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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-09-14 · Heft 37 (14.9.1917) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 37 (14.9.1917)
Date
1917-09-14
Page
Seite 434 (sequence 2)
Language
German
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Wo ist der Gott des Rechtst, berechtigt? Wohl wird uns! in seinem Namen tröstend versichert: Ich töte und belebe, vor-! wunde und heile wieder"): allein wir sehen ja nur, wie er seine Paradiesische Welt schonungslos in ein großes Totenfeld verwandelt, wie er uns blutige Wunden schlägt, die sich selten wieder ganz schließen. Ist da nicht, wiederholen wir, die Frage berechtigt: Wo ist nur der vielgebeneidete Gott des Rechts? Gegen dieses scheinbar begründete Fragen und Grübeln wendet sich der Neujahrstag mit seinen in Form von Erinnerungen uns so oft erteilten Lehren, die, so alt sie muf) sind, immer noch die Kraft besitzen, der bald zweifelnden, bald bangenden Menschenseele in ihrer Not und Ilnbeholfenheit l-cizustehen. Er wendet sich zunächst an diejenigen, die dem Schöpfer des Alls, der für sie nur ein Begriff, eine Idee ist, jede Aktivität im Weltgetriebe absprechen, ITV> tfSi i S’tr1 $b 222^2 die in ihrem Herzen sprechen iund es auch lallt verkünden): Ter Gott, den ihr anbetet, er tut weder Gutes noch Böses"): alles, was in der Welt geschieht, ist nichts anderes als das Werk eines Zufalls, der zu einem Gott in gar keiner Beziehung steht. Das ist Leicht zu behaupten, aber schwer zu «beweisen. Der Neujahrstag erinnert uns an so mannigfache Weltereignisse, daß nur derjenige, der die Vermessenheit besitzt, sie als einfache Phalltasiegebilde zll bezeichnen, es auch wagen darf, sie als das Werk eines bloßen Zufalls aufzufasfen. Rosch haschana ist für uns der jcbv firn DV Tag, an dem die Wett entstand, an den: dieses größte aller Wunder sich vollzogen | hat, das, wie vom Anbeginn, so auch ferner die Menschheit in seinem Banne gefangen halten wird. Und dieses Wunder, an das der Jahresanfang uns immer von neuem erinnert, lehrt j beweiskräftig und überzeugend, daß derjenige, der mit einer Weisheit, die unser Fassungsvermögen übersteigt, das All gegründet hat, auch der Urheber aller Ereignisse ist, die seit dein Beginn der Welt, bis auf den heutigen Tag sich zugetragen haben"'). Es lehrt uns, daß das erste Glied in der endlosen Kette von Begebenheiten sowohl im Leben des einzelnen Menschen als auch in der Geschichte der Völker an den Grundpfahl geschmiedet ist, auf dem die Weltordnung ruht: auf dein Befehl, dem Worte eines Gottes, all den Pein Begriff heranreicht, den keine Idee veranschaulichen -kann. An diesen Gott denkt Israel alle Tage, und an diesen Gott denkt es ganz besonders an seinem Neujahrstage, der für uns, wie Maimonides ihn nennt, ein Tag inneren Einkehrs ist"), und an dem wir, lvie Hiob ans dem Sturm, die zurechtweisende Stimme des ewigen Gottes aus dem-ansrüttelnden Tchopharton vernehmen: Wo warst dn, als ich die Welt gegründet? Verkünde es, wenn dll der bit es wagst, mich, deinen Herrn und König, aus der von mir geschaffenen Welt anszuschalten, , es vernunftklar weißt"-). Ter Neujahrstag wendet sich ferner all -diejenigen, die > wohl an die Existenz eines Gottes, auch an feine ewige Weltregierung glauben, aber diesen Gott zugleich für so hoch und; erhaben halten, daß sie es sich llicht vorzuftellen vermögen, 7) Mnleachi, 2, 17. s) Teul. 82, 8<). ft) IeplMiia 1, 12. Vergleiche Mnnwnides, Niere Nbuchim Teil 2, Knp. tv .12DS1 1/118 nirnn 1211p 122 viS2ö iS 88 unino 121 Sr SS 121 SrS 1:12*8-11 12öS iT‘r:ir ir pi 120 avn .iiitqi Dirn pxi M) Ni vre N'buchim Teil -2, Kap. 4:1. Hiob 8!S, 4. ^iehe auch Sohar, Abschnitt Bv, wo an das Wort m Hiov.2. I 2m die Be'.nerkung geknüpft wird: nffn w ^"1 Tie Hm-führungen bieten reichen Ttvff für eine Neujahrsbetrachtnng. das; i'r sich and) um das Wohl und Weh der Einzelwesen kümmere und deren Schicksal bestimme, und darum schon das bloße Anrufen Gottes in Zeiten der Not und des Leidens als eine Blasphemie bezeichnen. Nun, wir würden dieser Ansicht beipflichten, wüßten wir nur einen triftigen Grund zu nennen, weshalb die mit Recht gepriesene Erhabenheit Gottes, die sich in der nach seinen Gesetzen geleiteten Natur offenbart, eine Einschränkung denn eine solche wäre cs — erfahren sollte.! wenn es sich um die Schicksale der Einzelwesen handelt, die dock; als Teile der Gesamtschöpsung gleichfalls ans das göttliche „Werde" entstanden, folglich nicht minder seiner ewigen Leitung unterworfen sind. Israel, an dessen geschidsilidje Entstehung das- Neujahrsfest erinnert, wird vielleicht auch deswegen „das Volk des Buches" genannt, weil es alles, was es in seinem Buche der Bücher der Menschheit überliefert hat, mit offenen. Augen nach den Erscheinungen des Lebens gezeichnet hat. Dieses sein Buch, dessen Mitteilungen der Liturgie des Neujahrsfestes zugrunde liegen, berichtet uns md)t nur über Vorgänge und Um* Wälzungen in der Natur und in der Geschichte der Völker, sondern and; über solche im Leben und Schicksale der einzelne» Atensdien, ausgehend von der» Grundsatz: 8X1v 11821 C1152 Sr inunuy sxid 118 nr näpi Sir 111122 daß Gott wie I tu seiner Erhabenheit, auch in seiner Herablassung zu finden fei18). Das ist der Ton, auf den die Erinnerungen, die wir am Rosch haschana sprechen, gestimmt sind, das ist die . Empfindung, die in uns lebendig wird, wenn wir die für den Nenjahrstag bestimmten Vorlesungen aus der Thora und den Propheten vernehmen. Laut und vernehmlich wie der Posaunen'schall künden sie der Welt Israels Glauben: Gott, der das All aus nichts erschaffen hat, ist der Herr seiner Welt, in der er, nach seinen Plänen regierend, alles leitet und beaufsichtigt. Nicht ein Finger des Menschen wird gekrümmt, wenn Gott es nicht vorher bestimmt"). Es gibt in der Welt kein Wesen, das sich allein überlassen ist, nicht von einer höheren Macht geleitet wird. Was uns in der Natur als eine von Gott völlig unabhängige Substanz erscheint, ist nichts als ein Blendwerk, eine optische Täuschung. Gottes Größe und Erhabenheit besteht eben darin, daß er auch das Kleinste und Niedrigste beachtet, auch in den Wechselfällen des menschlichen Lebens sich kundgibt, und daß er, wie die Kabbalisten sich ausdrücken, „dem sichtbaren Auge verborgen, sich im Verborgenen dem unsichtbaren Auge, der Seele des nach hehren Zielen strebenden Menschen offenbart". Ter Neujahrstag wendet sich endlich an diejenigen» die Gott als den alleinigen Herrn des Alls verehren, an sein unbeschränktes Watten in der Welt glauben, ihn den Quell der Liebe, den Hort der Treue nennen, und auch sichtlich bestrebt sind, sich durch edle Handlungen seiner Liebe würdig, seiner Treue verdient zu zeigen. Sie sind auch aufrichtig dankbar ihrem Gott, und preisen tagtäglich sein fürsorgliches Walten, insbesondere wenn es mit ihren persönlichen Wünschen übereinstimmt, die Sonne ihres vermeintlichen Glückes unbewölkt scheinen läßt und ihre Lebensgewohnheiten durch keine aufregende Störung unterbricht. Kommt aber eine Zeit, in der sie sich von seiner Liebe vernachlässigt, von seiner Treue zurückgesetzt wähnen, bricht in der Welt eine so fürchterliche Katastrophe, wie der von uns miterlebte, Wohlstand und Leben vernichtende Krieg aus, fühlen sie sich Entbehrungen ansgesetzt, Leiden unterworfen und sehen sie sich gar von Gräbern umringt, in denen die von ihnen gebrachten blutigen Lpser zum ewigen Schlaf gebettet sind, dann . ja dann, stehen sie vor einem Rätsel, daun begreifen sie ihren Gott nicht, dann ist ihr Gott der Liebe und Treue plötzlich ein I:t) Niegilln 81a. M) Elmllin 7b.

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