Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1917)
- Date
- 1917-09-07
- Page
- Seite 432 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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„Ja, Tante Phine, und nach einem tüchtigen Arzt will ich mich erkundigen und morgen wollen wir zusammen hingehen," sage ich aufstehend und gehe hinaus. „Darf ich hmein?" frage ich draußen an Bennos verschlossener Tür- Der Riegel dreht sich um, und ich fahre zurück vor seinem aufgeregten Gesicht. Ganz verändert sieht er aus, blaß, mit tiefen Schatten um den Augen. „Was ist denn los?" frage ich erschreckt. Gr geht ruhelos auf und ab. „Eine sehr freudige Nachricht aus Altweida", sagt er bitter. „Ateine liebe Schwiegermutter ist dort zur Kur. Ich wußte gar nicht, daß ich zweien den stärkenden Badeausenthalt gewähre.";_.i „Und nun hat es dir Luzi geschrieben?" Gr lacht schneidend auf. „Nein, teuerste Tante Trude, sie hat sich schwer gehütet. Kopfstein war dort" (Kopfstein ist sein Bereinsbruder und Intimus, der einzige wohl, der von seinen Beziehungen zu Luzi weiß) „und hat sie gesehen." „Und deine Braut hat dir das verheimlicht? Hat dich in dein Glauben gelassen, daß die Mutter hier in, Wvstock ist?" „Allerdings!" (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — (S r f o r f d) t e § II tt d Erlebtes aus dem alten B e rl i u. Festschrift zum fünfzigjährigen Jubiläum des Vereins für die Geschichte Berlins. -Heft 50 der „Schriften des Vereins für die Geschichte Berlins". Berlin 1917. Verlag des Vereins für die Geschichte Berlins. In Vertrieb bei Ernst Liegfried Mittler n. Sohn, Königliche Hofbnchhandlung. Tiefe ungemein wertvolle Sammelschrift, die zum 28. Januar 1915 erscheinen sollte, aber erst im Juli 1917 ansgegeben worden ist, enthält 49 verschiedene Aufsätze und Studien, darunter viele bisher unbekannte Aktenstücke, die für das politische, literarische und gewerbliche Leben unserer Residenzstadt teilweise von außerordentlicher Wichtigkeit sind. Unter den Mitarbeitern befinden sich drei Juden: j der verstorbene R. M. Meyer, der recht anmutig von seinem Väters liehen Hause erzählt, Adolf Kohut, der Bekanntes und Unbekanntes! über Emanuel Geibel in Berlin zusammenstellt, und der Schreiber? dieser Zeilen, der über Jfslands Berliner Theaterleitung berichtet. j Bon diesen Beiträgen kommt für unsere Zwecke nur der erstgenannte; in Betracht, weil darin eine sehr hübsche Schilderung der treffj liehen Eltern des bedentsarnen Literarhistorikers gegeben wird, j namentlich auch Manches von dem streng jüdischen Sinne der Mutter.! Aber nicht bloß deswegen verdient der Band an dieser Stelle! eine Erwähnung, sondern aus dem Grunde, weil manches für die Gei schichte der Juden daraus zu lernen ist. In der Studie von Julius! baeckel „Potsdams wirtschaftliche Beziehungen zu Berlin im 18. Jahrhundert" wird recht genau über die jüdischen Samt- und Seidenmanufaktnren Potsdams berichtet. Seite 433 ff. gelangt durch Probst G. Kawerau ein Brief Luthers an A. Buchholzer vom 5. September 1745 zum Abdruck. Er wird mit anregenden Bemerkungen begleitet, die für die Geschichte der Juden in der Mark Brandenburg, für die gegen sie herrschende Stimmung und namentlich für Luthers Gesinnung für sie von außerordentlicher Bedeutung sind. Manche Notizen über Felix Mendelssohn Bartholdy in dem schon erwähnten Aussatz Kohuts über Geibel seien hier nur kurz angedeutet. Einen Abdruck an dieser Stelle verdient aber eine Aeußerung der Frau Baronin Willmar geborene d'Evagne, der Frau des belgischen Gesandten in Berlin 1840 bis 1845. Tie Genannte schrieb am 5. April 1841 folgendes, das für uns von großer Bedeutung 'ist, weil es die ungemein hohe gesellschaftliche Stellung des Beerschen Hauses illustriert: „Frau Beer bewohnt eine entzückende Besitzung, die ihr Eigentum im Tiergarten ist. Komfort, das Angenehme und das Nützliche, alles findet sich hier vereinigt. Frau Beer steht bereits in sehr vorgerücktem Alter, sie liebt die große Welt, den Luxus und vor allem I die Musik. Sämtliche Mitglieder des diplomatischen Korps waren I bei dem Diner (gestern) anwesend. Man bemerkte eine Frau von be-! zaubernder Schönheit, die Gattin Wilhelm Beers, die auch von vollendeter Liebenswürdigkeit zu jedem ist." L. G. Dr. Er n st Baß. Die Merkmale der israelitischen Prophetie nach der traditionellen Auffassung des Talmud. Verlag L. Lamm, Berlin 1917. j Es ist schon oft mit Verwunderung darauf hingewiesen worden, daß gerade der Teil der israelitischen Religionsgeschichte, der unstreitig ihren Höhepunkt darstellt, so wenig von jüdischen Gelehrten bearbeitet wird, und daß wi«r daher gezwungen sind, uns über das Wesen der israelitischen Prophetie bei jenen protestantischen Theologen Belehrung zu holen, denen wir auf diesem Gebiete allerdings gar viel zu danken haben. Um so erfreulicher ist es, daß hier von einem jungen jüdischen Gelehrten iu einer Arbeit, die ursprünglich als Dissertation in Prag 'Erschienen ist, ein kleiner Beitrag zur Erforschung dieses bedeutsamen Wissensgebietes unternommen wird. Freilich will der Verfasser, wie der Titel seiner Arbeit besagt, das Wesen der Propheten nicht aus ihren eigenen Werken, die wir ja zum größten Teil vor uns haben, zu ergründen suchen, er null auch nicht nach dem Vorbild M. Joels it. a. die Ansichten unserer Religionsphilosophett über dieses Thema behandeln, er ist vielmehr bestrebt, was bisher noch wenig versucht wurde, die Anschauungen des Talmuds über den Begriff des Propheten in Israel inr Zusammenhang darzustellen. Daß das bei der Eigenart des Talmuds eine schwere Ausgabe ist, erkennt der Verfasser selbst. Wir werden daher nicht allzu streng mit ihm zu Gericht gehen dürfen, wenn er statt einer systematischen Behandlung seines Themas sich damit begnügt, an der .Hand einiger biblischer Stellen, die vom Näbi sprechen — es sind die Gen. 20, 7; Ex. 7, 1; Nnm. 12, 6— 8; Deut. 18, 16—22 und Jerem. 23, 25 f. — und im Anschluß an eine Reihe talmudischer Lehren das Wesen des israelitischen Propheten zu kennzeichnen. Hierbei weih der Verfasser uns manche treffende Bemerkung aus dem Talmud zu überliefern, so über die Klassifizierung innerhalb der Propheten, die bei all ihrer Erkerultniskraft Gottes Wesen nur gleichsam in einer mehr oder weniger klaren „Abspiegelung" zu schauen berufen waren und die man in zwei Klassen einteilen könne, in auserwühlte Menschen, die nur von dem Geiste der Heiligkeit beeselt waren, z. B. Abraham, und in solche, die außerdem noch als berufene Verkünder und Vermittler des göttlichen "Auftrags auftraten, z. B. Mose (S. 19). Interessant ist auch der Abschnitt, der von den Träumen handelt, die im Talmud verschieden geivertet werden, indem sie nach einer Stelle gleichsam den Wert eines Sechzigstels der Prophetie darstellen, nach einer anderen aber nur eine unreife Frucht der Prophetie bilden und daher weder zum Vorteil noch zum Nachteil gereichen. (S. 17 f.) Auch über die Symbolik bei. den Propheten, über ihre Stellung zur Lehre, über die Ziele der Prophetie und nicht zuletzt über die viel umstrittene Bat-Kol, die Gott es stimme, finden wir in der Arbeit manches Lesenswertes zusammengestellt. Besonders wertvoll aber für die Anschauung des Talmuds über den Prophetismus dürfte die Darstellung von den persönlichen Eigenschaften und Vorbedingungen fein, die inan beim Propheten voraussetzen müsse. So lautet ein Ausspruch des R. Jochanau: Der Heilige, gelobt sei er, läßt seine Herrlichkeit nur auf einem tapferen, reichen, weisen und demütigen Menschen ruhen (S. 22). Oder: Erst durch folgende Eigenschaften gelange man zur Vollkommenheit der Prophetie: Lehre, Achtsamkeit, eifrige Betätigung, Unschuld, Enthaltsamkeit, Reinheit, Frömmigkeit, Sündenscheu und Heiligkeit (S. 23 f.). Dagegen wird Stolz, Uebermut und Zorn, und an einer anderen Stelle auch Betrübnis, seelische Trägheit, Leichtsinn und Geschwätz als Hindernis des Prophetenberufs dargestellt (S. 23). Daß freilich bei all diesen bestimmten Forderungen, die an den Propheten gestellt werden, auch der Talmud demselben gewisse. individuelle Züge zugesteht und sehr wohl die Verschiedenheit der Propheten und ihres Wesens zu schätzen weiß — ich erinnere nur an den Satz: Nicht zwei Propheten weissagen iu gleicher Weise (Sanyedrin 89a) —, wird in der Arbeit merkwürdigerweise nicht erwähnt. Und doch sind es gerade diese rein menschlichen Züge, die uns die Persönlichkeit der Propheten besonders wertvoll machen. "Alles in allem ein Buch, das wohl in mancher Beziehung noch erweitert und vertieft werden müßte, das nur aber auch in dieser Form all denen, die bisher gewohnt waren, nur aus fremden Quellen zu schöpfen, zum. eifrigen Studium empfehlen können. S. G a n s.