Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1917)
- Date
- 1917-09-14
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229323--73412-3285892- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
MWWMMPMMWWWW Gebäuden, umhegt von einem Gehölz und Obst- und Gemüseanlagen. Im ganzen werden in diesem Sommer 4 0 0 Kinder den Nutzen der Erholung und Stärkung durch Sol- und Moorbäder haben. ltngeachtet der großen- Kinderschar herrscht dort dank dein erzieherischer: Einfluß von Fräulein Werner eine beh-agKche Ruhe und eine wohltuende Ordnung. Die Kirr der sirrd stets vergnügt, tummeln sich nach Herzenslust, rvenr: auch unter Aussicht, im gegerrüber.liegerrderr Wäldchen und am Seeufer und weifen eine erfreuliche Gewichkszurrahrne auf. Es bedarf kaum noch einer Erwähnung, mit welcher: Schwierigkeiten heule die Aufrechterhaltnug. eines solcher: Betriebes, rvo es gerade aus die Beschaffung der erforderlichen Lebensmittel in erster Linie ankonunk, Verbünde:: sein muß. Ein um so größeres Feld eröffnet sich aber für die Tüchtigkeit der leitender: beider: Persönlichkeiten, und ohne Hernurunger: m:schein>er:d rvird alles, soweit es uröglich ist, herbeigeholt, Obst und Genrüse zun: Teil aus den eigener: Gärten, die bei sorgsarrrer Bestellung ein erfreuliches Gedeihen zeigen. zu Düsseldorf, 7. September. Der „Düsseldorfer Generalanzeiger" beschäftigt sich in einen: laugen Artikel mit den Beziehungen zwischen der deutschen Orientpvlitik und der Indenfrage und weist dabei auf die Notwendigkeit hin, daß die deutsche Negierung ans wichtigen Gründen der deutschen Politik die türkische Negierung über die Bedeutung einer starken jüdischen Einwanderung nach der Türkei nusklärt. Es heißt in diesem Aufsatz: „Eine starte jüdische Einwanderung nach der Türkei kann der Modernisierung des Osrnanischen Reiches nur nützlich sein, es rvürde durch die Juden ein neues und brauchbares Bevolkerrmgselement erhalten. Aber auch für die Sache der Mittelmächte rvürde es einen Gervinn bedeuten, wenn der jüdischer: Bewegung die Ueberzengung beigebracht loerden konnte, daß die türkische Negierung ernsthaft aervillt ist, den jüdischen Bestrebungen in: Heiligen Lande keine Schrvierigkeiten in den Weg zu legen. Die Entente rst mit Phrasen schnell bei der Hand gewesen, um durch unverbindliche Versprechungen sind auf billige Art politische Sympathien zu verschaffen. Der deutschen Politik erlvächst in der Regelung der Palnstinasrage in: jüdischen Sinne die Aufgabe, praktisch die Initiative zr: ergreifen. Gelingt es ihr, diese Aufgabe zr: lösen, dann wird sie nicht bloß Elemente, die wirtschaftlich wie politisch von höchster Bedeutung sind, für die Sache der Mittelmächte gewinnen, sondern sie rvird arrch für die Erschließung Kleinasiens dr:rch die Heranziehung des jüdischen Elementes Kräfte mobil machen, die für die künftige deutsche Weltpolitik vor: höchster Bedeutung werden können." — Frankfurt a. M., 7. Septerrrber. Das hier erscheinende ..Deutsche Blatt" bringt folgerte bernerkenslverte Zuschrift eines reiner Leser: Bor mehreren Tagen machte ich mit rneiner Gattin und meinen drei Kinderchen eine Tour in die Umgebung Butzbachs. Da wir annahmen, daß man an harmlose Touristen (nicht Hamster) Mittagrurd Abendbrot sicherlich verabfolgen rvürde, so beschränkten rvir uns darauf, einen Laib Brot mitznnehmen. Mittags, als wir lange gewandert waren, beschlossen wir, in einen: vor uns liegenden Ort unser Mittagessen einznnehrnen. Da kamen wir aber sehr schlimm an. Die wenigen Wirtschaften, welche vorhanden, waren teils geschlossen, teils hatten sie als Getränk nur Wasser, aber Essen konnten rvir nirgends erhalten. In unserer Not und besonders in Sorge um die drei Kinder, klopften wir bei neunzehn christlichen Landwirten an und baten um Milch und etwas Nahrung für die Kleinen. Selbstredend erklärten rvir, daß die Kinder die Nahrung sofort zr: sich nehurer: sollten, und zwar gegen Bezahlung. Bei all den christlichen Brüdern wurden wir glatt abgerviesen. Schon wollten wir tiefbetrübt weiter wandern, als ich plötzlich vor uns an einem sehr sauberen Haus ein altes stark verrostetes Schild entdeckte, auf welchem ein jüdischer Name stand. „Ich werde es jetzt versuchen bei diesen jüdischen Leuten!" sagte ich zu meiner Frau rurd trat in den Hof ein. Ich wurde äußerst freundlich und entgegeutonnnend behandelt. Ein alter ehrwürdiger Herr erklärte mir, daß er niemals dulden werde, daß Kinderchen Hunger litten und bat mich, die Kinder und meine Frau ins Haus zu holen. Der alte Herr ur:d wir: Mütterchen waren geradezu beleidigt, daß man ihnen Zahlung arrbot. Die biederen Leute erklärten, daß es ihnen eine hohe Freude sei, Mitmenschen dienen zu können. Schweis. X. Bern, 7. Septerrrber. Unter der Ueberschrift „Die Gleichheit dec Bürger vor der Brnndversichernngsanstalt" bringt der „Bund" in Nr. 816 folgenden Vorfall Zur Kenntnis: Wir erhalte:: aus dem Publikum Klagen wegen eines Vorfalles, der sich vor einiger Zeit irr Bern abgespielt haben soll und der, die Richtigkeit der Behauptungen vorausgesetzt, eine öffentliche Mißbilligung verdienen würde. Ein Berner, der aus dem Auslande heimgekehrt war, um seiner Wehrpflicht zu genügen, war nach dem Militärdienst stellenlos und wandte sich an der: Kaufmännischen Verein, dessen Mitglied er ist. Es wurde ihm nun, wie es heißt, mitgeteilt, daß eine Stelle in der kantonalen Brandversicherungsanstatt frei sei. Als er sich um die Stelle bewarb, soll ihm die Antrvort erteilt worden sein, die Anstalt stelle grundsätzlich keine Israeliten an. Es ist wohl anzunehmeu, daß diese Auskunft, die der: Bewerber und seine in Berr: bestens bekannte Familie tief kränken mußte, nicht die Auffassung der Leitung widergibt. Die Grundsätze särrrtlicher kantonaler Anstalten, soweit sie ins Gebiet der Glaubensfreiheit und der Gleichheit der Bürger vor den: Gesetz hinüberreichen, sind doch wohl in der Verfassung niedergelegt. er. Zürich, 7. September. Der Krieg hak vorschiede::m neu tragen Ländern einen Zuwachs an jüdischer Bevölkerung, meist aus Osteuropa gebracht. Dieser Urrrstand ist zum größter: Teil darauf zurückzuführen, daß rrlssische Juden, die irr: Auslände von: Krieg überrascht wurden, nicht mehr in ihre Heirnat zurückkehren konnten. Natürlich ist besonders die mittellose jüdische Bevölkerung angewachsen. zumal zahlreiche hier lebende Ausländer, die früher aus ihren Ländern Subsistenzmittel erhielten, heute drrrch den Krieg ohne Verbindung mit der Heimat sind. Zugunsten der ärrueren jüdischen Bevölkerung rrrrserer Stadt rvird vor: zrvei angesehenen jüdischen Verbänden eine gemeinsame Aktion geplant. Das A k t i o n s k o rn 11 e e de r C st - i ü bischen Cr g>a nt s a t ■: o n e n" und d?r „V creiu z u r U n> t e rstüßung vor: jüdischen L u n g e r: k r a n k e n" bereiten für den 8. und 4. November in den Räumen der Tonhalle eine groß angelegte Wohltätigkeitsveranstaltung zugunsten der ärrneren jüdischen Bewohner unserer Stadt vor. Die besten künstlerische:: Kräfte Zürichs und der übrigen Schweiz und auch einjge ans dem Anstande haben ihre Mitwirkung in Aussicht gestellt. Grstkrrrich-Anggrn. z. Kembevg, 7. September. Zur Geschichte der Juden in Galizien wird ein bisher wenig bekannter Vorgang, der dazu noch auf die vielaefeierte Duldsamkeit des Kaisers Joseph II. ein merkwürdiges Licht wirft, in der 1911 erschienenen „Geschichte der Deutschen in den Karpathenländern" von B. Fl. Kaindl mitgeteilt. In: dritten Bande rvird über Ausiedluug deutscher Handwerker berichtet. Es war schwer, für diese Einwanderer Wohnungen zu schaffen. Joseph II. löste die Schwierigkeit durch eine Verfügring, die irr ihrer drakonischen Strenge an ein Edikt Friedrich Wilhelm I. vor: Preußen erinnert, der 1787, genau ein halbes Jahrhundert früher, die Berliner Juden zrvang, ihre Mietswohnungen aufzugeber: und in die ungesunden Militärbaracken am Kvnigsaraben zu ziehe::. In den: Edikt Josephs II. heißt es: „Das Mittel scheint zwar auf den ersten Blick zu hart, ist aber wirksam und den Zwecken angemessen. Was geht den: Ansiedler an: ineisten ab: Unterhalt und Wohnung. Was der: Städten: Bürger und Handwerksleute. Was hat diese Mangel bis jetzt verursacht: die überhäufte Zahl der Jrrden. Menu das richtig ist, so muß folgende Anordnung dort gut wirken. Es ist gleich an das Galizische Gubernium der Befehl zu erlassen, damit die unter den Ansiedlern befindliche:: Handwerker tansscribiert und diese rrnter die Städte nach ihrer Profession so verteilt werden, daß die verschiedenen Gattrmgen der Prosessionisten ir: jede derselben keinrnen. Nach Maß ihrer Anzahl sind aber in jeder Stadt so viel Judenhäuser, als an die Prosessionisten eingeteilt werden, zu räumen, die Juden hingegen zur Zusammenziehung unter sich zu nötiger:. Jene Juden aber, so keine Verdienste aufzuweisen haben, sind den bestehenden Vorschriften gernäß aus den: Lande zu weisen." Zur Ehre Josephs II. muß allerdir:gs bemerkt werden, daß diese rücksichtslosen Arwrdnurrger: milde durchgeführt wurden. Die Strenge des Gesetzes wurde nur gegen einzelne Kategorien angewandt: so gegen Hausierer und Wucherer oder gegen Steuerschuldner, aber auch in diesen Fällen rvürde für die Häuser ein wenn auch niedrig angesetzter Kaufpreis gezahlt, den alter: Besißerr: eiu Mitbenutzungsrecht eiugeräumt und dergleichen mehr. Ganz konnte sich die Iosephinische Milde und Menschenliebe auch der: Juden gegenüber nicht verleugnen.