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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-09-14 · Heft 37 (14.9.1917) · p. Seite 443

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 37 (14.9.1917)
Date
1917-09-14
Page
Seite 443 (sequence 11)
Language
German
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Aber, nein, der Aufgeregte, der hört das Lob aus sachverständigem Mund gar nicht, das ihm sonst sicher so viel gewesen wäre. „Ich möchte doch fahren", Preßt er eigensinnig heraus. Er sieht sehr verzweifelt aus. „Was geht mich die ganze Geschichte an. Man gehört doch nicht nur dem Dienst, man ist doch selber auch noch ein Mensch." „Was du dir da einredest, glaubst du ja selber nicht, Benno. Wir würde dir wohl zumute sein, wenn dem armen Kerl mit dem Mnndschuß etwas durch deine Versäumnis widerführe." „Ja, ja, ja," stöhnt er leise und nickt dazu. „Was willst du also tun? Ihr schriftlich den Kops zurechtsetzen? Ihr ihr Unrecht klarmachen? Und wenn sie es doch nicht einsieht? Wenn sie nur so tut, als gäbe sie dir recht, und behält die Mutter doch da?" „Das wäre entsetzlich", stöhnt er. „Und was würdest du dann tun?" Er bleibt eine Weile stumm. Er atmet nur schwer. Dann sagt er plötzlich heftig, so, als sei ich allein an allem schuld: „Ouält nicht an mir herum. Wenn ihr denkt, ihr erreicht etwas, irrt ihr euch." „Armer Benno!" sage ich sanft und reiche ihm die Hand, die er nun doch wie hilfesuchend und dankbar mit seinen beiden Händen erfaßt. Eine Sekunde legt er seine Stirn darauf, sie ist glühend wie im Fieber. * „Ihr Herr Vetter ist darin großzügig. Das arme Luder uüt dem zerschossenen Kiefer haben wir zwar glücklich durch, aber eine Keckheit ist es doch, sich jetzt, wo so viel zu tun ist, Urlaub zu einer dreitägigen Gebirgstour zu nehmen. Ich dächte, so lange hätte sich das junge Herrchen noch gar nicht gequält", sagt Günther. „Benno Löb wird sich nicht ohne Grund freigemacht haben", sage ich etwas ärgerlich. „Ich finde. Sie sind in wenig wohlwollender Stimmung heute, Günther." „Sehr richtig, meine verehrte Gönnerin; mir geht es hundsmiserabel, das heißt, mir könnte es auch wunderschön gehen, aber mir geht es elend, ich weiß nicht recht —" „Wollen Sie sich nicht ein bißchen klarer ausdrücken?" sage ich lachend. Er sieht zu blühend aus, als daß ich ihn für trank halten könnte. „Was gibt es also?" „Eigentlich ein Hundeleben! Man schuftet und schuftet, und man hat nichts, worauf man sich freuen kann." „Eine etwas düstere Lebensauffassung! „Ein besonderer Fall liegt nicht vor?" „Und ob einer vorliegt", sagt er. „Tante Trude, mir ist was Schauderhaftes Passiert, das Schlimmste, was mir geschehen konnte." „Aber um Gottes willen, Sie machen mir ja bange. Was denn nur?" Und er in tief niedergeschlagenem, fast weinerlichem Ton. „Ich muß aus meiner Pension fort." „Weiter nichts?" sage ich und lache. „Das ist das ganze Unglück?" „Das sagen Sie so", eifert er in kläglichem Tone. „Das ist etwas Furchtbares für mich. Ich habe noch keinen Krankenbesuch gemacht heute, solange habe ich auf Mutter Beyer hineingesprochen, sie soll mir das bloß nicht antun. Ich will ja bezahlen, was sie verlangt, aber sie soll die Geschichte nicht ailslösen." „An wem liegt Ihnen denn nur so viel dort?" frage ich staunend. „An wem? Au keinem natürlich! Oder an allen und allein auch wieder. Ach, Tante Trude, Sie kennen mich ja nicht, was ich für ein verdrehter Kerl bin, wie ich an allem Gewöhnten hänge. Neulich hat mir Martha Harms — die Mädel I wissen doch nicht, was sie anstellen sollen, um es mir immer j noch schöner zu machen — meinen Schrankteppich vor mein ' Bett gelegt. Ich bin dreimal ums Bett herum und dann immerzu ratlos durchs Zimmer gelaufen, ich habe mich nicht hinlegen können. Endlich habe ich gemerkt, da liegt ein Fell, das sonst nicht da ist. Ich mußte es erst wegnehmen, ich konnte : einfach sonst nicht ins Bett finden." i Ich lache hell auf.; „Ja, Sie lachen," sagt er ärgerlich, „aber ich kann nach | doch nicht ändern. Und min soll Lottchen Beyer wieder in! Onkels Putzladcn zurück, weil sich das Pensionärehalten bei : den hohen Lcbensmittelpreisen nicht lohnt, und ich werde | einfach auf die Straße gesetzt." „Wann denn?" „Ostern." „Aber Günther, bis dahin. Ostern werden Sie ja doch . eingezogen." Ich will ihm etwas Tröstliches sagen in seiner! großen Not.! I „Da§ ist es ja eben", sagt er mit ernstem Nicken. „2£o(leu Sie glauben, daß ich mm den umzemütlichen Gedanken gar nicht mehr los werden, daß ich mich nicht mehr darauf freuen kann? Nun werde ich mich im Felde gar nicht auf die Heimat freuen können, immer in Grauen auf die fremde Bude? Ich kann nichts leisten, wahrhaftig, ich kann nichts leisten in dem Gedanken. Tante Trude, wissen Sie was?" Gr hat sich umgedreht und das letzte wie in einem plötzlichen Entschluß gesagt: „Wenn ich nicht Angst hätte, Sie lachten mich ans, möchte ich Ihnen mal etwas sagen." „Ich lache Sie niemals aus, Günther," sage ich ernst. „Oh, doch, das tun Sie schon. Aber wenn Sie es heute täten, dann könnte ich es nicht ertragen; da wäre es aus zwischen uns." „Ich lache bestimmt nicht, Günther", beteure ich beinahe innig. Sein aufgeregter Ton macht mir bange. „Sehen Sie mal, wie Sie mich hier sehen", sagt er und sein Ton klingt gewaltsam leicht, ein wenig verlegen, „äußere und innere Reichtümer habe ich. nicht noch irgendwo verborgen. Ich habe eine ganz leidliche Praxis, aber von zu Hause habe ich keine Glücksgüter mehr 311 erwarten." Ich sehe ihn in immer größer werdendem Staunen auf den Mund. Wo soll das hinaus? „Das heißt also", sagt er, „wenn meine Eltern beide heute schon tot wären, dann hätte ich auch nicht viel mehr. Ich könnte mir vielleicht, nachdem alles aufgeteilt wäre, — wir sind fünf Geschwister —- höchstens eine bescheidene Einrichtung dafür kaufen „Was soll das alles?" sage ich tonlos. „Na, warten Sie's doch ab", sagt er mit leichter Grobheit. Ich aber höre die Verlegenheit heraus. „Kurz und gut, viel mehr als heute werde ich einer Frau nie zu bieten haben, aber ich habe es satt, von einer ungemütlichen Bude in die andere zu ziehen. Tante Trirde, was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen gestehen würde, daß ich mich verheiraten möchte. Trotzdem ich erst 27 Jahre alt bin." Ich sühle, daß mir das Blut aus dem Gesicht, aus allen Pulsen, vom Herzen weg, gewichen ist, ich muß totenblaß aussehen. Jetzt saust es mir vor den Ohren, und zwischendurch höre ich wie von ferne die Worte:„wunderbare Selbstbeherrschung", „edle Frnuemoürde". Da kämpfe ich die Schwäche gewaltsam nieder, ich stehe wieder fest aus meinen Füßen und sage — sonderbar, wie fremd, wie weit weg mir meine Stimme klingt! - ganz ruhig, ganz leichthin: „Warum sollte ich denn lachen? Jung gefreit, hat noch niemand gereut."

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