnet ist: der eine wie der andere kommt nur dann dem Versöhnungsgedanken nach, wenn er sich seinen Forderungen unbedingt fügt. Das ist nicht für alle gleich leicht, aber auch nicht so schwer, daß es nicht zu überwinden wäre. Der Mensch kann und muß, um seines eigenen Heiles willen, den vom Versöhnungsgedanken vorgezeichneten Weg beschreiten; er kann und muß dem 2D I"15P' seiner edlen Herzensregung über den ihr im Wege stehenden IHPI ISP bösen Willen zum Siege verhelfen. Tut er es nicht, oder glaubt er, die Kraft nicht zu besitzen, um es ausführen zu können, so zerreißt er die geheimen Fäden, die den Himmel mit der Erde, den Menschen mit seinem Gott verbinden, wandelt nur noch als ein finsterer Schatten unter den Menschen, verlustig des hellstrahlenden Zeichens seiner Gottähnlichkeit. Doch Israels Thora ist eine Lehre des Lebens, die mit ihren Gesetzen, Vorschriften und Sentenzen vornehmlich den Zweck verfolgt, das Leben des Menschen hienieden glücklich zu gestalten. Sie schildert darum den Menschen, wie er in Wirklichkeit ist: mit seinen Fehlern und Schwächen, Tugenden und Vorzügen, mit seinem Hang zum Bösen und seiner Sehnsucht nach dem Guten, bedient sich hierbei, da sie nicht den Engeln sondern den Menschen gegeben -wurde, der Menschensprache und führt uns in ihren so drastischen Berichten über schwerwiegende menschliche Vergehen vortrefflich gezeichnete Bilder vor, die uns sowohl mit dem Versöhnungsgedanken, der aus alsE^auch^mit^dem Mittel, das 51t seiner Verwirklichung führt^vertraut machen. ' Nur zwei dieser Bilder mögen hier folgen: 1. Kajin hat seinen leiblichen Bruder erschlagen, zuerst die Tat nicht eingestanden, schließlich aber seine Schuld bekam:? und bereut, und Gott, der Ewige, verzieh ihm, indem er sprach: „Wer Kajin tötet, -werde siebenfach gerächt." Z Gibt es eine noch größere Sünde als einen Menschen, den eigenen Bruder töten? Gewiß nicht. Und doch hat Gott, in dessen Thora für den Mörder die Todesstrafe festgesetzt ist, Kajin zu einer verhältnismäßig nur milden Strafe verurteilt! Warum? Weil die von Kajin begangene Mordtat einen außergewöhnlichen Fall darstellt und mit ähnlichen Fällen nicht zu vergleichen ist: niöbb "DD ib irn i6l jnn pp Kajin hat seinen Bruder getötet, ohne daß er vorher durch jemanden belehrt worden war, daß einen Menschen zu töten verboten fei;5) er wußte also nicht, daß er eine Sünde beging. Erst als er durch die ihn zurechtweisende Gottesstimme das Entsetzliche seiner Tat erfahren hatte, erkannte er die ganze Schwere seiner Handlung, bereute sie aufrichtig und sprach: „Zn groß ist meine Schuld, daß ich sie trüge und nicht zusammenbräche." Da erbarmte Gott sich des Kajin, ließ ihn am Leben und machte ihm noch ein Zeichen, daß auch kein anderer ihn erschlage, woran der Midrasch die sinnige Bemerkung knüpft: 7Q1W1 ,Pj72i? ms 1SW Gott machte ihn, den Kajin, zum Zeichen der Macht aufrichtiger Reue und Buße"), die alle Hindernisse beseitigt, bis zum Throne der Herrlichkeit Gottes heranreicht und den Menschen von den ihn drückenden seelischen Nöten und Schmerzen erlöftfl. 2. Der Ewige sprach zu Moses: „Geh hinunter, denn dein Volk, das du ans Aegypten geführt, hat sich schwer versündigt. ') Genesis 4, 15. 5) Genesis robbet, Kap. 22. “) Hbid. 7) Iowa 86, 6. Es hat ein gegossenes Tievbild angefertigt, es angebetet, ihm Opfer dargebracht und dabei gerufen: Das, Israel, sind deine Götter, die dich aus Aegypten geführt haben. Nun laß ab, ferner für sie zu bitten, auf daß mein Zorn über sie entbrenne und sie aufreibe. Da flehte Moses vor dom Ewigen seinem Gott: Warum, o Herr, soll dein Zorn über dein Volk, das du aus Aegypten geführt, entbrennen?") Moses, bemerken unsere Weisen, dessen für Israel empfundene Liebe ein Abglanz jener Liebe war, mit der Gott seine Geschöpfe umgibt, suchte Israel mit der Tatsache zu entschuldigen, daß es so lange in Aegypten, unter' Götzendienern, gelobt und deren Jrrtümer nur allmählich erkennen und ablegen könne"). Moses, fahren sie fort, sprach zum.Ewigen: „Herr der Welt! Israel, das du aufreiben willst, hat eine so schwere Strafe gar nicht verdient. Was hat es denn so Schlimmes verbrochen? Es hat ein gegossenes Tierbild zu einem Gott gemacht. Nun, dieser Gott könnte dir ja ein Gehilfe sein, dich in deiner Weltleitung unterstützen. Warum zürnst du dem Volke?" „Wie!" unterbrach ihn der Ewige. „Moses, auch du! Auch du teilst Israels Wahn! Weißt du denn nicht) daß es außer und neben mir keinen Gott gibt, daß das von Israel angefertigte Tierbild ein nichtiges Ding ist?" „Gewiß weiß ich das," erwiderte Moses, „und eben darum wundere ich mich, daß du Israel, das zu dieser Erkenntnis noch nicht gelangt ist, verderben willst." Da bedachte sich der Ewige wegen des Unheils, das er über Israel verhängen wollte"). Lehrt uns die Kajin-Sage, daß Gott das Leben auch des Menschen, der das seines Bruders nicht geschont, vom Untergänge errettet und ihn, wenn er seine unüberlegte Tat aufrichtig bereut, unter seinen Schutz nimmt, so zeigt uns der Bericht über den ersten Sündenfall Israels und die ihm zuteil gewordene Vergebung, wie Gott, dessen Attribute der Mensch nach seinem Können und Vermögen sich aneignen solle, sich zuweilen einer Eigenschaft der Menschen bedient, um einen über sie verhängten bösen Beschluß rückgängig zu machen. *7 DPiyv Der Ewige bedachte sich! Man bedenke nur, was dieses Wort für Welt und Menschen bedeutet. Unser Verstand faßt es nicht, aber unser Herz empfindet es, empfindet es in seiner ganzen Größe und Wahrheit. Gott bedachte sich! Und der Mensch sollte Bedenken tragen, auch nur eine Sekunde zögern, einen zum Nachteile seines Bruders, selbst wenn dieser ihn noch so schwer gekränkt und beleidigt, gefaßten Beschluß rückgängig oder eine seinem Nächsten angetane Unbill wieder gutzumachen? Nein. Gott steigt zum Menschen hinab, um ihn zu sich emporzuheben, um ihm den Weg zu zeigen, der zur Wiedererlangung seiner verlustig gegangenen Gottähnlichkeit führt. Er öffnet ihm die Pforten des Himmels und läßt ihn schauen die Herrlichkeit seiner Gnade, umflutet von den Lichtstrahlen des Versöhnungsgedankens, der Gott mit den Menschen und diese miteinander verbindet. Sir Wache. Berlin, den 19. September. 3 innrer noch ist zu melden, daß fast täglich an allen sechs Fronten blutig gekämpft wird. Nicht von gewaltigen Kriegstaten ist zu melden, namentlich sind die Kämpfe ini Westen, sowohl gegen die Engländer in Flandern, als gegen die Franzosen, hauptsächlich in der Gegend von Verdun, abgeflaut, da die Gegner sich von ihren schweren blutigen Verlusten erholen müssen; aber nicht lange wird es dauern, bis von neuem schwere Angriffe zu berichten sein werden. Auch ") Exodus 32, Kap. 7 bis 14. 9) Exodus rabba, Kap. 43. ") Jbid.