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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-09-07 · Heft 36 (7.9.1917) · p. Seite 428

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 36 (7.9.1917)
Date
1917-09-07
Page
Seite 428 (sequence 8)
Language
German
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wird an anderer Stelle gesagt, er lüge wie ein Jude. Selbst von Nichtbuchhändlern, z. Bvon dem wackeren Heinrich Simon, wird einmal behauptet, „er rieche nach Lewaldschem Judentum". Die letzte Stelle ist besonders kennzeichnend. Denn gerade Fanny Lewald, die hochbegabte Schriftstellerin, die aber durch ihre große Selbstgefälligkeit und Eitelkeit unangenehm wirken konnte, galt, obgleich sie, da sie in Kellers Gesichtskreis trat, schon seit Jahrzehnten sich dem väterlichen Glauben entfremdet hatte, dem Schriftsteller als eine Inkarnation des Judentums-). Zunächst seien drei Stellen hervorgehoben, aus denen man versucht sein möchte, ein Verhältnis Kellers zum Judentum zu erschließen. Die eine ist eine kurze Andeutung, eine reiche Jüdin zu heiraten, um sich aus seinen pekuniären Verlegenheiten zu befreien. Ferdinand Freiligrath hatte ihm scherzhaft geschrieben: „keine Zeitung meldete: der frischeste Dichter der jungen Schweiz habe eine reiche Jüdin geheiratet", worauf Keller am 4. April 1850 erwiderte: „Was die reiche Jüdin belangt, so bin ich immer noch zu haben, und gerade eine Jüdin ist nicht so übel, nur müßte das „reich" gestrichen werden, denn ich halte es fast für das einzige, zuverlässige Geniesymptom au mir, wenn ich zu zweifeln beginne, daß ich notwendig ein armer Schlucker bleiben werde." Die zweite Stelle ist die Erwähnung einer jüdischen Synagoge. In einem an die Mutter gerichteten Briefe vom 19. September 1841 schreibt Keller: „Ich gehe öfter in die Kirchen, aber nicht in unsere, sondern in katholische, griechische und in die Judensynagoge, wo ich, während sie ihre Künste treiben, auf meine Art andächtig bin." Die dritte ist die Andeutung eines jüdischen Planes. Am 15. Juli 1843 notiert er, nicht in einem Briefe, sondern in einem Tagebuchblatt als dichterische Ausgabe, die ihn beschäftige: „Ein Laubhttttenfest, welches eine bedrängte Judenfamilie in einer bigotten Christenstadt auf ihrem Hausdache im Verborgenen feiert." Leider ist dieser Plan nicht ausgeführt worden. Während Keller in Zürich kaum Juden kennenlernte, jedenfalls mit keinem ■ näheren Umgang pflog, brachte ihn seine Schriftstellerei in Beziehung zu einigen Juden. Der erste ist Berthold Auerbach. Das Kapitel' Auerbach-Keller ist nicht ganz erfreulich. Die Schuld liegt auf beiden Seiten. Auerbach besaß viel von der Patron- und Gönnernatur, Keller war ein knorriger, selbständiger Mann, der trotz aller wirklichen Bescheidenheit Gönnerschaft nicht vertrug. Einige Jahre war Keller Mitarbeiter an dem von Auerbach gegründeten und längere Zeit herausgegebenen Vvlkskalender, ermüdete durch seine Saumseligkeit, die ihm unmöglich machte, festgesetzte Termine einzuhalten, selbst die geduldigsten. Verleger und Herausgeber, zog sich aber, nicht wegen der Differenzen, die aus dieser Eigenart entstanden, von dem Kalender zurück, sondern in der Erkenntnis, daß seine unabhängige, vor der Behandlung starker Probleme nicht zurückschreckende, vielmehr sie mit Vorliebe aufsuchende Natur, zu der Schüchternheit nicht paßte, mit der ein Volkskalender an solche Fragen Herangehen mußte. Indessen nicht dieser Gegensatz verschuldete das Aufhören der Beziehungen zwischen Auerbach und Keller. Auerbach, der eine starke Protektionswut mit neidloser Anerkennung wirklich großer '-') Tie über Fanny Lewald und ihren späteren Gatten Adolf Stahr handelnden Stellen sind außerordentlich zahlreich. Sie können hier nicht erwähnt werden, da sie mit Judentum nichts oder äußerst wenig zu tun haben. Toch will ich nicht unterlassen hervorzuheben, daß die Abneigung des deutschen Publikums gegen das einst hochgeschätzte Ehepaar teilweise auf bösen Kellerschen Aeußerungen fußt, von denen die witzige, aber recht einseitige Bezeichnung „zweigeschlechtiges Tintentier" maßgebend für die Beurteilung der fleißigen und talentvollen Schriftsteller geivorden ist. Menschen zu verbinden wußte, rühmte sich in feiner naiven Eitelkeit vielleicht etwas zu selbstgefällig, Keller „entdeckt" zu haben. Wirklich kommt ihm das Verdienst zu, daß er in einer ausführlichen Arbeit dem deutschen Publikum als erster die Bedeutung Kellers recht vor Augen gestellt hat. Dafür erwartete er Dank und erhielt keinen. Das Ausbleiben eines solchen Anerkennungsschreibens, dessen Notwendigkeit Keller selbst bekannte, ist indessen, wie aus manchen Aeußerungen Kellers an Widmann, Bettelheim' und andere hervorgeht, nicht aus Kellers Undankbarkeit zu erklären, sondern ans seiner Schreibfaulheit, aus seiner Unlust, sich brieflich zu äußern. Dadurch wurde Auerbach verschnupft und unterließ daher, Keller aufzusuchen, wenn er nach der Schweiz kam, während er in früheren Jahren häufig bei ihm vorgesprochen hatte. Infolgedessen trat eine gewisse Spannung zwischen beiden ein, die sich dadurch vergrößerte, daß skandalsüchtige Zuträger manche spöttische Aeußerungen des handfesten Schweizers geflissentlich verbreiteten und vergröberten; das Ausbleiben oder die Verspätung, eines Kondolenzschreibens Kellers an die Hinterbliebenen bei Auerbachs Tode ließ die Meinung entstehen, als hätte sich die ehemalige Freundschaft in Feindschaft verwandelt. Dies ist aber eine Sage. Denn wenn Keller auch die großen Romane Auerbachs nicht voll anerkannte und wenn er auch in der Behandlung der Dorfgeschichte an der naturalistischen Eigentümlichkeit seines Landsmannes Jeremias Gotthelf mehr Behagen fand als an der idealisierenden Auerbachs, so wußte er doch die Güte des letzteren, seine Rührigkeit und sein Talent völlig anzuerkennen. Freilich finden sich neben manchen höflichen Worten der Anerkennung, die meist an Auerbach selbst gerichtet sind, einzelne scharfe Verurteilungen; die schärfste ist wohl über den Roman „Waldfried" (23. März 1874), die so lautet: „Das Buch scheint schwach und langweilig wie ein dreibeiniger Volkskalender. Ich habe es meiner Schwester hingeworfen mit einem Gemurre, worauf sie meinte, es werde eben jedem so gehen, wenn er alt werde . . . Uebrigens ist es bei Auerbach nicht gerade das Alter, sondern seine verfluchte Altklugheit und sein Industrialismus." Völlig ungetrübt war und blieb das Verhältnis Kellers zu Julius Roden her g. Dieser hatte ihm die Spalten der von ihm herausgegebenen „Deutschen Rundschau" bereitwillig eröffnet und darf das Verdienst beanspruchen, die Züricher Novellen, das Sinngedicht, Martin Salander und eine große Anzahl Gedichte veröffentlicht und dem langsam arbeitenden Schweizer Honorare verschafft zu haben, die der minimalen Entlohnung früherer Verleger und Zeitschriftenredakteure gegenüber geradezu als Riesensummen erscheinen müssen. Neben diesem Verdienst gebührt Rodenberg aber auch das andere, den ewig zögernden Autor, der zuerst durch Geschäfte, dann durch Kränklichkeit, immer aber durch Laune und Stimmung in seiner Produktion gehemmt wurde, Eigenschaften, die einen Herausgeber zur Verzweiflung bringen können, mit einer Langmut, Rücksichtnahme und Schonung behandelt zu haben, die geradezu als einzigartig zu bezeichnen ist. Ein solches Verfahren erkannte Keller mit der größten Dankbarkeit an: er wurde dem Herausgeben der „Deutschen Rundschau" und den Seinen ein wirklicher Freund, sprach zu ihm mit rührender Herzlichkeit und pries in einer uns fast überschwenglich erscheinenden Weise Rodenbergs Romane, Reisebeschreibungen, literarische Skizzen und Berliner Schilderungen. Man darf ein solches Verfahren nicht etwa als Heuchelei bezeichnen, denn Keller war eine zu aufrechte Natur, um in Briefen eine andere Meinung zu äußern als die, die er wirklich hegte, und daß Keller seine wirkliche Meinung mit solchen Lobsprüchen ausdrückte, bekundet sich auch dadurch, daß er keinem anderen Korrespondenten gegenüber eine gegenteilige Ansicht über Rodenberg äußerte.

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