Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 36 (7.9.1917)
- Date
- 1917-09-07
- Page
- Seite 423 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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lieber ein jüdisches Regiment in England melden viele Zeitungen. Einer dieser Berichte hat nachstehenden Wortlaut: Eine jüdische Division in England. Wie wir kürzlich erzählten, wollen die in. England lebenden russischen Juden weder für Rußland noch für England kämpfen und haben in öffentlichen Versammlungen gegen jede Heranziehung zum Militärdienst Einspruch erhoben. Aber das wird ihnen nichts helfen, wie aus einem Aufsatz der „Times" vom 8. v. M. hervorgeht. Man wird sie doch in die Uniform stecken — nur daß man ihnen die Sache durch allerhand Rücksichten und Aussichten schmackhaft zu machen sucht: sie sollen eine eigene Division bilden, und sie sollen Palästina erobern dürfen! Der Aufsatz der „Times" fängt stimmungsvoll und stimmungweckend an: „Es gibt eine alte jüdische Prophezeiung, daß die Juden in ihr eigenes Land durch einen Mann von anderer Rasse zurückgeführt werden sollen. In gewissem Maße wird diese Prophezeiung wahrscheinlich in Erfüllung gehen. Rach der neuen Verordnung der britischen Regierung müssen die russischen Juden zwischen dem Eintritt in die britische Armee und der Rückkehr nach Rußland wühlen. Weitblickende Männer, die das Beste dieser Leute im Auge haben, haben die nötige Maschinerie in Gang gebracht, und es wird jetzt eine jüdische Streitmacht gebildet." Im englischen Heere, so heißt es, stehen 40 000 Juden; 82 000 davon sind Engländer, die anderen Ausländer. Von den 40 000 jüdischen Soldaten befinden sich noch 8000 in England selbst, und diese sollen die Lehrmeister und Vorbilder für die neu einzuziehenden Juden abgeben. Die Mannschaften der jüdischen Division sollen derselben Disziplin unterworfen werden, denselben Sold erhalten und dieselben Pensions- und sonstigen Rechtsansprüche haben wie der britische Soldat; außerdem aber sollen sie „koschere" Schächter und Köche, Rabbiner als Feldgeistliche und in ihreln in der Nähe von London zu errichtenden Feldlager eine Synagoge erhalten!. Der Mann „anderer Rasse", der die jüdische Division an führen wird, ist der Oberst Patersvn, nach der Schilderung des englischen Blattes „ein Soldat, der mit ähnlichem Material in Gallipoli Wunder vollbrachte. Er kommandierte das Zion-Maultier ko rps, das aus russischen Juden bestand, die nach ihrem Entkommen aus Palästina in Alexandria rekrutiert worden waren. Das Korps (das in Gallipoli gänzlich aufgerieben wurde.' Die Red.) gehörte zu den ersten Truppen, die den Fuß auf die Halbinsel setzten, und marschierte erst mit den letzten ab, unter den schwierigste?: Verhältnissen immer tapfer fechtend. Oberst Paterson lebt in einer Atmosphäre von Jiddisch, Hebräisch und Russisch. Zur Seite steht ihm ein befähigter russischer Schriftsteller und Journalist, der acht Sprachen spricht und so für die Sache begeistert ist, daß er sich selbst als Gemeiner hat einreihen lassen; inzwischen ist er bereits Sergeant geworden." Da es in London 20 000 Juden in militärpflichtigem Alter gibt, erwartet man „reiches Material" für die neue Division. Der Jude, der drei Jahre unter der Fahne gedient hat, wird, wenn er es wünscht, unentgeltlich naturalisiert. Die ersten Manöver der jüdischen Division sollen in Ost-London, Leeds und Manchester stattfinden (offenbar als Lockmittel für die dortigen Stammesgenvssen!), und dann soll die jüdische Streitmacht gegen Palästina geschickt werden — und das Land ihrer Vorfahren zunächst einmal kriegsmäßig zurichten helfen. * lieber die Verhältnisse der Juden in den besetzten russischen Gebieten dürfte folgendes von Interesse sein: W a s g i b t e s i n W i l n a? Unter dem Titel erhält das „Jüdische Wort" in Warschau eine Korrespondenz aus Wilna, in der wir lesen: In der wirtschaftlichen Lage Wilnas trat in letzter Zeit eine bedeutende Aenderung zum Besseren ein. Brot (ohne Karten), Schuhwert und verschiedene andere Gegenstände sind billiger als in Warschau. Im allgemeinen ist. gegenwärtig das Leben in der Stadt um vieles leichter. Zum größeren Teil muß man das der energischen und eifrigen Tätigkeit des neuen Bürgermeisters Pauly verdanken. Er vergrößerte u. a. die Brotration.um 4 Lot pro Woche und eine noch größere Erhöhung wird in Zukunft erwartet. Viel Aufmerksamkeit wendete er den städtischen Volksküchen zu, welche unter seiner Fürsorge bedeutend verbessert wurden. Ueberhaupt ist eine Vergrößerung der Tätigkeit der Volksküchen projektiert, so daß in ihnen die ganze Bevölkerung der Stadt ohne Ausnahme gespeist werden kann. Wilna kann stolz sein auf seine Wohltätigkeit. Die geringe Zahl der Personen, die in der Kriegszeit gute Geschäfte macht, tut sehr viel, um die Not der ärmeren Bevölkerung zu erleichtern. * Aus dem schon früher hervorgehobenen Buche Kästners über die Juden in der Bukowina gibt Dr. Blochs „Wochenschrift" ausführliche Auszüge. Aus -diesen mögen hier einige Stellen folgen. — Nach einer Darlegung über das Verhältnis der Modernen zu den Orthodoxen heißt es: Seit jeher trat uns ein kräftiger Nationalismus der Bukowinaer Juden entgegen, der dem Lande einst ein eigenartiges Gepräge aufgedrückt und bei antisemitischen Schriftstellern wiederholt das spöttische Epitheton „Klein-Jerusalem am Pruth" oder „Jüdisches Eldorado Oesterreichs" eingetragen hat. Dieser Nationalismus der Juden im Buchenlande ist nicht auf religiöser Grundlage, wie zumeist bei den galizischön, aufgebaut. Tie Bukowinaer Juden haben sich stets weniger um die Synagogen und Ritualbäder gekümmert, als um den ihnen gebührenden politischen Einfluß im Lande. Die Juden fühlten sich als Autochthone des Landes und betonten ihr Recht, national, gleich den -anderen Völkerschaften, dort sich ausleben zu können. Ihre Gleichwertigkeit war in der Bukowina, besonders seit der konstitutionellen Aera, von vornherein selbstverständlich. Und so konnte es kommen, daß, während im übrigen Oesterreich noch zaghaft der Ruf nach jüdischer Realpolitik in verschwommenen theoretischen Aufsätzen vorbereitet wurde, im Kronlande Bukowina, an der Grenze von Rußland, Rumänien und Sieben bürgen, bereits jüdische Realpolitik längst in die Tat umgesetzt war. In allen öffentlichen Körperschaften begegnete man einer erheblichen Anzahl jüdischer Vertreter, die dem Lande sehr nützlich waren. Im österreichischen Parlament saß seit jeher als Abgeordneter dgr Landeshauptstadt ein Jude. Auch in den österreichischen Delegationen erschien einmal ein Bukowinaer jüdischer Vertreter. Auf dem Bürgermeisterstuhl der Landeshauptstadt saß nach dem nationalen Schlüssel schon zweimal ein Jude. Der letzte jüdische Bürgermeister, Dr. S a l o v. W c isselb e r g e r, der von den Russen als Geisel weggeführt worden war, ist wegen seines Opfermutes für die gesamte Bevölkerung nach seiner Rückkehr aus Sibirien in den Adelsstand erhoben worden. Im Landtage, Stadt- und Gemeinderate, in der Handelskammer waren die Juden entsprechend vertreten. Als vor Jahren der Gemeinderat von Ezernowitz daran ging, dem Beispiel des österreichischen Parlamentes nachzueifern, und den Versuch wagen wollte, als erste Stadt der Monarchie eine Gemeindewahlreform auf Basis des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes zu beschließen, ist für die Juden ein Zugeständnis erfolgt es blieb allerdings beim Entwurf, aber nicht wegen des Zugeständnisses das als erstes in Oesterreich erschien. Die Wahlbezirkseinteilung wies nämlich die Rationen in folgender Reihenfolge ans: Juden, Deutsche, Rumänen, Rnthenen, Polen. Die Juden ihrer Zahl nach in den einzelnen Bezirken'voll berücksichtigt. Dann werden die kulturellen Verhältnisse dargelegt, u. a. das jüdische Theater, zum Schluffe heißt es dann: Die Juden der Bukowina unterscheiden sich auch wirtschaftlich im günstigen Sinne von den Volksgenossen im Nachbarlando. Es gab einen ausgedehnten jüdischen Großgrundbesitz im Lande, der Vertreter in den Landtag entsandte, und einen kräftigen Mittelstand. Die zah' reichen sogenannten „Luftmenschen", die infolge der antisemitischen Hochflut in den Nachbarländern der Bukowina nach und nach znströlnten, veränderten allerdings die Lage sehr nachteilig. Die Bukowinaer Juden legten stets darauf Gelvicht, mit allen Rationen des Landes friedlich und geeint zu wirken, wobei das Prinzip der nationalen Gleichwertigkeit zur Anerkennung gebracht wurde. Auf allen Gebieten. Schon äußerlich ist es bemerkbar: neben einer Heinegasfe und Karl-Eniil-Franzos-Gasse gibt es verschiedene Gassenbezeichnungen nach bekannten nationalen jüdischen Führern, und noch vor mehr als 10 Jahren ist der Alte Markt in der Jubenstadt durch einstimmigen Beschluß des Gemeinderats von Ezernowitz „Theodor- Herzl-Platz" benannt worden,