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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-09-07 · Heft 36 (7.9.1917) · p. Seite 426

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 36 (7.9.1917)
Date
1917-09-07
Page
Seite 426 (sequence 6)
Language
German
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stehen, will ich geheiligt werden und vor dem ganzen Volk verherrlicht werden." II. Was war das aber für ein fremdes Feuer, das Nadab und Abihu in das Heiligtum gebracht hatten? M. A.! Die Bibelerklürer gehen hier in ihren Ansichten weit auseinander. Zwei alte Talmudlehrer behaupten folgendes v-y pHK '22 ID» 1218 '1 22*1 ."N22 ^22 N2^N 1*11N2? Rabbi Elieser sagt: Die Söhne Ahr-ons wurden deswegen bestraft, weil sie sich anmaßten, eine religiöse Entscheidung zu treffen, ohne Moses, ihren Lehrer, vorher gefragt zu haben. EHp»'? 72222 }” "1712' 1278 fWQV '1 Rabbi Simon sagt: sie wären in von Wein berauschtem Zustande in das Heiligtum eingetreten, und dieses ihr Vergehen wäre nach beiden Lehrern unter dem Ausdrucke ,-nf „fremdes Feuer" zu verstehen. Versuchen wir es, m. A., nachzuweisen, ob auch noch heutigen Tages die Lehrer in Israel aus der Sünde der Söhne Ahrons etwas lernen können. Rabbi Elieser meinte, die Sünde Nadabs und Abihus war gewesen die Uebergehung des Lehrers Moses, das eigenmächtige Vorgehen und die selbständige Entscheidung in religiösen Fragen. Daraus mögen aber and) die Lehrer Israels unserer Tage lernen, daß es nid)t gut und ratsam sei, den ersten Lehrer Moses, die alten Weisen Israels, überhaupt die Vergangenheit zu übergehen, wenn religiöse Fragen und Angelegenheiten einer Entscheidung harren oder wenn überhaupt die Interessen der väterlichen Religion geschützt und gewahrt werden sollen. Wer im Judentum und für das Judentum wirken und sd)assen will, muß immer an die Vergangenheit anknüpfen, denn das Judentum wurzelt tief in den Tagen der Vorzeit, steht gleichsam an der Wiege des Mensd)engeschlechts und hat die Menschheit aus der Nacht des Aberglaubens und der Mad)t des Unglaubens befreit und sie hingewiesen auf jene Bahn, die zur Höhe der geistigen und sittlichen Vollendung führt. Wer daher in der Gegenwart von dieser mit ewigem Ruhm bedeckten Vergangenheit des Judentums sich abwendet, sündigt gegen den Geist der Geschichte; eine Weltinstitutivn wie das Judentum kann in der Jetztzeit in ihrer vollen Bedeutung erst begriffen und gewürdigt werden, wenn man zurückschallt in die Zeiten, in welchen in den Geschichtsboden des Judentums Saaten gestreut wurden, die erst im Verlaufe der Jahrtausende aufgegangen sind und Früchte zum Wohl lind Heil der Gesamtmenschheit zllr Reife gebracht haben. Es gab eine Zeit und sie ist nod) nidst ganz vorüber, wo junge tatkräftige Lehrer in Israel, erfüllt von dem ernsten Bestreben, das Jlldentum zu heben und zu fördern und es in den Augen der Völker der Erde als jung und entwicklungsfähig darzustellen, Lehrer, in deren Innerem das Feiler der Begeisterung für das Judentum und die Flamme der Liebe zum väterlick)en Glauben hell aussd)lug, daran gingen, dem Judentunl neue Form und nelie Gestalt zu verleihen; es waren in der Regel junge Priester, gleick) den Söhnen Ahrons, aber auch der Feuereifer, die Liebesglut jener neuen Priester war ein ,-ni tPK fremdes Feuer, auck) sie begingen denselben Fehler, den jene begangen ^22 N2^,"l □2“1 ntTI2' entschieden oft in religiösen Fragen ohne einen Atoses, ohne die früheren Lehrer, ohne die Vergangenheit zu Rate gezogen zll haben; sie gingen oft eigenmächtig vor und erwiesen den alten Weisen nid)t die ihnen Ankommende Achtung und Beachtung. Der sck)arssinnige Bibelkommentator Wen Esra bemerkt zur Stelle 278 J712 -Ahrvns Löhne nahmen Feuer" ".-7 nsrU’ 278712 &6l aber nidst von dem Feuer, das soeben von dem Ewigen ausgegangen war", denn es ist red)t bezeid)nend, daß unmittelbar vorder Erzählung der Darbringung des „fremden Feuers" die Heilige Ld)rift mitteiLt, daß ein Feuer von Gott ausgegangen war, um die Opferstücke zu verzehren; von diesem Gottesseuer nahmen die jungen Priester nid)t, sondern ihr eigenes, anderes, fremdes Feuer, und das war ihre Sünde. Wir sollen unser Religionsfeuer hernehmen von dem Altar, auf dem bereits ein Gottesseuer brennt, wir sollen unser Religionslicht anzünden an der Sinaiflamme, die eine Moseshand bereits angezündet, nid)t aber dürfen wir heute eine ganz neue Glut anfack)en, die nicht aud) schon unsere Vorfahren erwärmt hat, mit einem Worte, wir sollen als Priester an die Vergangenheit anknüpfen und kein „fremdes Feuer" in das Heiligtum insbesondere und in das Judentum im allgemeinen bringen. Ein anderer Lehrer meinte, Nadab und Abihu wären vom Wein berauscht in das Heiligtum eingetreten,, weil bald nack) diesem Vorgänge das Verbot an Ahron ergeht, sich des Genusses von Weirt und berauschenden Getränken zu enthalten, wenn er zum Dienst in das Heiligtum eintritt, woraus die Bibelerklürer den Schluß ziehen, die Priestersöhne hätten eben darin gefehlt. Aber and) hierin, m. A., liegt eine Mahnung für die Lehrer in Israel, die mit starrer Konsequenz unterschiedslos an allem, was aus der Vorzeit überkommen ist, sesthalten, die jedem aus dunkler Zeit stammenden Brand) einen sinaitisd)en Stempel aufdrücken. Auch hier auf dieser Seite gibt es ein n*1T „fremdes Feuer", das ist das Feuer des Fanatismus, jenes Fanatismus, der die Nüchternheit des Sinnes, die Ruhe der Ueberlegung ausschließt. Im fanatisd)en Zustande handelt der Mensch ebenso unüberlegt, ist er ebenso seiner Selbstbeherrschung bar wie im Zustande des Rausches. In ihm brennt -ein verzehrendes Feuer, eine zerstörende Glut, eine vernid)tende Flamme, die oft die edelsten Triebe der Seele versengt; der Fanatiker gleid)t einem einem seiner Selbstbeherrschung beraubten Berauschten; die Glut des Fanatismus ist und bleibt im Judentum ein m* „fremdes Feuer". Der Prophet Eliah wurde getadelt und von Gott zurechtgewiesen, weil er ausgerufen hat TliWp fcOp mX22C „ich habe geeifert für den Gott der Heerscharen", weil er sich brüstete und meinte ^2*? iJK HmXV'id) allein bin von den Gott Treugebliebenen noch vorhanden". Darum erging an ihn die Belehrung -.7 2782 xSl 77 27J712 *67 '71 71112 xS- .nicht im Sturme, nicht im Erdbeben und nicht nn Feuer ist der. Ewige", sondern Hpl H22*T Pip in dem stillen, sanften, milden Säuseln; das wahrhaft Göttliche offenbart sich nicht in der Zerstörung und Vernichtung, wie Eliah am Berge Karmel die Götzendiener niedergemacht hatte, sondern in der Milde, Sanftmut, Duldung, Nachsicht gegen den von Gott Entfernten. Und wenn Eliah, der doch gegen götzendienerisd)e Baalspriester mit einer gewissen Berechtigung eiferte und in Zornesglut geriet, darob getadelt wurde, um wieviel tadelnswerter ist der Eifer derer, die im berausdsten Zustande des Fanatismus gegen jede Abweichung von dem Ueberkommenen polternd und lärmend und wahnbetört ausrufen:^I^ '28 „2Ä allein bin noch von den treuen Gläubigen übriggeblieben." Nein, m. A., das Feuer des imberechtigten Fanatismus in das Heiligtum bringen, ist sündhaft und ein n*1T TPK „fremdes Feuer" und ebenso verboten für den Priester der Gegenwart wie jenes „fremde Feuer" der beiden Söhne Ahrons. Der wahre Priester der Jetztzeit beherzige und nehme zum idealen Vorbild das Wort des Propheten Jesajas rm '."I ITH vbs NN21 '71 71811 71171 7111 7111221 712C27 Nil 71221 711221 "Es ruhe auf ihm der Geist Gottes, der Geist der Weisheit und der Einsid)t, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Gottesfurcht". „Es ruhe auf ihm der Geist der Weisheit und der Einsicht." Der Lehrer des Gotteswortes muß selber vom Geiste der Weisheit durchdrungen sein; er muß den Menschen und sein Seelenleben erkannt und ergründet haben, muß kennen die Vorzüge und Schwächen des Geistes, die -edlen und unedlen' Triebe des Herzens. Vor allem aber muß er Verständnis für die Zeit und ihre Forderungen besitzen und zu unterscheiden verstehen zwischen dem, was an der Zeit zeitlich, und dem, was an ihr ewig ist, was neu und unbewährt und lvas alt und unbewährt ist, was vorübergehend und was dauernd ist; wenn der Geist der Zeit verderblich ist, so trete er ihm entgegen; ist er sittlich fördernd, so empfehle er ihn und führe ihn allüberall ein. „Ter Lehrer in Israel sei ein Mann des Rates und der Stärke"; stark in seiner inneren Ueberzeugung rate er in allen Beziehungen und Verhältnissen des Lebens; raten soll er in der Stunde der Freude, damit das Mensd)enherz nid)t übermütig werde, raten soll er an Tagen der Trauer, damit das Menschenherz nicht verzage; raten an der Wiege, raten am Sterbebette; kein ernster, strafender Lehrer, sondern ein milder ratender und beratender Freund sei er, ein Freund der Witwen und Waisen, und die Tränen soll er trocknen und die -Herzenswunden verbinden, die Trauernden trösten und die Gebückten aufrichten, mit einem Worte, der Lehrer in Israel stehe mitten in der Gemeinde; nicht weile er in stiller Kammer und liege ausschließlich über die alten Folianten gebeugt; nicht verschließe er die Fenster, damit kein Lichtstrahl der neuen Zeit, kein Luftzug neuen Lebens durck) dieselben eindringe, von seinen Brüdern und Schwestern sei er umgeben, um zu raten, zu helfen, zu belehren und zu unterweisen. Vor allem aber sei der Lehrer in Israel ein Mann von DJH 'n nX’V); Erkenntnis und Gottesfurcht vereinige sich harmonisch in

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