Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1917)
- Date
- 1917-09-07
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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3 L. Mainz, 31. August. Ein über,aus tragischer Todesfall erregt die Gemüter -der Mitglieder unserer Gemeinde in hoheln Grade. Ein in jeder Beziehung rnustergül'tiger Aterrsch-, ein tüchtiger, peinlich, gennssenihafter und« todesmutige'r Soldat, ein aufrechter Jude mb ein li«vb>evoller Sohn und Bruder, der Leutnant und Baitteriesührer Eugen Selig- Sohn des Herrn Siegfried Selig und Fr-aiu Rosa geb. Kapp, ist irr d«en> letzten schweren Kämpfen fürs Vaterlandgefallen. Der Heimgegangene war Inhaber des Eisernen Kreuzes 2. und 1. Klasse sowie der hessischen T-apferkettsrnedaille. In dem Nachrufe, den ihm das Offizierkorps des 1. Bataillons Fußartillerieregiments 22 widmete, und dier von dem Hauptmann und Bataillorrskommandeur Scheid ilnterzeichnet ist, heißt es: „Seit Beginn des Krieges unnntorbrochen als Offizier und Führer in den Reihen der 1. Batterie zeichnete er sich durch feine her vorragenden militärischen Eigenschaften, einen' nie ».sagenden Pflichteifer in vorbildlicher Meise aus. Der: Offizieren war er ein unei>gennütziger Kamerad und Freund, den Mannschaften ein^ unermüdlich sorgender Führer. Inmitten aufopferungsvoller Tätigkeit für seine unter schwerstem Feuer liegende Batterie ist er gefallen. Seine vornehme Gesinnung sichert ihm ein nrlvergün-gti'ches Gedenken." - Leutnant und Adjutant Wiederhold, der die traurige Aleldüng deu Ettern zu geben hatte, schrieb diesen: „Wie stets, so wa>r er auch jetzt ein treuforgender Führer seiner Batterie, da zu wirken, uw er feinen Leuten- Erleichterung schaffen konnte. Wir alle betrauern einen uneiigennützigon Kameraden und Freund, der uns Offizieren stets ein leuchtendes Vorbild gewesen ist." Am Freitag, deu 24. d. M., fand feine Beerdigung auf dein Ehrenfriodhofe in Ledreghenr statt. Er wurde mit allen: militärischen Ehren zu Grade getragen. Ter Bataillonsführer mit allen Offizierell und den Alannschasten der Batterie war zugegen. Musik und eine Abteilung zur Ehrensalve waren aufgestellt. Der herbeigerufene Armee-Rabbiner Tr. Wilde hielt ein>e ergreifende Trauerrede, gedachte der Eltern und sprach das Kaddifch. Für einen unseren religiösen Bräuchen en-tspnechenden Grabstein wird, das Regiment Sorge tra-gen. Ter so jäh Tah!ingefchied>ene be>aLsichtigte sich der Rechtswissenschaft zu widmen und bestand während des Krieges sein Staatsexamen m glänzender Weise, lieber all hat er sein Judentum freudig betolll und auch in Wort und Schrift und bei gottesdienstlichen Feiern im Felde dafür zu wirken verstanden. Möge Gott die trauernden Eltern lösten und uns den baldigen Frieden bescheren! Klllkki. 2. Lodz, 31. August. Die Jüdische Gemeindeverwaltung ehrte in ihrer letzten Sitzung das Andenken des verstorbenen Hilfsrabbiners Frieden so h n durch Erheben von den Sitzen. Der Gemcmdesckretür berichtete über die Organisation der Gemeinden in Polen und die neuen Satzungen der Religionsgemeinschaften. Eine Liste der rückständigen Steuerzahler und der Personeu, die die Gemeindesteuer für 1915/16 bezahlt haben, soll ausgestellt werden. Das Reglement der Abschätzungskommission für die Ausschreibung der Heberolle für 1917 wurde bestätigt und beschlossen, diese Ausschreibung zu vollziehen. Als Grundlage wird die Statistik über die jüdische Bevölkerung für das letzte Jahr und die Liste der Wohnungssteuerzahler dienen. In der Sitzung vom 12. August wurde die Verordnung der Behörden betreffs Wahl der Gemeindeverwaltung verlesen und bekanntgegeben, daß der Haushaltsplan der Gemeinde für 1917 die behördliche Bestätigung nicht erlangt hat. Er wird nach Vornahme der notwendigen Aenderungen nochmals zur Bestätigung v orgelegt werden. Die Bilanz für Monat Juni wurde, bestätigt. - Am 19. August wurde beschlossen, an der Kosciusko-Feier teilzunehinen und einige Mitglieder zur Mitarbeit im Festkomitee abzuordnen. Da sämtliche Betten im Jüdischen Jrrenasyl, Wesolastraße 17, belegt sind, werden keine Aufnahmegesuche mehr berücksichtigt. - Auf Antrag der Schuldeputation wurde eine Prüfungskommission zur Qualifizierung der Lehrer der hebräischen Sprache für die jüdischen städtischen Volksschulen eingesetzt, ferner eine Kommission gebildet zur Veranlagung der Gemeindesteuer für Personen, die Kriegsgewinne erzielten. Eine Kommission befaßt sich mit der Eröffnung eines Kinderheims für Findlinge, welche jetzt auf Kosten der Gemeinde bei Privatpersonen untergebracht sind. Der Magistrat hat dafür etwa -10 000 Mark bestimmt. Auch von anderer Seite erfolgten Zuwendungen. In dem Heiln werden 150 Kinder Aufnahme finden. — Das Zivilstandesamt hat über seine Tätigkeit im letzten Halbjahr einen Bericht ausgestellt, dem wir folgendes entnehmen: In der Jüdischen Gemeinde wurden 1142 Geburten (603 Knaben, 539 Mädchen) und 2506 Todesfälle (1400 Männer und 1106 Frauen) angemeldet sowie 285 Trauungen vollzogen. Ausgefolgt wurden 224 Eheschließungsurknnden, 5 Protokolle für Reservistenfrauen und 3819 Auszüge ans dem Standesamtsregister. Amerika. z. New Nork. In einer Unterredung, die der berühmte spanische Romanschriftsteller Eduardo Z a m a c o i s, „der spanische Balzac", einem Mitarbeiter des New Porker „American Hebrew" gewährte, versuchte der Spanier die Ansichten des freidenkenden Teiles seiner Landsleute über die mit der jüdischen Frage zusammenhängenden Probleme, -insofern diese spanische Interessen betreffen, ausemanderznsetzen. Nach Zamacois sei die spanische Negierung die einzige m Europa, die während des Krieges an die Juden in den Balkanlünderu dachte und sich bemühte, ihnen nach Möglichkeit zu helfen. Das spanische Bolk und die Regierung seien eifrig bemüht, die Juden zur Rückkehr nach Spanien 311 bewegen, da seit der Vertreibung der Juden der Handel, die Wissenschaft und die Kunst sehr gelitten hätten. In Spanien gebe es noch heute viele Juden, die zwar keine jüdischen Namen führen, deren Aeußeres aber ihre Stammeszugehörigkeit zeige. Sie nehmen geachtete Stellungen ein unter den Anwälten, Aerzten, Journalisten und sie genießen überall persönliche Achtung. Zamacois glaubt, daß in einigen Jahren schon alle religiösen Schranken in Spanien medergerissen sein werden. Zwar weisen die Klerikalen aus die Gefahren hin, die der Radikalismus der Juden für die sozialen Verhältnisse des Landes bedeutet, aber die liberalen Ideen gewinnen i-nuner mehr Boden und König Alfons sei ein Mann, der dem Fortschritt den Weg ebne. Ter Dichter sieht in den Juden die Fackelträger der Freiheit. Spanien brauche sie zur Hebung seines Handels, seiner Kunst und Wissenschaft. Die Zeiten der Inquisition seien vorbei. Wenige dürften wissen, daß der radikale Senator Dr. Angel Pulido, ein berühmter spanischer Arzt, von Juden ab'stamme. Dieser berühmte Arzt und Politiker sei es gewesen, der verlangte, daß die spanische Regierung die 50 000 Juden von Saloniki nach Spanien auf eigene Kosten bringe. Das Projekt tonnte wegen der finanziellen Seite der Frage itnb infolge der großen Last, die es mit sich brachte, nicht verwirklicht werden. Senor Zamacois glaubt, daß nach dein Kriege der Jude von einem anderen Gesichtspunkte aus beurteilt und bewertet werden wird. In der Wiederherstellung Europas werde der Jude eine große Rotte spielen, namentlich auf dem Gebiete der kommerziellen Wiedergeburt. Zamacois knüpft keine Hoffnungen an den Zionismus. Die Juden sollen sich mit anderen Völkern vermischen, sie Gerechtigkeit und Schönheit lehren. Dies soll ihr Zweck und Ziel sein. Dazu bemerkt der Korrespondent des „American Hebrew": „Senor Zamacois ist ein Künstler und kennt wahrscheinlich nicht die Wehen eines Weltwanderers." - Das vereinigte Berteilungskomitce (Joint Distribution Committee) bestimmte in einer im Monat Juli d. I. stattgehabten Sitzung den Betrag von 500 000 Dollar zur Unterstützung der Juden in den kriegführenden Ländern Europas. Mr. Marburg machte die Mitteilung, daß Maßnahmen getroffen wurden, um die Hilfsfonds in die Länder gelangen zu lassen, die von fremden Armeen besetzt sind. Die Gelder werden durch die Vermittlung des holländischen Gesandten in Washington an die Königin von Holland gesandt lverden, die das Geld den jüdischen, die Verteilung der Unterstützungsgelder vornehmenden Lokalkomitees der verschiedenen Länder überweisen wird. Das Geld für Palästina wird durch Herrn S. Hoofien, Direktor der Anglo-Palüstinensischen Bank in Jerusalem, verteilt werden. Herr Hoofien wurde von der holländischen Regierung zum Spezialbevollmächtigteu in Palästina für das jüdische Unterstützungswerk des amerikanischen Verteilungskomitees ernannt. Die Zuwendungen für Rumänien werden Herrn Vopicka, dem amerikanischen Gesandten in Rumänien, anvertraut werden. Die für die Verteilung der Unterstützungsfonds getroffenen Maßnahmen beheben alle Zweifel bezüglich der Art, wie der Betrag von 50 000 000 Dollar (0, der gegenwärtig in Amerika gesammelt wird, in der Kriegszone zur Verteilung gelangen wird. Diese direkte Verbindung wird ohne Zweifel zur Leistung"von BDiträgen zum erwähnten Fonds anspornen.