Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 38 (21.9.1917)
- Date
- 1917-09-21
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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81. Jahrgang. Nr. 38 Berlin, 21. September 1917 Allgemeine eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324- Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungsrats Professor Br. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Juden!,uns". Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49/ zu richten. Verlag von Rudolf LNosse, Berlin. Tfnftftff 4, Der Versöl rmngsgedanke. Von Albert Katz. — Die Woche tJUIjUll* — Direktor Salo Adler. (Zu seinem 60. Geburtstage.) Von A. G. — Max Liebermann als Maler der Seinigen. Von Ludwig Geiger. — Einiges über die Beziehungen Leibniz' zum Judentum und zu Juden. (Zum 200. Todestag Leibniz'.) Von Gabriel Engelsmann. — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. Der Gemeindebote Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Breslau, Köln. — Von Nah und Fern. Der Verlühnungsgedgnke. Von Albert Katz. Unter den ersprießlichen und erhebenden Gedanken des Mosaismus, die dazu bestimmt waren, einem erquickenden Regen gleich, die Herzen der Menschen zu erfrischen und zu beleben, ist an erster Stelle der Versöhnungsgedanke zu nennen. Es wäre gewagt zu behaupten, daß dieser Gedanke, bevor Israel seine Lehre der Welt offenbart hatte, den alten Völkern völlig fremd gewesen war. Sicherlich hat es zu allen Zeiten und unter allen Völkern geistig hochstehende Menschen gegeben, welche die Bedeutung dieses Gedankens für den Fortbestand der menschlichen Gesellschaft vollauf erkannten und ihn nach Möglichkeit unter ihren Zeitgenossen zu verbreiten suchten. Die Menschheit wäre ja längst untergegangen, wenn sie für diesen, sie erhaltenden Gedanken gar keine Empfindung gehabt hätte. Es ist aber nicht bekannt, daß.selbst die geistig hervorragendsten Völker des Altertums den Versöhnungsgedanken als höchste Lebensnorm, als ein besonders erstrebenswertes sittliches Ideal gewürdigt und verkündigt hätten. Hierzu fehlte ihnen auch die Grundbedingung: die reine Gotteserkenntnis, die allein den Nährboden bildet, aus dem der Versöhnungsgedanke gedeihen kann. Er konnte keine tiefen Wurzeln fassen in einer Welt, die von unzähligen, aufeinander eifersüchtigen und miteinander in Zank und Streit lebenden Göttern regiert wurde. Diese Welt mußte zuerst untergehen, die sie beherrschende Götterschar mußte von dem Olymp gestürzt werden und auf dem Schauplatz der Völkergeschichte ein 'Zv DP armes, winziges Volk, Israel, erscheinen, das Gott allein erwählt hat, damit es den seine ewige Güte kundgebenden Versöhnungsgedanken zum Banner der gesitteten Menschheit erhebe. Nur Israel, 'das sich frühzeitig zu der Ueberzeugung durchgerungen, daß es nur einen Gott und ein Menschengeschlecht gibt und daß dieser Gott gnädig und barmherzig ist, indem er Schuld, Sünde und Missetat vergibt, konnte den Versöhnungsgedanken in seiner ganzen Tiefe erfassen, um ihn zu einem sittlich-heiligen, die Menschheit erhebenden und beglückenden Ideal auszugestalten. Nur Israel, das in seiner heiligen Schrift den Glaubenssatz, Gott hat in seinem Ebenbilde den Menschen erschaffen, verkündete, konnte und mußte zu der Anschauung gelangen: Der Mensch, der ein Ebenbild Gottes ist, muß dahin streben, die Attribute, die er seinem Gotte nachrühmt, wenigstens in beschränktem Maße sich anzueignen, um sich dadurch der Ebenbildlichkeit Gottes würdig 3Uzeigen, mm Hns mm Kirr na Wie Gott barmherzig ist, so sei auch der Mensch barmherzig^. Diese Forderung, die dem Menschen eine der höchsten Eigenschaften seines Gottes zutraut, konnte nur dem Geiste eines Volkes entspringen, das schon durch die Grausamkeit, die es in der Welt erfahren, den Wert der Barmherzigkeit schützen gelernt hat. Ja, nur Israel, das m^2!aü seit der Zeit in Aegypten bis auf den heutigen Tag, mit nur wenigen Unterbrechungen, von seiner Umgebung nur Kränkung und Zurücksetzung, versteckte und offene Feindschaft zu erdulden hatte, konnte und mußte auf die Idee kommen, daß es zum Schutze der Menschheit vor gegenseitiger Zersleischung nur einen Weg gebe: den der Milde und der Versühnung. Es mußte sowohl in seinem eigenen als auch im Interesse seiner Umgebung der Ansicht huldigen: Wie schmerzlich auch die Kränkung, wie groß auch das Unrecht sei, das der einzelne Mensch oder ein ganzes Volk erleidet, es darf keine nachhaltige Wirkung ausüben, es muß aus dem Schnldbuch getilgt werden. Israel, das im Verlauf seiner Leidensgeschichte so oft den Schmerzensschrei ausstieß: Meinen Körper gab ich den Schlagenden, meine Wangen den Raufenden, mein Gesicht barg ich nicht vor Schimpf und Schmack''), kündete und kündet der Welt nicht nur das Gebot der Menschenliebe und das^Verbot des Menschenhasscs, sondern auch den Versöhnungsgedanken, der der Liebe erst den Weg ebnet, dem Haß erfolgreich entgegen wirkt. Es kündet ihn durch feine jahrtausendealte Existenz, die undenkbar wäre, wenn es sich in seinem Verhältnis zu den Völkern der Welt anstatt von Nachsicht und opferreicher Selbstverleugnung von Nachsucht lind Gefüblen des Hasses leiten ließe; es verbreitet ihn durch seine religiösen Einrichtungen, die auf Güte und Milde, Liebe und Wohltun gegründet sind, und es vertieft ihn besonders durch seine Lehre, die mit der Einsetzung eines besonderen Tages im Jahre zu einem Jom Kippur eine Institution geschaffen hat, von der unsere Weisen mit Recht bemerken: iji# rffV pSU* * rvHölttn 3) “Dil? Wenn auch alle anderen Feste einst aufhören, nicht mehr gefeiert werden sollten, Jom Kippur wird nie aufhören, wird immer als ein Tag gefeiert werden, der, Licht und Wärme verbreitend, die Herzen der Menschen empfänglich macht für alle heiligen Ideale, die das Leben erst lebenswert gestalten. Indessen sind die Forderungen, die der Versohnungsgodanke an den Menschen stellt, nicht leicht: sie -verlangen nicht nur, daß wir unserem Todfeinde die uns angetane Unbill ver- *) Jalkut Schimom, Ekcb. •s) Jesaia 50, 6. 3) Jnlkut Schimoni, Acharö.