Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1917)
- Date
- 1917-09-14
- Page
- Seite 437 (sequence 5)
- Language
- German
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Wo ich auch ansragte, beständig bekam ich dieselbe Antwort: . „Wir hatten Bücher, sie sind aber verbrannt." Charakteristisch für die schönen Synagogen von Saloniki ist der Marmorfußboden. Die Sitze sind bewegliche Bänke und manchmal Stühle. Die Sizilianer besitzen prächtige purpurne oder hochrote : Armstühle, mrf bereit Rücklehnen die Namen der Spender reich in; ^old gestickt sind. Aber die Form dieser Stühle ist nur ein Beweis i dafür, das; die Salomkier vor Jahren, ebenso wie heute noch die! Perser, auf dem Boden kauarnd ihre Gebete verrichteten. Tie Bej quemlichkeit für die weiblichen Besucher war keine besonders große.! Die Galerien oder Ecken, die sür sie Vorbehalten sind, sind sorgfältig [ entioeder mit Holz vergittert oder dltrch Borhänge den Blicken des! anderen Geschlechts entzogen. Sie sind ganz so wie die Zellen, die! sür die Harems,chönheiten in den Theaterlogen in Kairo eingerichtet sind. .Aber ich hörte nicht, daß die Moral des großen Publikums dadurch zum Guten beeinflußt werde — im Gegenteil: Die reicheren j Saloniker Jüdinnen, die den Orientalismns aufgegeben haben, er-; freuen sich eines schlechteren Rufes als ihre ärmeren Schwestern. ' Bon allen- Synagogen schien nur die von „Aragen" die malerischste.! Roch auffallender war die „Jtalia".! Für das Getto von Soloniki gibt es eilte interessante historische! Tatsache. Als Sabbatai Zewi im Jahre 1666 unter den Juden soviel! Aufregung hervorrief, daß sogar Oldenburg, der Gründer der Royal j Society, Spinoza schriftlich um feine aufrichtige Meinung über diesen! sogenannten Messias befragte, wurden die Saloniker Juden besonders stark von diesem Wahn ergriffen, und eine große Zahl trat mit ihren Helden zum Islam über. Sie wurden äußerlich Türken, und noch bis aus den heutige Tag. sind ihre Nachkonrmen — es soll von ihnen in der Stadt etwa 250 Familien geben — als „Domnm" oder Gelauste bekannt. Ich sah sie am Sonnabend rauchend vor ihren offenen Läden; man sagte mir aber, daß sie imr geheimen Juden seien und zu Hause von den Riten alles hielten, was sie konnten. Sie verheirateten sich nicht mit den Türken, von denen sie allerdings auch ziemlich argwöhnisch betrachtet werden. Ich redete einen von ihnen hebräisch an; er verstand mich augenscheinlich, bedeutete mir aber, daß er Türke sei. Einer von» ihnenhatte auch an der Allranzschuie ein Lehramt bekleidet, und seine Söhne besuchten die Schule. Ein Re.spvnsum über diese Donnnes findet sich in den Aufzeichnungen R. Josef Davids, des Grandrabbin, der im Jahre.1737 stchb und dessen Schriften drei Jahre später veröffentlicht wurden-. Ein anderes Responsum über sie enthalten die im Jahre 1891 in Saloniki verbfsen'tlichten Bücher, in denen' Rabbi Raphael Samuel Arditi erzählt, ' wie er auf eine an ihn von „drei Gruppen von Getreuen" gerichtete , Frage entschied. Die „Getreuen" werden jedoch an anderen Stellen - als Ketzer bezeichnet, und mir -wurde auf das bestimmteste versichert,! daß der Rabbi mit den „Getreuen" keine anderen als diese merk- , würdigen Domimbs gemeint hat. * | Zur F r a g o der I u d e n p o l i t i f d c r deutschen B e r w a l t u n g in Polen bringt die „Frankfurter Zeitung" einen ausführlichen Artikel, dem wir folgende Stellen entnehmen: Zweifellos liegt für Polen, das eine geistig erstarrte, wirtschaftlich kranke jüdische Minderheit von nicht weniger als 15 Prozent der Gesamtbevölkernng besitzt, das jüdische Problem schon an sich ganz außerordentlich schwierig; seine Losung wird aber dadurch weiter erschwert, daß ein sehr bösartiger Antisemitismus, der sich in Polen entwickelt hat, die Beziehungen zwischen Polen und Juden > maßlos verschärft und vergiftet. Die Befürchtung der Juden, sie tonnten in einem selbständigen Polen von der polnischen Mehrheit wirtschaftlich und kulturell erdrosselt werden, ist unter diesen lhnltänden wohl begründet, und es wäre gewiß eine schöne Aufgabe der deutschen Verwaltung gewesen, den polnischen Inden eine erträgliche Zukunft Zu sichern. Wenn die deutschen Behörden trotzdeut die Hoffnungen der jüdischen Nationalisten enttäuscht haben, so geschah das aus verschiedenen Gründen. Zunächst konnte die ganze Situation, in der sich die Verwaltung in Polen befand, sie nicht gerade ermutigen, nun auch noch diese Aufgabe ohne zwingende Not- Wendigkeit auf sich zu laden. Sodann aber fragte man sich, ob es denn überhaupt möglich ist, aus dem Wege von Verfassnngsbestimmungen oder durch die Schaffung einer jüdischen Kurie eine wirklich sichere Garantie dafür zu schaffen, daß die Juden nicht in allen gemeinsamen politischen Angelegenheiken doch einfach überstimmt werden. Und schließlich: wenn man einmal vor der Tatsache stand, daß die Polen einen selbständigen Staat erhalten sollen, dessen innere Politik von den Deutschen nicht dauernd kontrolliert iverden wird, so lag doch auch die Ueberlcgung nahe, auf welchem Wege denn wohl dies selbständige Polen am ehesten zu einer ruhigen, liberalen und menschlichen Behandlung der Judenfrage veranlaßt werden könne. Die Förderung der jüdisch-nationalistischen Ansprüche durch die deutsche Verwaltung würde den polnischen Antisemitismus aufs äußerste gesteigert haben; wenn man dagegen in der Verfassung lediglich etwa den Grundsatz der Gleichberechtigung der Juden ausspricht und im übrigen den polnischen Staat in dieser Frage seiner eigenen Entwi-ckltmg überläßt, so iverden die Polen vielleicht eher erkennen, daß ihr eigenes Interesse sie darauf hinweist, die Inden als loyale Bürger zu gewinnen und ihnen durch eine verständige, von antisemitischem Ressentiment freie Schul- und Wirtschaftspolitik eine wirtschaftliche Basis zit geben, die beide, Polen und Juden, leben läßt. Nur so können sie dem ihnen verhaßten jüdischen Nationalismus eiitgegenwirken, dessen Umsichgreifen sonst unaufhaltsam ist. Die Politik der deutschen Verwaltung besteht nach alledem einfach darin, daß sie die Juden als gleichberechtigte Bürger behandelt und sich in die inneren Streitigkeiten des polnischen Judentums nicht einmischt. Dem entspricht es, daß auch die mit, 1. November 1916 erlassene Verordnung über die Organisation der Gemeinden sich darauf beschränkt, das polnische Judentum als eine religiöse Gemeinschaft aufzubauen. Mit dieser Verordnung ist für die Lösung der polnischen Judenfrage eine wichtige Vorarbeit geleistet worden, aber das Problem in seiner Gesamtheit ist von der deutschen Verwaltung mit Bewußtsein beiseite geschoben und dem kommenden polnischen Staat überlassen worden. * Dasselbe Blatt schreibt über die angeblichen Grausamkeiten gegen die Juden in Jaffa: Die vom unabhängigen Sozialisten Dr. Cohn (Nordhausen) auf Grund der feindlichen Schwindelmeldungen gestellte kttrze Anfrage über angebliche Grausamkeiten gegen die Inden in Jaffa wird jetzt von Staatssekretär' Dr. v. Kühlmann, wie folgt beantwortet: Die Meldungen der feindlichen Presse über angebliche Mißhandlungen der Bevölkerung Palästinas sind inzwischen durch zahlreiche Veröffentlichungen richtiggestettt worden. Unter dem Zwkng der militärischen Lage hatte der zuständige otto-manische Mili türbefehl sh aber die Räumung der Bezirke von Ghaza und Jaffa seitens der Zivilbevölkerung angeordnet. Bei der Räumung ist unter möglichster Vermeidung aller Härten verfahren worden. Die Meldungen von Gewalttaten und Plünderungen, die gegen die ji'idische Bevölkerttng Jaffas und der judäischen Kolonien vorgekommen sein sollen, sind erfunden. Die Juden, die ihren Wohnsitz verlassen mußten, haben bei ihren Glaubensgenossen in Palästina anderweitige Unterkunft gesunden. Für den Schutz des zurnckgelassenen Eigentums in der Stadt Jaffa ist durch Bestellung jüdischer Wächter gesorgt. In den Kolonien des Bezirks Jaffa ist nur ein verhältnismäßig geringer Teil der Einwohner von den Maßnahmen betroffen worden. Die Arbeit auf den Feldern und in den Pflanzungen ist nicht gestört. Die kaiserlich ottomanische Regierung hat das Ihrige getan, um die bei jeder Räumungsmatznahme unvermeidlichen Leiden der Evakuierten nach Möglichkeit zu lindern. Sie hat selbst erhebliche Geldmittel zur Verfügung gestellt und die alsbald ins Werk gesetzte freiwillige Hilfstätigkeit nach Kräften gefördert. * Unmittelbar nad) dem Erscheinen dieser Nummer beginnt die Reihe der großen jüdischen Feste. Mir entbieten unseren