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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-09-07 · Heft 36 (7.9.1917) · p. Seite 431

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 36 (7.9.1917)
Date
1917-09-07
Page
Seite 431 (sequence 11)
Language
German
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„Das glaube ich/ sage ich, „sie wird einen Mann gewiß mal sehr glücklich machen." „Sicher", sagt er überzeugt, und bald darauf geht er. Er merkt nicht, daß nun schon wieder viele Lichtchen ausgelöscht sind, die um mich herum alles besonnt und vergoldet hatten. Aber eine Flamme brennt weiter; sie sprüht nicht und sie glüht nicht, aber sie leuchtet mir ernst und feierlich auf meinen weiteren Weg, daß ich ihn klar erkenne. „Wundervolle Frauenwürde!" „Reinheit!" „Kein Mann kann in Ihrer Nähe ein derbes Wort nur denken" — Günther, Hab' Dank! Günther, das verpflichtet. Nun die Zähne zusammengebissen, standgehalten! Die Hauptsache, daß kein Mensch der Welt merkt, wie es in mir anssieht. * Paula war da, bescheiden, zntunlich und voll Vertrauen zu mir wie immer, und doch litt ich die ganze Zeit qualvoll unter der Erkenntnis, daß ich sie nicht leiden kann. LVarum nur? Sie.hat mir doch nichts getan? Ich kann mich in ihrer Nähe nicht mehr unbefangen geben. Ich glaube, ihr Jugendreiz, von dem sie selber kaum etwas ahnt, drückt aus mich. „Tante Trude, Großmama schickt mich. Sie fühlt sich gar nicht wohl," Ich wunderte mich baß von Paula wohl selbst auch ein Ton echter Besorgnis mitklang. „Wir wissen gar nicht, was eigentlich mit ihr ist, und sie will keinen Arzt. Wir wissen uns immer keinen Rat, Rosa und ich wenn du nicht kommst. Sag, Tante Trude, wieso kommst du gar nicht?" „Ich hatte wirklich keine Zeit, Paula." „Aber nicht wahr, nun hast du welche?" fragt sie treuherzig. „Ja, ich komme. Was sagt denn Benno Großmamas Zustand?" „Ach Benno", sagt sie und macht mit der Hand eine abweisende Bewegung. „Deshalb bin ich ja auch hier. Benno ist so komisch, schließt sich gleich in sein Zimmer ein und spricht gar nicht mit uns, kaum ein Wort mal mit Großmama. Das regt sie nun natürlich auch noch auf." „Ich komme bestimmt heute hin, Paula," sage ich. „Bei euch scheint es ja aber gar nicht vergnügt herzugehen." Sie hat Tränen in den Augen. Da sage ich, um sie auf andere Gedanken zu bringen: „Du hast solche schöne Ansichtskarte aus dem Felde bekommen?" Es gelingt mir überraschend gut. Sie wird ganz rot vor Geschmeicheltheit- „Was mir daran liegt!" schmollt sie. „Rosa ist zu blöd, das mit solcher Wichtigkeit auszuposaunen." . „Natürlich liegt dir nichts daran," sage ich, „du liebst ja einen anderen." Sie sieht mich wie erschreckt an. „Deshalb könnte mir doch was dran liegen?" sagt sie wie fragend. „Ja, wenn du doch aber Doktor Westphal liebst?" Sie zuckt mit den Achseln. „Gott, kriegen kann ich ihn ja doch nicht", sagt sie gleichmütig. „Und den Bankdirektor?" frage ich. „Kriege ich ebensowenig", sagt sie fest. „Ach ja, Tante Trude, wir haben es schon gut, wir Mädchen mit so gut wie gar nichts. Paß auf, ich bleibe sitzen." Da habe ich sie warm und beredt trösten müssen, daß sie ganz gewiß nicht sitz-mbleiben würde. ■* Ich war dort. „Setz dich, mein Tochter!" sagte Tante Phine. Weiter nichts. Und doch lag in ihrem Ton, in dem tiefe Befriedigung über mein Wiederkommen klang, alles, was sie än Unruhen und körperlichen Beschwerden durchgemacht hatte. Wohl auch in ihrem Gesicht. Tante Phine sah mir wie gealtert aus die wenigen Tage, die ich sie nicht gesehen habe. „Ich mechte vieles mit dir bereden", sagt sie, nachdem sie mich auf den Sofaplatz neben sich hingezogen hat. „Es geht mer garnich nach Wunsch." „Oh, Tante," sage ich mitleidig. Wenn sie nicht wohl ist, dann empfinde ich immer etwas von der Angst, die ich früher um Vater hatte, und alles andere ist vergessen. „Das is nich anders, wenn mer unberufen in meine Jahre is", sagt sie in dem harten Ton, der alle Rührseligkeit Niederschlagen soll. „Aber ich mecht vielleicht doch mal zum Doktor. Kennen tut je freilich keiner nischt, se sin alles bloß Klugschwätzer un Geldabnehmer." Tante merkt gar nicht, wie kräftig sie der Arzttochter schmeichelt. „Aber was soll mer machen? Mechtste wohl mal mit mir zu einen gehen?" „Soll er nicht lieber 31t dir Herkommen, Tante Phine?" frage ich besorgt. „Nee, nee, nee", sagt sie fest. „Wenn er sieht, hier sieht's en bißchen bekowet aus, da nimmt er gleich s Dreifache." „Wird ihm sehr imponieren, unsere Einrichtung!" spottet Rosa, gottlob, so leise, daß Großmama es nicht hört. Dabei sieht sich Rosel ärgerlich in der einfachen Stube um und merkt gar nicht ihre liebe, altmodische Traulichkeit. „Ich ziehe meinen Marktmantel an." „Pfui, das kannst du aber nicht", fällt Rosa laut und streitbar ein. „Halt 'n Mund," ruft Großmama streng zurück, „du bist nich gefragt. Wenn ich im Samtmantel komme/ denkt er auch, 's kommt mer' gar nich aufs Geld an und er kann fordern, was er will. Ich mecht aber doch nur den Tichtigsten. Wen, denkste, soll ich nehmen?" Jeden einzelnen von Vaters Kollegen kenne ich, auch den Unbekanntesten, und erst recht die, zu denen das Publikum am meisten läuft, und mir fällt doch kein anderer Name ein als der eine, den ich hier nicht nennen kann. Meine Blicke huschen zu Paula hin. Auch ihre Lippen sind fest aufeinander gepreßt und halten den einen Namen zurück, der uns allen im Sinn liegt. „Doktor Westphal", platzt Klein Rosa vergnügt und laut dazwischen. „Ohßer!" sagt Großmama fest und hart. „Nich de Probe Vertrauen habe ich zu den!" Da fliegt ein Blick von mir zu Paula, von ihr zu mir, gleichaltrig einverstanden, von sieghaft guter Laune und überlegener Schonung für die grundlosen Behauptungen einer alten Frau. „Ich nun gerade!" sagt Rosa. „Der ist so nett." „Was du verstehst, ob en Arzt tichtig is oder nich." Und wieder lächele ich vergnügt vor mich hin und weiß mich im Einverständnis mit der Nichte. „Wer hat denn deinen seligen Vater behandelt?" wendet sich Tante an mich. „Eigentlich alle, Tante, alle oder keiner. Jeder besuchte ihn ja. Am meisten kümmerte sich Doktor Westphal um ihn, und Vater gab viel auf ihn." „Na, da siehst es je", sagt sie wie herausfordernd. „Hat er denn was ausgericht?" „Du lieber Gott, Tante", sage ich wehmütig und muß doch lachen über den Unverstand, „bei Väterchens altem Leiden." „Tu mir den Gefallen", lenkt sie ab, „und geh' auch mal zu Benno. Der gefällt mer auch garnich die letzte Zeit."

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