Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 37 (14.9.1917)
- Date
- 1917-09-14
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 14. September 1917 81. Jahrgang. Nr. 37 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder, die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellcn) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 32$. Begründet von Rabbiner Sr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungsrats Professor vr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße $6-$9, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Zum Jahreswechsel. Von Albert Katz. — Die Woche. — tJUlJUll* Geh. Med.-Rat Prof. Dr. L. Landau. — Die Lesfingsche Handschriftensammlung II. Von Ludwig Geiger. — Einiges über die Beziehungen Leibrriz' zum Judentum und zu Juden. (Zum 200. Todestag Leibniz'.) Von Gabriel Engelsmann. -- Soll ein jüdischer Anwalt einen Antisemiten verteidigen? Von Dr. Ernst Emil Schweitzer (Breslau). — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Goldschmidt. — Rauschhaschonoh 5677. Von Jenny Bergmann. — Frieden und Versöhnung. (Gebet zur Jahreswende im Kriegsjahr 1917.) Von S. Katz. — Büchereinlauf. Der Gemeindcbote ^Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Neustadt O.-S., Posen, Lissa i. P., Breslau, Hamburg, Düsseldorf, Frankfurta.M., Bern, Zürich, Lemberg. — Von Nah und Fern. Lurn Jahreswechsel. .Von A l b c r t Katz. iederum stehen wir an der Schwelle eines neuen Ja hres, und zum vierten Male während des Weltkriegen rüsten wir uns, den Tag zu begehen, der uns wenigstens für eine Weile über den Jammer der Gegenwart hinweghebcn, für eine Weile unsere von den erregenden -Md bewegenden Fragen und Ereignissen des Tages beeinflußten Gedanken ans jenen hell leuchtenden Punkt konzentrieren soll, in dessen Umkreis der Mensch in allen Lebenslagen Stühe und Zuflucht, Trust und Beruhigung sucht und findet. Freilich sind die Wunden, die das dahinscheidende Jahr der Menschheit so reichlich geschlagen, noch nicht vernarbt; freilich scheint der Jahresbeginn als Erinnerungstag, der selbst längst überwundene und verschmerzte Schicksalsschlägc als Gcgenwartsbilder vorfnhrt, ber schmerzbeladenen, eines sicheren Haltes bedürftigen Seele nur unter gewissen Voraussetzungen zur Wiedererlangung ihre? verlorenen Gleichgewichtes verhelfen zu können. Wir befinden uns eben an der Wende eines neuen Jahres, an der Scheidegrenze zwischen Vergangenheit und Zukunft, an der wir nicht gleichgültig vornberzugehen vermögen. Rofch haschana ist einmal ein den mannigfachsten Erinnerungen geweihter Tag, der auch in herrlicher Friedenszeit mit unwiderstehlicher Gewalt in unser Gefühlsleben eingreift und die so schöne und sonnige Welt als ein „Tränental", wie der Dichter sie nennt, erscheinen läßt. Auch feiern wir unseren Jahresanfang in einer Jahreszeit, die unmittelbar auf den lebenstrohenden Sommer folgt; wir sind Zeugen ihrer Vernichtungswut, sehen mit Grauen, wie sie nach und nach alle seine Pracht und Reize verwischt, zerstört, um sie schließlich der völligen Erstarrung zu überliefern. Der Anblick der allmählich hinsterbenden Natur mahnt uns an unsere eigene Sterblichkeit, erinnert uns mitten im Taumel des Lebens, daß dieses einem ewigen Wechsel unterworfen ist, daß auf dÄi Sommer, und sei er noch so schön, der Herbst und diesem der Winter folgt. Das dürfte sicherlich ryit ein Grund sein, weshalb der Jahreswechsel so schwermütig ans unsere Stimmung einwirkt und Gedanken und Gefühle in uns auslöst, die wir so wenig verstehen, wie wir den Gegenstand, dein sie sich zuwenden, das Ziel und den Zweck unseres Lebens, begreifen. Wir folgen aber gern seinem Wink, lassen an ihm alle unsere Erlebnisse, Taten und Werke vor den Richterstnhl unseres besseren „Ich" passieren, vernehmen das mahnende Wort: Wisse, was über dir ist'), und fassen den Entschluß, mit dem neuen Jahre ein neues Leben zu beginnen. Indessen ist Rofch haschana nicht der alleinige Tag im Jahre, der ltrtS im Spiegel der Zeitenwechscl unsere Schwäche und Unbeständigkeit erblicken läßt. An das Wort: Wisse, was über dir ist, mahnt i»i! nicht erst der Herbst, wenn das Geräusch eines dahinrvllenden welken Blattes uns aufschreckt, sondern schon der Frühling, wenn alles um uns noch keimt und blüht. 21' ^32 |1T3 DIR Der Mensch, lautet ein Ansspruch unserer alten Weisen, ist jeden Tag dein Richtersprnch Gottes über Sein oder Nichtsein unterworfen.-) Jeder Tag, ja, jede Stunde ruft dem eine Welt im kleinen darstellenden Menschen zu: Beständig sind die Augen seines ewigen Gottes auf dich gerichtet, vom Anfang bis zum Ende des Jahres"), woran der Talmud die Bemerkung knüpft: isidd xrr na ]h: rutsrn rwma Alles, was wir als Schickungen Gottes erst am Schlüsse des Jahres anerkennen, es war schon an seinem Anfänge bestimmt'). Das Neujahrsfest hat demnach als Erinnerungstag nur dann Sinn und Bedeutung für uns, wenn wir in den Erinnerungen, die an diesem Tage uns überwältigen, den gewahren, der sie in unserer Eedächtniskammer verborgen hält und auch wieder wachruft. Nicht etwa, um uns niederzubeugen und neue Klagen in uns zu wecken, sondern nur uns klar zu machen, daß in uns ein Teil seiner das Universum umfassenden Kraft lebt und wirkt, die uns nicht verläßt, auch wenn wir uns verlassen glauben, rrns über alle Miseren des Lebens hinweghilft und selbst mitten in einer Welt von Gräbern, wie der noch immer tobende, die Blüte der Menschheit dahinraffende Krieg sie gestaltet, Mut und Ausdauer verleiht, nicht zu wanken in dem Glauben, daß die Welt nach ewiger Güte gerichtet wird"). Aber spricht denn nicht alles, was wir in der Welt jetzt sehen und mit erleben, gegen diese Lehre? Wenn es wirklich einen Gott gibt, der n mma D'3'l? "11,12 allzu reinen Blickes ist, um Böses ruhig mit ansehen zu können"), warum duldet er, daß so viel Böses in der Welt geschieht? Warum läßt er es zu, daß der von Neid und Tücke geleitete Kajin noch immer seine blutbefleckte Hand gegen den ahnungslosen Abel erhebt? Ist da nicht die alte Frage 222*2,1 n’R K Aboth 2, l. ") Rosch haschana 16a. 3) Deut. 11, 12. ') Rosch haschana 8a. °) Aboth 3, 15. °) Habakuk 1, 13.