Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1917)
- Date
- 1917-09-14
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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435 zürnender und strafender Richter, den sie in ihrer Verzweiflung nicht selten sogar der Ungerechtigkeit zeihen, indem sie, wie einst Israel in seiner Sündhaftigkeit, sprechen: prv tib "pH Unangemessen ist das Verfahren des öerni15). Diesen Verzagten und Unglücklichen ruft der Neujahrstag, wie einst im Namen des Ewigen der Prophet Ezechiel dem verzweifelten Israel, zu: Ist es denn mein Verfahren, das ihr unangemessen nennt? Nein, euer Verfahren ist unangemessen'"). Der Allmächtige, unerreichbar, groß an Kraft und Gerechtigkeit und Fülle der Milde, er bedrückt nicht"), verletzt nicht das Recht seiner Geschöpfe. Wenn wir sein liebevolles und gerechtes Walten in der Welt vermissen, so müssen wir uns fragen, ob dies nicht unser eigenes Verschulden sei, ob wir nicht selbst dazu beigetragen, daß sein einst an das sich von ihm abgewandte Israel ergangenes Wort immer von neuem ertönen muß: Ich werde Weggehen, zurückkehren an meinen Ort, bis daß sie, ihre Schuld büßend, mich wieder aufsuchen; in ihrer Not werden sie nach mir forschen'^). Nicht Gott ist es, der seine Liebe und Gerechtigkeit dem Menschen entzieht, sondern der Mensch allein ist es, der aus seiner Nähe Gottes Liebe und Gerechtigkeit verdrängt. Gott ist immer die unversiegliche Quelle der Liebe und Gerechtigkeit, und nur wenn wir die aus ihr über die Welt sich ergießenden „Gnadenströme" in beschädigte Kanäle leiten, dann kommt Not und! Leid über die Welt, und angsterfüllt spricht dann der Mensch: i „Du birgst dein Antlitz, sie verfallen dem Schrecken, verscheiden j und kehren in den Staub zurück." An das Schristwort i (Deut. 31, 17): „Wenn ich mein Antlitz vor ihnen verberge,! werden sie, von Not und Leiden heimgesucht, sprechen: Alle > diese Unglückssälle treffen mich ja nur, weil Gott nicht mehr! in meiner Mitte ist," knüpft Maimonides die Bemerkung:! NN2O ttnJK nKTH mnon „Dieses Verbergen des Antlitzes, wir sind die Ursache, die es herbeiführt," d. h. nicht Gott, sondern wir wenden fein Antlitz von uns, „wir fertigen den Vorhang an, der uns von Gott trennt"*"). Das ist die Lehre, die der Neujahrstag verbreitet, indem er uns nicht nur an die Entstehung der materiellen, sondern auch an die der ideellen Welt erinnert: an die sinaitische Offenbarung, die in uns den Glauben erneuert, daß es einen Gott gibt, auch wenu wir ihn in der Welt vermissen, daß er uns leitet, auch wenn nur seine Leitung nicht begreifen oder sie gar entbehren zu können glauben, und daß es Dinge in der Welt gibt, die dem einzelnen Menschen wie der großen Volkersamilie aus unsagbarem Grauen den Weg weisen zu einer Zukunft, für die zu leben sich lohnt, und für die gelitten zu haben, kein sinnloses Opfer war. Von diesem auf die Lehren der Geschichte und die Erfahrungen des Lebens sich stützenden Glauben beseelt, scheiden wir von dem alten und begrüßen, auf Gott vertrauend, das neue Jahr, das der nach Ruhe und Frieden lechzenden Menschheit die frohe Botschaft bringen möge: „Ich gebe euch wieder Tage, wie ihr sie einst gekannt, denn meines Wortes Verheißung ist ein treues Unterpfand." Nie Mochr. Berlin, den 11. September, on großen Erfolgen können wir diesmal berichten. R i g a u n d Dünamü n d e sind in unserer Hand. Damit ist! uns der Zugang zum Meere gewährt und den Feinden teilweise abgeschnitten. Die Beute, die unsere' Truppen erlangten, ist 15) Ezechiel 33, 17. 16) Ibid. 33, 17. 17) Hiob 37, 23. 18) Hosea 5, 15.! ie) More Nwuchim Teil 3, Kap. 51. | sehr groß, die Zahl der Gefangenen bedeutend. Dieser wichtige Vorstoß und seine grandiosen Resultate gegenüber der hartnäckigen Verteidigung sind aber nicht nur bedeutsam durch ihre glänzenden Wirkungen, sondern ein Beweis der ungebrochenen deutschen Stoßkraft und ein vollgültiges Zeugnis, daß unsere herrlichen Heere nicht bloß verstehen, an allen Fronten, wo sie mit überlegener Macht angegriffen werden, heroischen und unerwarteten Widerstand zu leisten, sondern auch überraschende Angriffe zu loagen, die unsere Feinde erschrecken und Wirkungen erzielen, die gar nicht abzusehen sind. Bei derartigen Ereignissen bricht sich unter den verbissensten Gegnern die Ueberzeugung Bahn, daß es mit ihrer Kraft allmählich zu Ende geht. Zwar wiederholen sie immer von neuem, daß sie bis zu Ende zu kämpfen entschlossen sind, zwar schreiben auch die Sozialisten aller Länder auf ihr Programm, daß Elsaß-Lothringen an Frankreich zurückfallen muß, wobei sie nicht einmal die Gnade haben wollen, die Bevölkerung jener Provinzen nach ihrem Willen zu befragen, — aber doch regt sich hier und da eine vernünftige Erwägung. So hat ein ruhig denkender Politiker in einer englischen Wochenschrift seine Landsleute gewarnt, hat ihnen gepredigt, ihre kleinen Erfolge nicht zu großen Siegen aufzubauschen und entschieden erklärt, daß ein Zurückdrncken der Deutschen über den Rhein erst im Jahre 1924 oder 1925 möglich sein werde. Dieser Prophezeiung fügte er bei: „Wenn dann noch Sieger und Besiegte übrig sind". Man mag von diesen Behauptungen Notiz nehmen und mit größtem Vertrauen in die Zukunft blicken. Tenn da unser Vormarsch im Nordosten in so ungeahnter Weise erfolgt ist, da im Osten und Südosten unsere Sachen trefflich stehen, der Widerstand im Westen gegen Engländer und Franzosen, im Süden gegen die Italiener so vollkommen geleistet wird, daß auch die Gegner von großen Erfolgen nichts zu sagen vermögen und einen wirklichen Durchbruch für undenkbar halten, dürfen wir von größter Zuversicht erfüllt fein. Dazu kommt, daß unsere Luftschiff- und Unterseebootersolge sich auf ihrer Höhe halten. So dürfen wir, trotz aller Schwere der Zeit guten Mutes sein und die Hoffnung auf einen endgültigen Erfolg bewahren. Solch frohe Empfindung wird auch nicht vernichtet durch die Ablehnung der Friedensvermittlung des Papstes seitens unserer Gegner. Sie war vorauszusehen. Was man aber nicht ahnen konnte, ist die Dreistigkeit der amerikanischen Regierung, in Deutschlands innere Verhältnisse einzugreifen. Deutschland lvar in bcn letzten Jahren gutmütig genug, arnerikanische Professoren anzuhören; auf Grund des Beifalls, den sie geerntet haben, fühlt sich Herr Lansing gemüßigt, den Deutschen eine politische Vorlesung zu halten. Täte er das als Privatmann, so möchte es hingehn, da er es aber als amerikanischer Staatssekretär unternimmt, so muß er sich gefallen lassen, daß wir uns sein Vorgehen entschieden verbitten. Denn wenn er es wagt, zwischen dem deutschen Volke und der Regierung zu unterscheiden, so beweist er nur, daß er keine Ahnung hat von der glänzend bewährten deutschen Einmütigkeit. Er lvagt es, folgendes zu sagen: Das amerikanische Volk glaubt, das; der Friede auf den R e d) t e n d e r B ö l k e r und n i ch t auf den Rechten der R e - g i e r u n g e n b e r u h e n m ü s s e. Auf den Rechten der Völker, ob sie min groß oder klein, schwach oder kräftig sein mögen, auf ihrem, allen zu stehenden Recht auf Freiheit, Sicherheit und Selbstverwaltung, auf Teilnahine an den un r tscha ft liehen Erwerbsinög.lichteiten der Welt unter gerechten Bedingungen, und das gilt natürlich auch für das deutsche Volk, vorausgesetzt, daß es Gleichberechtigung und nicht Vorherrschaft will. Der Prüfstein jedes Friedensplanes ist also in der Frage beschlossen: Ist dieser Friedensplan gegründet auf Teen und Glauben aller Völker, die in ihn einbezogen sind, oder allein auf das Wort einer ehrgeizigen und intrigierenden R e g i e r n n g e i n e r s e i t s und einer Gruppe f r e i e r V ö I f c r ,