Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1917)
- Date
- 1917-09-07
- Page
- Seite 427 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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ihm, nicht überwuchere das eine -das ändere; die Erkenntnis, die Wahrheit, die Wissenschaft tue der Gottesfurcht, dem religiösen Sinn keinen Abbruch, aber auch die Frömmigkeit versuche nicht, die Wissenschaft zu verdunkeln und das Licht der Wahrheit auszulöschen. Unsere Alten bemerken mit Recht VltT pa Hin -es ist etwas Großes um die Wissenschaft, denn sie findet ihre Stelle Zwischen zwei Gottesnamen," denn es heißt '7113, „ein Gott der Erkenntnis ist der Ewige"; diejenige Wissenschaft ist göttlich, die nach allen Richtungen auf Gott hinweist. Solche Männer der Weisheit und der Einsicht, des Rates und der Stärke, der Erkenntnis und Gottesfurcht erheischt das Judentinn der Gegenwart, 1^8' auf solche Männer aber hört man auch, denn sie zählen zu denen, von welchen es heißt ßHp8 ^p2 2228 DITT^D '32 „durch die, die mir nahestehen, werde ich geheiligt werden und vor dem ganzen Volke verherrlicht werden". III. Aber auch ein Mahnwort an die Gemeinden Israels möchte ich meiner Betrachtung anschließen. M. A.! Sollen die Lehrer in der Wartung ihres hohen Amtes den geraden, rechten Mittelweg gehen und weder auf der einen Seite gleichgültig und rücksichtslos die Vergangenheit außer acht lassen noch auf der anderen Seite mit dem Feuer des Eifers verheerend wirken, dann müssen auch die Gemeinden sich von den äußersten Grenzen nach rechts und links fern halten. Was ich hiermit sagen null, das soll ein Satz aus der heutigen Haftara für EH22"2 -erflärcn. Im Propheten Ezechiel (46, 9) werden einige Andeutungen angegeben, wie das Landvolk, wenn es zu den Festtagen nach Jerusalern wallfahrte, die heilige Tempelstätte bebetreten, durch welches Tor es einziehen und durch welches Tor es heimkehreu sollte. Da heißt es denn n JH82 2!? X1221 aaj nw *p2 82' mnrwrb 1122 2ytr -pn «an oninas ■pw sw' *6 nsisjt 1VV i“n «2c as) nrtr 1-1-k Kam aaina iwsm «r irtas ’a la sa iwrr “iwim ..und mmn das Volk des Landes h ineingeht vor das Angesicht des Elvi gen an den Festtagen — wer eingeht durch das Nordtor, um sich zu bücken, der gehe hinaus durch das Südtor, und wer eingeht durch das Südtor, der gehe hinaus durch das Nordtor; er kehre nicht zurück durch das Tor, durch welches er eingegangen, sondern vor sich hin gehe er hinaus, und der Fürst — in der Mitte von ihnen." Was bedeutet das alles, m. A.? Nun, wir machen von dem Rechte, das Prophetenwort in einem erbaulick^belehrenden Sinne zu deuten, an dieser Stelle Gebrauch, denn '3£H2 "1218 K2p22 ^te Aufforderung zur- Deutung liegt ans der Hand. Der Norden, m. A., ist die Region der Kälte und der Erstarrung, statt üppigen Wachstums bedecken Eismassen der Erde Fluren; im Süden gewahren wir das Gegenteil, glühende Hitze, sengende Sonnenstrahlen wirken erschlaffend auf den Menschen. Und die Bewohner des Nordens haben den Charakter des Klimas, unter welchem sie wohnen, angenommen, sie sind kalt, gleichgültig, phlegmatisch, der Begeisterung selten zugänglich; die Südbewohner sind im Gegenteil leicht erregt, leidenschaftlich, geraten schwell iu Glut und Auiwallung. Dasselbe aber gibt's auch ans den: Gebiete der Religion, dort giblls Nordbewohner, kalte, gleichgültige, aber auch Südbewohner, Naturen, leicht erhitzt, schnell entzündet von der Glut des Fanatismus. Und nunmehr, dieses voransgeschlckt, mögen die Prophetenworte ihre Anwendung finden. Wenn das Volk des Landes zum Tempel wallfahrt, dann soll folgendes beobachtet werden: die da einziehen durch das Nordtor, das sind die Kalten, Gleichgültigen in religiösen Dingen, sie sollen heimkehren und hinausziehen durch das Südtor, damit das kalte Herz sich ein wenig erwärme, damit das Eis schmelze, das jede warme religiöse Empfindung fernhält, - und die durch das Südtor einziehen, das sind die leicht entzündbaren Fanatiker, die über jedes Unbedeutende, scheinbar Antireligiöse in Zornesglut geraten, sollen heimkehren und Hinallsziehen durch das Nordtor, damit sie sich etwas abkühlen und das Feuer gedämpft werde und der Hitzegrad heruntergehe. Der Fürst des Volkes aber, der Führer der Gesamtheit, durch welches Tor soll er einziehen, welches ausziehen? 22122 8T321 Der Fürst gehe in ihrer Mitte, er schreite einher zwischen bciben:, neige sich weder denen von Norden, noch denen von Süden zu, sondern stehe mitten im Volke, beide Richtungen führend und leitend; der Fürst vermittle die Einheit, die Zusammengehörigkeit des Volkes, lind ebenso reiche Israels Lehrer der Gegenwart die eine Hand i>ett einen und die andere den anderen und führe sie hinauf JV2 2^1I?2 22DM/ auf die Bahn, die zu Gott hinaufleitet; er rufe wie ein Herold Gottes nach allen Seiten hin: "n *1182 22^31 122 2pi2 JV3 «Haus Jakob, auf! im Lichte Gottes wandern", und fürwahr! solch einem Führer, der mitten im Volke steht, wird mau im Chore einstimmig antworten: na^si ram» apjr Ttbs rra vx "rr "in Px r6m la*? D^riTa "n nam min ssn psta ra i'7iin-ii«a-Kommt. m&t uns hinaufziehen zu dem Berge des Ewigen, zu dem Hause des Gottes Jakobs, damit «er uns lehre seine Wege und wir wandern in seinen Bahnen, denn von Zion geht die Thora ans und das Wort Gottes von Jerusalem." Hier haben Sie, andächtige Gemeinde, einige Betrachtungen, einige Gedanken, die mich von jeher in der Lösung meines hohen Lebensbernfs, in der Erfüllung meiner Pflichten geleitet haben; sie waren meine Richtschnur und sie werden bleiben mein Leitstern auch für die künftige Zeit. Ihnen aber, teure Gemeinde, rufe ich zum Schlllsse den Wunsch zu: mm bv vpit “ieq ^a^> mrmn “n ips’ „Möge der Gott aller Geister in allem Fleisch einen M a n n über die Gemeinde setzen, eineil echten und rechten Alaun, der würdig ist, vor ihr ein- und mlszuzieheu, sie ans- und einznsühren, damit diese so schölle, herrliche und blühende Gemeinde nicht lange sei eine hirtenlose Herde, das walte Gott! — VI nt e n! — Gottfried Leiter und die Juden. Von Ludwig Geige r. ch nenne die kleine Skizze nicht „Gottfried Keller und das Judentum", weil dieser Titel nicht recht passen würde. Denn von dem Judentum hatte Keller, der in einem bei Zürich gelegenen Dorfe und in der Stadt Zürich aufwuchs, in der damals keine oder wenig Juden wohnten, keinen vollkommenen Begriff. Die Juden sind und bleiben für ihn, obwohl er in den späteren Jahrzehnten feines Lebens deutsche Schriftsteller jüdischen Glaubens genug kennen und schätzen lernte, Händler, mit dem Nebenbegrifs des Betrügerischen und Wucherischen. Und es ist für uns ein Glück zu nennen, daß er, der bis in seine Mannesjahre hinein in München, Heidelberg, Berlin trotz reichlicher Staatsunterstützungen und ansehnlicher' schriftstellerischer Verdienste stets in Schulden steckte — übrigens nicht ganz ohne seine Schuld, da er reichlich für sich ausgab und, als echtes Genie durchaus von Stimmungen abhängig, beständiges und auf den Erwerb gerichtetes Arbeiten nicht kannte —, niemals mit jüdischen Geldleihern und auch nicht mit jüdischen Buchhändlern zu tun hatte. Denn seine schweizerischen Verleger sowie die deutschen: Scheibe, Vieweg, Franz Duncker, die ihn teilweise recht übel behandelten, waren alle Christen, ebenso die späteren, Weibert in Stuttgart, Paetel in Berlin; nur Wilh. Hertz, der Verleger der Gesamtausgabe, stammte wohl von Juden, aber gerade er behandelte den Schriftsteller in nobelster Weise. Trotzdem bleibt für Keller Jude Inbegriff unredlichen Handels. Trotz ihres christlichen Glaubens heißt es einmal *) von diesen Verlegern, man müsse diese Kerle wie die Juden behandeln, denen man alte Röcke verkaufe, und von einem anderen, dem er ein besonders schlechtes Verfahren vorwirft, I Zn der vorstehenden Skizze tffc das Werk benutzt: „Gottfried Kellers Leben, Briefe und Tagebücher. Auf Grund der Biographie Jacob Baechtolds dargestellt und herausgegeben von Emil Ernatinger. Drei Bünde. Stuttgart und Berlin, I. G. Cottasche Buchhandlung Nachfolger. 1915/16". Am wenigsten kommt in Betracht die eigentliche Biographie, hauptsächlich benutzt sind der zweite und dritte Band der umfangreichen Publikation, von denen der zweite die Briefe 1830 bis 1861, der dritte die von 1861 bis 1890 enthält. — An dieser Stelle können nur die über Juden handelnden Ausführungen zusanrmengestellt werden. Ich will aber nicht unterlassen, meine Leser, die sich für allgemeine Literatur interessieren, auf dieses gehaltvolle, wahrhaft herzerhebende Werk nachdrücklich hinztlweisen.