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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-09-14 · Heft 37 (14.9.1917) · p. Seite 440

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 37 (14.9.1917)
Date
1917-09-14
Page
Seite 440 (sequence 8)
Language
German
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hinterlassen hat, die, in Druck gelegt, eine große Bibliothek ausgemacht hätten.) Aus Aristoteles nun hat Leibniz, das steht sest, alich nicht das allergeringste exzerpiert. Das spricht wohl weniger gegen Aristoteles als dafür, daß Leibniz ihn eben nicht studiert hat. — Außerordentliches Interesse hatte Leibniz für den schon genannten Knorr v. Rosenroth, dessen Leistungen er ungemein hoch schätzte. In gelehrten christlichen Kreisen wurde nicht allgemein diese Ansicht über den Entdecker des Christentums in der Kabbala geteilt, denn Placcius gegenüber, den der Enthusiasmus Leibniz' befremdete, erklärte Leibniz: „Sv bin ich einmal, daß ich überall besonders dasjenige suche und bemerke, was ich loben darf, statt was Tadel verdient/' Ueber die persönlichen Beziehungen Leibniz' zu Spinoza ist im wesentlichen zwar nicht so viel bekannt als wünschenswert wäre, aber jedenfalls doch so viel, daß man mit Staunen bemerkt, daß Grätz in seiner Geschichte auch nicht ein Wort davon; sagt. Es spricht überhaupt eine gewisse Voreingenommenheit l dieses Historikers gegen Leibniz aus den paar Sätzen, die er s dem Manne widmet, der, wenn auch nicht frei von Fehlern; und Jrrtümern, so doch gewiß eine phänomenale Erscheinung! war und schon wegen seiner großen Toleranz in religiösen! Fragen die Sympathie aller verdient, die noch heute lebhaftes! Mitleid für die Opfer jeglicher Intoleranz empfinden. Charakj teristisch für die Denkweise Leibniz' in religiösen Fragen ist die j Geschichte von den beiden Theologen, die er in England gei hört und gern zu erzählen Pflegte. Da waren zwei Brüder,! Johann und Wilhelm Rainold, von denen der erstere in den i spanischen Niederlanden io oh nie und dort katholisch wurde,! während Wilhelm, der in England lebte, Protestant geblieben. > Die Brüder disputierten in ihren Briefen eifrig über Religionskontroversen, und jeder wollte den anderen bekehren. Als sie schriftlich zu keinem Resultat kamen, gaben sich die Brüder ein Rendezvous, um mündlich zu einem Abschluß zu gelangen. Das gelang ihnen so gut, daß der Protestant den Katholiken und dieser wieder den Protestanten von der Wahrheit seiner Religion überzeugte und die beiden Brüder am Ende! nicht nur ihre Religion, sondern auch ihre Stellen als Seelsorger tauschten. Leibniz fügte der Erzählung auch die Moral an: „Gott habe sich der Brüder, die mit gleich sormmem Eifer für ihre Ueberzeugung gekämpft, erbarmt, und wir sollten aus > dem Falle lernen, uns zu hüten, in die Verdammung anderer j zu verfallen." (Nebenbei beinerkt: Heine hat diese Anekdote j in sehr witziger Weise benutzt.) Wir können nicht finden, wesj halb Grätz zu der Meinung kam, daß „Leibniz, dieser deutsche! Philosoph, der lieber Französisch schrieb, gegen Spinoza und sein System sehr vornehm tat". Es ist wahr, daß Leibniz lieber Französisch als Deutsch schrieb, aber die anderen deutschen Philosophen schrieben lieber Lateinisch. Ganz unberechtigt aber erscheint der Vorwurf, daß er gegen Spinoza und sein System „sehr vornehm tat". Das lag überhaupt , nicht in dem Wesen Leibniz', den viel eher, ja mit allem Grund, der Tadel traf, daß er gegen Gelehrte, deren Ansichten er nicht teilte, oft die Konzilianz so weit trieb, daß man mitunter kaum mehr erkannte, ob er seine eigene Meinung ihnen gegenüber festhalte. Leibniz war sicherlich ein Gegner des Cartesius und mehr noch ein Gegner Spinozas, aber er schlägt niemals einen unbescheidenen Ton gegen sie an. Und was speziell Spinoza betrifft, so ist das gerade Gegenteil die Wahrheit; er spricht von Spinoza stets nur in Ausdrücken der h ö ch st e n V e r e h r u n g. Es ist auch sehr seltsam, wie ein allerdings verblüffender Irrtum Guhrauers, des so fleißigen und gründlichen Biographen Leibniz', der kritiklos nachgeschrieben N'urde, verwirrend und verdunkelnd auf die Darstellung der Beziehungen zwischen Leibniz und Spinoza wirken konnte. Gnhrauer schreibt: „Es ist für die Entwicklungs-! geschichte Leibnizens, wie für den Geist der Zeit bezeichnend, daß er um die Zeit, als er in den Briefen an den französischen Theologen die Keime zu einer neuen Spekulation niederlegte, dem tiefsten spekulativen Kopfe, welcher damals unter den Lebenden war, Benedict Spinoza, nichts weiter, als eine kurze Denkschrift über die Vervollkommnung der Linsen: N o t i c i a optieae proinotao mitzutcilen und sein Urtheil darüber als eines geschickten Opticus zu erbitten hatte . . . Spinoza antwortete dem ihm unbekannten jungen Gelehrten mit der ihm eigenen Urbanität und Zuvorkommenheit; bekannte aber, daß er seine Beschreibung nicht ganz deutlich fände. Der Briefwechsel brachdamit ab." Diese Mitteilung strotzt von Jrrtümern und Unrichtigkeiten. In der Tat hatte Leibniz am 5. Oktober 1671 Spinoza die erwähnte Abhandlung mit einem Briefe übersandt, der in der Einleitung sagt: „Zu dem vielerlei Lobenswerten, was der Ruf von Ihnen berichtet, soll auch eine besondere Kenntnis der Optik gehören" ustv. Die Antwort Spinozas war aber keineswegs eine solche, die, ohne besondere Gründe, einen, sofortigen Abbruch des Briefwechsels seitens des Leibniz, der durch ungemein höfliche Verkehrsformen sich auszeichnete, denkbar machen könnte. Spinoza schloß sein eingehendes Antwortschreiben mit dem Ausdrucke der Hoffnung, daß Leibniz ihn „auf diese Zeilen mit einer Antwort erfreuen werde" und der Versicherung: „Sollte meine theologisch-politische Abhandlung noch nicht Ihnen zu Händen gekommen sein, so werde ich Ihnen, wenn es Sie nicht belästigt, ein Exemplac senden." Ist es denkbar, daß der 25jährige Leibniz, der sich so verehrungsvoll an den berühmten, großen Spinoza gewendet hatte, eine Antwort, die mit einem so liebenswürdigen Anerbieten verknüpft war, unerwidert lassen, dank- und wortlos einfach in die Schreibtischlade Wersen werde? Ein genauerer Einblick in den veröffentlichten Briefwechsel Spinozas belehrt uns unzweideutig darüber, daß dies nicht der Fall war, daß Leibniz sich noch weiter brieflich an Spinoza gewandt hat. Freilich, ein Blick, und sei er noch so scharf, auf das Register des Spinozaschen Briefwechsels genügt nicht, dies zu erkennen. In diesem Register ist allerdings nur e i n Brief Leibniz' an Spinoza und eine Antwort des Spinoza an Leibyiz verzeichnet. Man muß sich schon, namentlich wenn man über Leibniz und Spinoza schreibt, die Mühe nehmen, das Register nicht als den alleinigen Wegweiser zu betrachten, sondern auch den gesamten Briefwechsel zu Rate zu ziehen. In einem Briefe G. H. Schalters an Spinoza vom 14. November 1675 heißt es u. a.: „. . . Herr v. Tschirnhaus berichtet ferner, daß er zu Paris einen ausgezeichnet gelehrten, in den verschiedensten Wissenschaften bewanderten und von den gewöhnlichen Vorurteilen der Theologen freien Mann mit Namen Leibniz angetrofsen . . . Auch in der Physik und Metaphysik soll er in betreff Gottes und der Seele reiche Kenntnisse haben. Er sei, meint er, deshalb ganz wert, Ihre Schriften zu empfangen, wenn Sie es gestatten . . . Derselbe Leibniz schätzt die theologisch-politische Abhandlung sehr und er hat an Sie, wenn Sie sich dessen erinnern, einen Brief darüber geschrieben . . . ." Spinoza erinnert sich wohl daran, Briese von Leibniz empfangen zu haben. In Spinozas vom 18. No- | vember 1675 datierten Antwortschreiben auf den vorstehenden! Brief Schalters heißt es u. a.: „. . . Leibniz, von dem er (Tschirnhaus) schreibt, kennt mich, glaube ich, aus Briefen; allein ich weiß nicht, weshalb er, der Rath in Frankfurt war, nach Frankfurt gereist ist. Soviel ich ans seinen Briefen habe a b - nehmen können, ist er mir als ein Mann von

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