Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1917)
- Date
- 1917-09-14
- Page
- Seite 436 (sequence 4)
- Language
- German
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486 anderseits? Dieser Zustand trifst die Frage in ihrem tiefsten Ursprung und muß hier gestellt werden. Die Ziele der V c r-- j einigten Staaten in d i e s e m Krieg e kennt die ganze! ilVIt. Jedes Volk kennt sie. Sie brauchen nicht einmal nochmals mitgeteilt zu werden. Wir suchen keinen materiellen Vorteil, welcher Art auch. Wir meinen, daß die nicht zu duldenden Unrechtmäßig k e i t e n , die durch die von Wahnsinn ergriffene und brutale Macht der kaiserlich deutsch e n R e g i c r u n g in diesem Kriege begangen worden sind. Wieder h e r st e l l u n g forderm, aber nicht auf Kosten der Souveränität irgendeines Voltes, sondern vielmehr durch Ausrechterhaltung der Souveränität der Schwachen so gut wie der Starken. Das Anrichten von Schaden zur Strafe, das Zerstückeln von Neichren, die Durchführung eines selbstsüchtigen Systems wirtschaftlicher Ausbeutung erachten wir als nicht Zweckentsprechend und für nicht nur nutzlos, sondern schlimmer als das. Wir halten das für keine taugliche Grundlage für irgendeinen Frieden und am allerwenigsten für einen bleibenden Frieden. Dessen Grundlagen müssen Gerechtigkeit, Billigkeit und die der Menschheit gemeinsamen Rechte sein. Wir betrachten das Wort der gegenwärtigen Regier n n g Deutsch l a n d s nicht als ein e Bürgschaft für irgend etwas, was von bleibender Bedeutung sein könnre, es sei denn, daß es ausdrücklich durch einen so klaren Ausdruck des Willens, der den Zielen des deutschen Volkes selbst j entspricht, gestützt wird, daß die übrigen Völker der Welt das Recht j haben, das Wort der Regierenden zu akzeptieren. Ohne der-! a r t i ge B ü r g s ch a s t e n konnte sich kein Mensch und k e i n V 0 l t j verlasse n ans geheime Garantievertrüge und auf lleberein-! kommen über Abrüstung, über den Ersatz von Machtentwicklung durch! Schiedssprüche, über die Rückgabe von Gebiet an kleine Völker, wenn! alle derartigen Abmachungen mit der deutschen R e g i e r u n g ge- : troffen werden müßten. Wir müssen irgendeinen n e uen Be w e i s > für die 9catur der Absichten der g r 0 ß e n Völker de r Ai ittel - ' m ächte a b w a r t e n. Dagegen müssen wir energisch betonen, daß das deutsche Volk nur sein Recht zu wahren beflissen ist, daß es verlangt, seine Integrität zit behalten, daß es einmütig entschlossen ist, den ihm ausgezwnngenen Krieg siegreich zu Ende zu führen und daß es sich von keiner Macht vvrschreiben lassen will, wie cs seine inneren Verhältnisse gestaltet. Das Deutsche Reich hat seine Verträge inrmer gehalten, es ist der Wahrheit stets treu geblieben und hat niemals der Lüge gehuldigt; es darf erwarten, daß sein Wort geachtet und darf nicht dulden, daß seine Treue angezweifelt wird. Wollen die Feinde einen Gegensatz zwischen Volk und Regierung konstruieren, so werden sie zu ihrem Schaden innewerden, daß ihr Gebilde ein kürrsttiches und nichtiges ist. * Die Pläne Amerikas und Englands, einen j ü d i s ch e n . Staat in P a l ä st i n a unter dem Schutze der Westmächte herznstellen, sind in ihrer Bedenklichkeit mehrfach gezeigt worden. Es freut uns, daß diese Ansichten auch von nichtliberalen Inden geteilt werden. Darum geben wir hier einer Auslassung Raum, die von der Redaktion des „Israelit" an s die „Deutschen Nachrichten" geschickt worden ist und die so tautet: „(£* dürste Sie interessieren, daß der „Israelit" als Organ der religiös gesinnten Kreise der deutsckM Judenheit, ht noch weit energischerer Weise, als es Bnber tut, seit langer Zeit die Versuche ablehnt. das Lehnen weiter jüdischer Kreise nach Wiedererweckung jüdischen Lebens in Palästina für die Zwecke der Enteilte nutzbar zu machen." Auch das, was dasselbe Blatt über die amerikanischen Pläne einer Iudenbeglückung in Palästina sagt, ist der Beherzigung wert. In dem Artikel „Palästinapvlitik und Volks- Problem" heißt es: „Wer die Augen nicht geflissentlich vor den Tatsachen verschließt, wer politisch denken kann und das schwär me riscl-e Philosophieren mit Wünschen als ein Verbrechen gegen die Wohlfahrt von Hunderttau senden von Brüdern verwirft — der wird als einziges Ziel einer < jüdischen Palüstinapolitik das Postulat der freien Einwanderung und ungehemmter privatgeschichtlicher Betätigung ins Auge fassen müssen. Selbst eine palästinensische Autonomie im Rahmen des ottomanischen Staatsverbandes — die deutschen Zionisten meinen natürlich nur diese — wäre heute angesichts der Vevölkerung sziffern eine arabische, und keine jüdische Autonomie, und jede politische Vergewaltigung des Arabertnms, die doch wohl auch den Rufern im Streite um die öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte fern!legt, würde sich rasch so bitter rächen wie vor Jahren die unselige Wahlpolitik int polnischen Warschau, die der Anlaß, wenn auch nicht die tiefere Ursache der polnischen Boykottbewegung war. Kommt mm noch hinzu, daß das Mißtrauen der ottomanischen Regierungskreise, insbesondere aber Tjemal Paschas, gegen die politischen Absichten der zionistischen Gruppen ans Palästina durch die lauten Kriegszielankündignngen der Entente fortgesetzt gesteigert wird und dadurch auch die lohalste Arbeit zugunsten praktischer Kolonisntionsbestrebnngen im Heiligen L-ande eine unerträgliche Erschwerung erleidet, so mag man die Gefühle ermessen, mit denen die wahrhaften Freunde einer ernsten Erez-Jsrael-Arbeit dem politischen Hasardspiel gegenüberstehen, das derzeit von den zionistischnationalistischen Schreiern in Polen im Dienste des ödesten Parte:- fauatismus betrieben wird! Im jüdischen Polen herrscht eine geradezu apokalyptische Stimmung — die Zeiten Sabbatai Zewis steigen aus dem Dunkel der Geschichte empor: es will den erregten Massen scheinen, als trüge das überhaupt der amerikanischen Republik die Züge des per st sch'n bhrus, als müsse jeden Augenblick der Serubabel sich zeigen, der die in langer Kriegsnot Verzweifelten aus allem Golusleid ins Land, das von Milch und Honig fließt, emporsühre." * Ueber die jüdi s ch e n Verhältnisse in Deuts ch - land handelt eine Zuschrift an das „Berliner Tageblatt" aus Richterkreisen. „Unter dem Jnstizminister Beseler ist kein Jude ohne Taufschein zum Landgerichtsdirektor, Staatsanwalt, geschweige denn zum Präsidenten oder Ersten Staatsanwalt befördert worden. Nur bei den Oberlandesgerichtsräten kamen Ausnahmen vor. Ob Herr Spahn hier Wandel schaffen wird? Möglich ist es, wenn nicht, was sehr wahrscheinlich ist, in dieser Hinsicht ein Beschluß des gesamten Staatsministeriums eingeholt werden muß. Die bekannte preußische Verwaltungspraxis, die kein Geringerer als der alte Gneist so derb schildert! Herr Spahn hat sich, soweit bekannt ist, zum mindesten niemals in antisemitischem Sinne geäußert, wie das einer seiner Fraktivnsköllegen, der auch für den Justizministerposten genannt wurde, im Jahre 1901 getan hat. Damals, als am 31. Januar 1901 der fortschrittliche Abgeordnete Peltasohn bei der Etatberatung eine große Rede über die Zulassung von jüdischen Juristen zur Richterlaufbahn hielt, gehörte Spahn allerdings dem Abgeordnetenhause nicht mehr an. Nebenbei bemerkt, könnte vielleicht Herr Spahn als Justizminister es veranlassen, daß die Geheimhaltung der Personalakten aufgehoben werde. Hier hat die Zentrmnspartei schon seit vielen Jahren durch verschiedene Mitglieder ein kräftiges Wort redeil lassen. Die Fortschrittliche Voltspartei ist in dieser Hinsicht durch die Abgeordneten Delius mrd Kanzow öffentlich im Parlament vorstellig gewordell. Leider bisher erfolglos. Es soll Herrn Spahn aber auch lmvergessen bleiben, daß er mit der Zentrumspartei im Jahre 1396 gegen das Assessorengesetz, und im Jahre 1397 gegen das fanlose preußische Vereinsgesetz des ehemaligen Ministers Freiherrn v. d. Recke gestimmt hat." * lieber das Getto v 0 n Saloniki entnehmen mir der „Post" folgenden. Artikel: Salvlliki ist durch zwei Fenersbrünste zum größten Teil zerstört, am meisten hat nach den bisher vorliegenden Meldungell das Jndenviertel der Stadt gelitten-. Il-eber dieses Getto Salonikis enthält N. .U. Adlers Werk „Von Getto zu Getto" einige interessante Mittcitmlgen, denen wir folgendes entnehmen: \ „Mehr als die Hälfte der etwa 130 000 Einwohner voll Snloniti sind Juden, mrd drei Viertel des gesamten Handels ist in ihren Händen. Alle Bootsleute des Hafens sind Juden, und an den Sonnabenden