Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1917)
- Date
- 1917-09-07
- Page
- Seite 430 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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des Goethe-Jahrbuches mich an den gefeierten Mann gewandt, ihn um Aufklärung -dieser Stellen gebeten und ihn aufgefordert, zur Aufhellung dieser Stellen und zur Darlegung seines Verhältnisses zu Goethe mir für das Goethe-Jahrbuch ein Gedicht oder einen Aussatz zu schicken und erhielt ein ausführliches zwar ablehnendes, aber ungemein anerkennendes Schreiben vom 11. März 1884, das in der köstlichen Sammlung dieser Briefe Band 2, Seite 459 ff. zu lesen ist. Ich schließe diese Skizze mit zwei Stellen, die vielleicht am besten dazu dienen, Kellers Stellung zum Judentum darzulegen. Am 28. März 1882 schreibt Keller an Rodenberg „von der elenden Stöckerei". In einem größeren Briefe an Storm vom 16. August 1881 wendet sich Keller gegen diejenigen Dichter, welche die Novelle herabsetzen, z. B. gegen Ebers, den Storm als Juden angegriffen hatte. Darauf schreibt Keller zunächst, „Ebers Judentum, das mir unbekannt ist, hat mit der Sache nichts zu schaffen," und nachdem er aus Gottschall und Freytag hingewiesen, die ähnliche Theorien über die Novelle geäußert, um damit ihre augenblickliche eigene Tätigkeit als die einzig richtige hinzustellen, schließt er: „Hierzu braucht es keine Juden, sowie überhaupt meine Erfahrungen und Beobachtungen dahin gehen, daß ich auf jeden v o r l a u t e n s ch r e i e n d e n Juden z w e i dergleichen E h r i st e n , seien es Franzosen oder Deutsche, Schweizer inbegriffen, rechnenkann." Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von A n nn Go l d s ch ni i d t. (27. ifau'tfcjjunQ.) (Nachdruck verboten.) nd dann kommt der Tod, und alles, alles ist vorbei. Lohnt die kurze Spanne Zeit denn all den Kampf? Günthers Gesicht sieht so kindlich traurig aus, da ist in mir eine wohlig selbstlose Stille. Nichts tobt, nichts rauscht mehr da innen. Wie eine Mutter suhle ich, die nur Erbarmen hat und die innige Sehnsucht, z» Helsen und wohlzutun. Ganz gewiß, ich glaube, wenn ich ganz für Günther sorgen, ihn mütterlich pflegen und behüten dürfte — würde wohl alles Selbstische, alles Begehrliche in mir schweigen, und ich konnte wunschlos glücklich sein. Aber ich kann ihm nicht das eine sein, nicht das andere. „Ich weiß gar nicht", sagt er plötzlich wie aus tiefem Sinnen heraus, „warum cs mich immer zu Ihnen zieht, und nur zu Ihnen, wenn ich nicht weiß, wo aus, wo ein über mein niederträchtiges Schicksal. Eigentlich verstehen doch die beiden Harms und Lottchen Beyer meine Not viel bester." „Das wissen Sic ja nicht, Günther," sage ich lächelnd und jetzt in meinem Erbarmen wage ich auch wieder ihn anzusehcu. „Ach, recht haben Sie", sagt er beinahe trotzig. „Sehen Sie, wenn Sie einem ein einziges Mal mit so einem guten Mutterblick anschanen" - ich sehe ihn groß und strahlend an. Ganz iveit umfaßt ihn mein Blick mit meiner ganzen niütterlichen Wärme. „Ja, Günther, im Grunde genommen verstehen wir uns ja doch gut." Er sieht mich mit gewinnender Freundlichkeit an, ich habe wohl lange nicht so warm gesprochen. „Sie wissen schon, und wenn sie alle noch so gut zu Ihnen sind, die Taute Trude ist halt doch Ihre allerbeste Tante!" Bei dem Wort „Tante" dreht er sich kurz und wieder wie trotzig um. Warum denn? Aber es schadet ja nichts, wenn ich nicht jede Regung verstehe. Nie waren wir einiger und einander verstehender als heute. „Ich glaube, Günther, Sie haben es sträflich gut in der Pension Beyer." „Weiß Gott, ja," sagt er lachend. „Ich kann wirklich nicht klagen. Mama Beyer ist zwar immer noch die ehemalige Putzmacherin und keine Hausfrau, aber was die kleine Lotte, die doch auch bis vor kurzem noch Hüte garnierte, leistet, ist fabelhaft. .Ich sage Ihnen, die drei Mädchen, die Harms und sie, zanken sich direkt, wer mir die Knöpfe an meine Wäsche nähen darf. Neulich habe ich, um sie alle drei zu befriedigen, vor ihren Augen extra noch an zwei Nachthemden die Knöpfe abgedreht." Ich lache auf: „Günther, Sie sind sehr unverschämt." Er zuckt die Achseln. „Was soll man machen? Sie lieben mich gar zu sehr." Er sagt eS mit drolliger Harmlosigkeit, ganz ohne Selbstgefühl. „Und doch sind Sie so dankbar für jedes bißchen Güte, Sie Verwöhnter", sage ich. „Ja, bei Ihnen," sagt er beinahe feierlich, „da ist das auch höher zu bewerten." „Warum denn?" „Na, wollen Sie sich vielleicht mit den Harmsens vergleichen? Oder gar mit dem Heuschreck, der Benjamin?" er fragt es beinahe grob. „Sie, Tante Trude!" „Nun ja, ich, Günther." „Ich glaube im Ernst, Sie merken selber gar nicht den Unterschied. Na, sicher nicht, sonst würden Sie doch die Benjamin vor die Tür setzen. Ja, sehen Sie denn nicht, was Sie von denen trennt?" „Was denn?" „Na, Ihre wundervolle Selbstbeherrschung — deshalb habe ich mich ja so erschreckt, als ich Sie neulich mal außer Fassung sah —, Ihre feine Zurückhaltung, Ihre Frauenwürde — wie soll ich mich denn nur ausdrücken —, Ihre Reinheit! Sehen Sie, Tante Trude, ich sage es ganz offen, ich bin kein Musterknabe, ich bin lange nicht so ordentlich, wie Sie denken." Jetzt lache ich aber doch. „Nein, ganz gewiß nicht, es ist schon so. Aber in Ihrer Gegenwart bin ich es, in Ihrer Gegenwart, da bin ich ein anderer Mensch — mehr, so wie früher —, ich könnte mir nicht denken, daß jemand in Ihrer Nähe ein unanst— ein derbes Wort sagte oder auch nur dächte. Abgesehen davon, daß ich dem Kerl den Hals umdrehen würde." Ich lache hell auf. Mein Herz ist es, das lacht, lacht und jauchzt. Wie er mir gefällt in seinem Eifer, wie er mir gefällt! Meine Blicke jubeln ihn an! „Die Harms" — „Was ist mit ihnen?" So grausam bin ich, so glücklich grausam, daß ich atemlos warte und aufpasse, wie sie an den Pranger gestellt werden. „ sind ja nicht ernst zu nehmen", fährt er fort, „bald so wie die Benjamin. Die machen sich ja lächerlich. Und Lottchen Beyer ist" — „Eine Gans", vollendete ich in meinem Uebermut. „Na", sagt er, „so hart wollen wir da denn doch nicht gleich urteilen." „Ich zitiere nur große Meister", sage ich lustig. „Habe ich das etwa mal gesagt?" fragt er unschuldig. „Natürlich", fährt er fort, „so klingt's auch. So hart und voreilig würden Sie nie über Ihre Mitmenschen urteilen. Das kann ich nur. f Lottchen Beyer ist ein braves, fleißiges Kind, das sich unendliche Mühe gibt, ihrer Pflichten gerecht zu werden."