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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-09-07 · Heft 36 (7.9.1917) · p. Seite 429

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 36 (7.9.1917)
Date
1917-09-07
Page
Seite 429 (sequence 9)
Language
German
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Als Keller in Berlin verweilte, lernte er im Varnhagenschen Salon Max Ring kennen; er spricht in seinen Briefen mehrfach von ihm. Am 3. August 1853 übermittelt er etwas spöttisch Hermann Hettner eine Ansicht Rings über französische Literatur des 18. Jahrhunderts und fügte die Worte hinzu: „Ring ist übrigens ein .rühriger und talentvoller Bursche, welcher noch vieles machen wird, es geht aber nicht in die Tiefe." Auch sonst wird, von dem Plane Rings, ein Lustspiel zu schreiben, gemeldet (15. Oktober 1853), und am 4. Dezember 1853 bezeichnet er ihn geradezu als „triviales Luder", spöttelt über eines seiner romantischen Schauspiele und schließt mit den Worten „mich hält er für einen komischen Esel". Sein Urteil über Ring begründet er am 6. Mai 1854 mit den Worten: „Ring hat überhaupt sehr mit der Gewöhnlichkeit zu kämpfen neben großer Produktionsgewandtheit." Im Februar 1857 sendet er ihm herzliche Grüße und hofft von ihm, daß er noch immer gleich vergnügt sei°). Von sonstigen deutschen Schriftstellern jüdischen Glaubens wird gelegentlich Mosenthal erwähnt, über dessen „Sonnenwendhof" (26. Juni 1854) ein vernichtendes Urteil gefällt wird, das mit einer sehr bösen allgemeinen Bemerkung beginnt, die der Unparteilichkeit halber hier nicht unterdrückt werden darf. Sie lautet: „Es ist wie im „Struensee" (Michael Beers) eine mit echt jüdischer Gemeinheit und Frech-, heit zusammengestoppelte Sammlung kleiner Effektchen, die auf alle Schwächen des Publikums spekulieren." Eine kurze Notiz handelt über einen anderen deutschen Dichter jüdischen Glaubens David K a l i s ch. Nachdem Keller am 4. März 1851 ausgeführt hatte, daß die Angelegenheiten des Tages poetischen und bleibenden Wert hätten, fährt er fort: „In Berlin ist es der Dichter Kalisch, welcher das für jetzt Bestmögliche leistete. Seine Sachen werden auf dem Königstädtischen Theater gegeben, allein der Inhalt ist noch nicht viel wert." Mit ganz besonderem Lob , ja mit förmlicher Bewunderung wird die Schauspielerin Rachel gefeiert. Am 16. September 1850 schrieb Keller: „Die Rachel habe ich einige Male gesehen und säst Lust bekommen, mich zu entnationalisieren und Französisch zu lernen. Sie hat viel Manier, ist aber trotzdem eine großartige Person und die oder vielmehr der größte Künstler, den ich kenne. Am besten hat sie mir in Racines „Athalie" gefallen, wo sie eine altorientalische, tyrannische und blutbefleckte Königin so darstellte, wie es nur ein Weib kann, die in der Wirklichkeit und in den gegebenen Verhältnissen das Original selbst gewesen wäre. Sie spielte nur den zweiten Akt und diesen fast ganz in einem Sessel sitzend, in einem prägnanten glanzvollen Kostüm mit großen, ergrauten Locken. Ihre Bewegungen waren so kolossal einfach, derb und fast männlich und doch so majestätisch, wie man es sich von einem Königsweib aus der Pyramidenzeit nur denken kann; es lag auch so viel wilde Majestät und Größe in ihr, daß man für sie Partei nahm gegen die frommen, aber langweiligen Priester Jehovas"3 4). 3) Ring lyat in seinen „Erinnerungen", Berlin 1894. I, 126 sf., von Kellers Berliner Zeit anmutig berichtet. 4) In einer Anmerkung wenigstens soll darauf hingewiesen werden, daß Keller, der während seines Berliner Aufenthaltes viel im Varnhagenschen Salon verkehrte, schon damals viel über R a h e l, Barnhagens 1833 verstorbener Gattin, hörte und später durch Ludmilla Assing, mit der er lange befreundet blieb, auch noch zu der Zeit, da diese in Italien lebte, von einigen ihr gewidmeten Publikationen Kenntnis nahm. Mit außerordentlicher Anerkennung beurteilte er den Rahel-Barnhagenschen Briefwechsel (18. Mai und 9. Juni 1875). Dagegen, mußte er bedauerlicherweise mit dein Rahel-Veitschen Briefwechsel nicht viel anzufangen (Mai, Juni 1861). Er braucht dabei die unerfreulichen Worte: „Ich glaube diese In diesem Zusammenhang sollte man auch Kellers Briefe über Börne und Heine zusammenstellen, doch würde eine solche Aneinanderreihung uns in literarhistorische Untersuchungen führen, die an dieser Stelle vermieden werden müssen. Darum sei nur kurz angedeutet, daß Keller in dem „Apotheker von Ehammounix" sich gegen Heine wandte, für den Dichter aber in vieler Beziehung große Achtung bezeugte. Was Börne betrifft, so las er 1843 die „Briefe", erkannte, was sehr merkwürdig ist, seine Angriffe gegen Goeth? an und wurde durch Börne angeregt, ähnliche Briefe aus der Schweiz zu schreiben. Später (1861) las er die Briefe des jungen Börne an Henriette Herz und bemerkt darüber: „Es ist Börne fast auf jeder Seite und die Liebesgeschichte, welches jedenfalls eine krankhafte oder unreife Affäre ist, nimmt am Ende nicht so viel Raum im Text ein. Die Schilderung der Reilschen Wirtschaft in Halle ist köstlich und so noch manches. Ich lese für mein Leben» gern B ö r n e s ch e Briefe und wenn sie von nichts handeln." Während ein persönlicher Verkehr mit den beiden letztgenannten Heine und Börne nicht stattsand, ist auf vier jüngere jüdische Männer hinzuweisen, alle vier Apostel von Kellers Ruhm, mit denen der große Dichter freilich nicht immer in eine persönliche, aber briefliche Verbindung trat. Bei allen zeigt sich das temperamentvolle Eintreten, der enthusiastische Zug, den ich um so lieber hervorhebe, da man gerade den Juden das Nörgeln und Mäkeln an erworbenem Ruhm zuzuschreiben bestrebt ist, offenbart sich das Bemühen, einen zwar nicht verkannten, aber nicht allgemein anerkannten Mann zur Bedeutung zu erheben, ohne daß dabei die Sucht bemerkbar wird, für den eigenen Ruhm zu sorgen. Der Reihe nach sind es die folgenden: Emil Kuh - Siegmund Schott, Otto Brah m , A lfred Rosenb a u m. Der erste, früh gestorben, ist der bekannte Biograph Hebbels. In seiner journalistischen Betriebsamkeit, der Keller wohlwollend, allerdings nicht ohne kleine Stiche gegen sein wienerisches und jüdisches Wesen gegenübersteht, hatte er sich zum Herold des Schweizer Dichters gemacht und unterhielt mit ihm eine angeregte Korrespondenz, sehnte sich nach einer persönlichen Zusammenkunft, zu der es freilich, niemals kam. Siegmund Schott war Bankbeamter in Frankfurt, ein kenntnisreicher Lessing-Forscher und ein nicht unbegabter Schriftsteller, der nicht ohne eine gewisse Selbstgefälligkeit sich in persönlichen Beziehungen zu berühmten Männern sonnte, aber mit feinsinnigen Charakteristiken Kellers Tätigkeit beleuchtete, den Dichter mehrfach besuchte und den für Aufmerksamkeiten Empfänglichen mit manchen. Gaben erfreute. Otto Brahm ist der bekannte Berliner Kritiker und Theaterleiter. Er hatte durch eingehende Beurteilung mancher Kellerscher Werke und durch einen größeren Essay über Kellers gesamte Tätigkeit in dem Dichter eine merkwürdige Mischung von Bescheidenheit ' und Selbstbewußtsein erregt, war aber nicht imstande, bei einem persönlichen Beisammensein. Kellers Sympathie sich zu verschaffen. Endlich Alfred Rosenbaum, der einzige der noch lebenden Lobredner Kellers, der den Dichter in seinen letzten Lebensjahren durch ein reichhaltiges Geschenk erfreute und zu einem hübschen Dankschreiben veranlaßte. Es mag nicht als Unbescheidenheit ausgelegt werden, wenn ich mich am Schluß dieser Reihe nenne. Ich hatte bei der Lektüre von Kellers Gedichten, in denen manche bösen Worte gegen Goethe-Philister und ähnliche standen, als Herausgeber Art Luxus in tugendhaftem Scharfsinn oder scharfsinniger Tugendhaftigkeit, so breit ausgehüngt, ist jüdisch und hat die gleiche Quelle wie bei ordinären Juden der Luxus mit Schmuck und schreienden j Farben. Wobei natürlich aller kan nt werden muß, daß, wie diese | letzteren das Geld, so die ersteren den nötigen Geist zu ihrem Luxus! haben."

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