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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-31 · Heft 35 (31.8.1917) · p. Seite 420

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 35 (31.8.1917)
Date
1917-08-31
Page
Seite 420 (sequence 12)
Language
German
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schäften der Eltern: bei' dein Sohn das einfache, gediegene, ernste Wesen, die schlichte Lebensführung, bei der Tochter das Flatterhafte und Genußsüchtige von Vater und Mutter. Daß aber die Tochter trotz der gänzlich ^künstlerischen Veranlagung der Eltern eine Künstlerin, freilich etwas niederen Ranges, eine Operettendiva wird, der Sohn ungeachtet -der zwar bildungsfähigen, aber doch ungebildeten Eltern zu einem ernsten Forscher und tiefgründigen Gelehrten sich entwickelt, wird sehr wenig motiviert. Schließlich wird die Verwechslung erkannt; der in aller Verwöhnung herangebildete Sohn verheiratet sich aber mit einer reichen Dame, die in: Keller erzogene Tochter wird mit einem Adeligen vermählt und. lernt den ganzen Luxus des Lebens kennen. Hätte Landsberger fein Talent grotesker Schilderung, seine Fähigkeit zlun burlesken Humor hier angewendet, hätte er eine kleine farbenreiche Skizze geschrieben, so hätte sich, obgleich er an der Vertiefung seiner guten Idee in seltsamster Weife vorbei geschlüpft, ein lesenswertes Buch ergeben. Seine oberflächliche, gänzlich unglaubhafte Darstellung seltsamer und widerwärtiger Menschen dagegen ermüdet und verstimmt in schrecklicher Weise, obgleich in ihr einzelne satirische Seitenhiebe und manche amüsante Bemerkungen nicht fehlen. L. G. — Zum Gedächtnis an den ersten Vizepräsidenten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, k. u. t. Landesschulrat Dr. Gustav Kohn (1340 bis 1915). Herausgegeben und Selbstverlag von Max S ch w n g e r , Wien II, Zirkusgasse 50. Es war eine glückliche Idee des Herausgebers, das Andenken des das goldene jüdische Herz plastisch verkörpernden Dr. Gustav K 0 h n dauernd in einen: Buche festzu legen. Der Aken sch lasse sich sein Leid nicht zu früh wegtrösten und wegphilosophieren! Er soll seinen Schmerz 'liebhaben, ihn hegen und pflegen und sesthalten gegen alle Ruse des Lebens, gegen jede Lockung in den lauten Tag hinaus. Die Trailer um einen teuren Toten ist sein letztes Besitztum auf dieser Erde, an das auch die Herzensgüte und die Freundschaft nicht tasten darf. Ja noch mehr: Unser Leid um einen Verstorbenen ist sein Leben im Tode. Er stirbt zum zweiten Male, wenn nur anfangen, seinen Verlust zu verschmerzen. Unser teurer Dr. Gustav Kohn, der bis zu seinem letzten Atemzug die hehre Pflicht der selbstlosen Nächstenliebe geübt hat, dessen Richtschnur allezeit des Altmeisters Mahnung: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gilt" gewesen, ist gegen dieses Schicksal gefeit, wie unter anderen: ans dem lebhaften Anklang erhellt, den das Gedächtnisbuch des Herausgebers Max Schwager trotz unserer raschlebigen Zeit in der ganzen Wiener Iudenschaft und weit über dieselbe hinaus gefiinden hat. Berufene Männer haben sich zu dem pietätvollen Werk zujammengetan. Mit einem schönen Sonett endet der erste Teil des Bilches. Es klingen uns ailch aus demselben die tiefempfundenen Worte, die dem unvergeßlichen Vizepräsidenten der Wiener israelitischen Kultusgemeinde vom Oberrabbiner Dr. Nt. G ü bemann, Präsidenten Tr. Alfred Stern, Vertreter Dr. Markus Spitzer uiid namens der Beamtenschaft vom Sekretär Dr. Einil Adler ins dunkle Grab nachgesendet wurden, ans Ohr. Dem Bliche, das künstlerisch ausgestattet und mit einer sinnigen Titelzeichnung versehen ist, sind zwei prächtige Bilder des Verewigten beigesügt, von denen eines die bekannte Rötelstiftzeichnung des rühmlichst bekannten akademischen Malers David Kohn und das zweite die letzte Aufnahme des Heimgegangenen aus dem Atelier des k. u. k. Hofphotographen S. Weitzmann mit Faksimile wiedergibt. Dr. J. P. T i e M e d i z i n der Juden nach der Vorstellung des Anton German von Albertig. Beitrag zur Bewertung der jüdischen Heilkunde in der Gelehrtenwelt des 18. Jahrhunderts. Bon Dr. ined. Willy Hofmann, Assistent an der Kgl. chirurgischen Universitätsklinik zu Berlin. Frankfurt a. Nt. 1917. Verlag von A. I. Hofmann. In: Fahre 1765 promovierte ein christlicher Gelehrter namens A n t o u Ger m a n v o n A i bertig mit einer Dissertation an der Wiener Universität, in der er es sich zur besonderen Aufgabe gemacht hatte Zii prüfen, ob nicht auch das jüdische Volk ehenials sich der Heilkunde beflissen uut> zur Förderung dieser Wi-ssenscha-ft beigetragen habe lvie die aiider-en Völker des Altertiniis, namentlich die Aegypter lind Griechen. Albertig ist der Ansicht, daß die Pflege der Medizin bei den Juden verboten gewesen sei, damit das Volk eben nur auf Gott lrertraue. Ich habe in meinem Buche „Jüdische Aerzte und ihr Einfluß auf das Judentum" nachgewiesen, daß dies nicht zutrifft. Allerdings tragen die in den Büchern Moses sich findenden Vorschriften über die Behandlung des Aussatzes und ähnlicher Krankheiten Leinen rein medizinischen, sondern in erster Linie religiösen' Charakter. Sie verfolgen vor allen: den Zweck, den Begriff des Unreinen vom Standpunkt des Religionsgesetzes von den von diesen Krankheiten Befallenen hinwegzunehmen. Daher auch die überragende Stellung des Priesters bei der Entscheidung über das Vorhandensein des Aussatzes in seiner Eigenschaft als Vertreter des Heiligtums. Aber bringen die jüdischen Reinheitsvorschriften, die strenge Forderung der Absonderung des Aussätzigen usw. nicht auch hygienische Vorteile mit sich? Und beruht nicht ein großer Teil der heutige:: Gesundheitslehre und Heilwissenschast, die Lehre von der Desinfektion, Antisepsis und Asepsis, der strengen Absonderung bei Ansteckungstrantheiten, der äußersten Sauberkeit in der Behandlung der Milch und der sonstigen Nahrung in der Säuglingspflege und vieles andere mehr ans einer bis ins peinlichste durchgeführten Reinlichkeit? Mar Samuel schrieb die meisten Krankheiten den: tödlichen Einfluß der Lust auf den menschlichen Körper zu. Selbst der Tod auf den: Schlachtselde ist nach seiner Ansicht auf Rechnung der Luft zu setzen, deren Zutritt nicht schnell genug verhindert werden könne. Ob dieser große jüdische Arzt vielleicht schon eine Ahnung hatte von der Jnfektionstheorie (namentlich den in der Lust enthaltenen Bazillen), wie sie in der heutigen Medizin eine so große Rolle spielt? Aber das jüdische Religionsgesetz gestattet dem Arzte ausdrücklich die Heilung der Krankheiten, verlangt also nicht, daß der kranke Mensch sich bloß damit begnügen solle, auf die göttliche Hilfe zu vertrauen, sondern den Arzt in Anspruch nehmen dürfe und solle. Die -Heilung der Krankheit wird für den Arzt sowohl wie für den Kranken zur religiösen Pflicht. Albertig behauptet aber nicht nur, daß die Pflege der Medizin bei den Juden verboten gewesen sei; er behauptet auch, daß die Medizin durch die Juden nicht gefördert worden sei. Beide Behauptungen sind, wie der Verfasser der Schrift darlegt, und wie auch ich in meinen: oben erwähnten Buche eingehend nachgewiesen habe, gänzlich falsch. Tie Medizin der Juden hat nicht nur im Altertum mit der der anderen Völker gleichen Schritt gehalten, die Heilkunde selbst ist im Laufe der Jahrhunderte durch bedeutende jüdische Aerzte nicht allein wesentlich gefördert, sondern oft in bahnbrechender Weise beeinflußt worden?) Sanitätsrat Tr. Scherbel in Lissa i. P. Sprechlas!. Wollstein i. Posen, den 19. August 1917. Hochgeehrter Herr Geheimrat! Eine merkwürdige Gleichzeitigkeit der Gedanken (nicht der Ereignisse) wird für die Leser unserer Zeitung vielleicht von Interesse sein. In Nr. 33 dieser Zeitung veröffentlichen Sie wieder einmal einen der so erhebenden und gern gelesenen Feldpostbriese des Herrn Dr. Baeck. In diesen: Briese beschäftigt sich Herr Dr. Baeck mit den drei sittlichen Forderungen: „Ich will", „ich soll", „ich muß", in ihrer Anwendung auf die drei verflossenen Kriegsjahre. Gestatten Sie mir die Bemerkung, daß ich als zeitweiliger Vorsitzender des hiesigen paritätischen Lehrervereins in einer Festsitzung am 27. Januar d. I. die Festrede aus Anlaß des Geburtstages Seiner Majestät gehalten, und diese drei sittlichen Forderungen — nur daß ich statt des zweiten „ich soll", die Forderung „ich kann" aufgestellt hatte — in der Regierung Seiner Majestät als erfüllt nachgewiesen habe. Ich tat dies, indem ich gleichzeitig Seine Majestät als das Vorbild eines Lehrers und Erziehers schilderte, der als Volkserzieher restlos diese drei Forderungen erfüllte, wie wir sie als Jugenderzieher erfüllen sollen. Tie Rede ist in Nr. 7 der „Posener Lehrerzeitung" von: 15. Februar 1917 zun: Ab* druck gelangt. Hochachtungsvoll Hermann Becker, Lehrer. x) Vgl. auch das Buch von I. Preuß über „BibiischTalmudische Medizin", sonne bk Abhandlung von Dr. med. Rainer, Arzt in Wiesbaden, „Maimonides als hygienischer Schriftsteller" in der „Hygienischen Rundschau" 1915, Nr. 21.

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