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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-31 · Heft 35 (31.8.1917) · p. Seite 418

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 35 (31.8.1917)
Date
1917-08-31
Page
Seite 418 (sequence 10)
Language
German
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Neid empfinden auch gegen die Aermsten der Armen. Ich empfinde ihn jedem weiblichen Wesen gegenüber, das das Leben noch vor sich hat oder es schon genoß. Josepha hat mich unter Tränen gefragt, ob das gnädige fyrtiitlciit denn unzufrieden mit ihr sei, sie gucke so unfreundlich. In der Kriegszeit haben sie Angst vor der Kündigung. Nein, nein, sie solle nur beruhigt sein, ich sei nur oft nicht wohl und verstimmt. „Naja, das Trauerjahr is ja auch noch nicht um", meinte sie einsichtig. Bei ihr richten sich die Gefühle nach dem Kalender. Heute war Rosa da. Sie sieht und hört ja nichts, so erfüllt ist sie immer vom Leben, so voll froher Neugier auf all das, was es bringen wird. So merkte sie nicht meine ohnmächtig hassenden Blicke. Warum ist sie so unbefangen jung und froh, so sicher in ihrer Erwartung auf alles mögliche Glückt „Tante Trude, was sagst du bloß?" Sie kichert vergnügt. Ich denke wunder, was ihr widerfahren ist. Aber nein, ihr selbst ist gar nichts geschehen, auch die Erlebnisse der Schwester regen sie wer weiß wie freudig auf. „Denk' mal, Paula hat fron Bankdirektor Bär eine Ansichtskarte aus dem Felde gekriegt." „Nun, und?" Sie lacht vergnügt, beinahe schadenfroh. „Das müßte Frau Doktor Salamon wissen, die platzte vor Wut." „Aber Rosa, der Ausdruck!" „Aber wahrhaftig," beteuert sie auch noch. „Die hat ja solchen Aerger auf Paula, solche Heidenangst, daß er sie doch noch nimmt." „Was sagt denn Großmama?" Sofort wird ihr vergnügter Mund schmollend, und die lachenden Lichter in den Augen sind erloschen. „Was sie immer sagt: -Schmutz' sagt sie. Und sie hat ailch 'ne Cousine gehabt, der die vornehmen Herren den Kopf verdreht haben und die dann sitzengeblieben ist, weil sie von denen natürlich keiner geheiratet hat, und die, die sie wollten, ihr nicht gut genug gewesen sind. Für alles hat Großmama immer gleich 'ne Cousine. Nun mochte Paula ihm gern ein Paketchen schicken, aber sie hat kein Geld, lind Großmgma leidet's ja doch nicht, und da sollst du ihr etwas geben." Rosa ist erstaunt, daß ich sie hart anfahre, wie sie mir zumuten könne, etwas hinter Großmamas Rücken zu tun. In mir lachen tausend Teufel, lachen über das unschuldige! Kindergesicht, das so bildschön autzsieht in seinem Schreck über! den unerwarteten Tadel, lachen über die brave Tante Phine! und über die gehorsame Nichte, die so wann und ernst der : Tante sittenreine Grundsätze schirmt. Adieu, Rosa, geh' nur, geh'. Ganz gut, daß du meinst, du! müßtest gehen, weil die feine Tante Trude empört über dich und deine schamlosen Pläne sei, einem jungen Mann, der sich! bis zu einer Ansichrspostkarte verstiegen hat, eine Liebesgabe! zu schicken. Zwar wird eine Million draußen täglich beschickt! und beschenkt, aber trotzdem, von unserer ehrbaren Familie; her wäre es unsittlich. Du begreifst das nicht ganz? So geh' nur, geh' schnell, werde allein mit allem fertig. Ich habe keine ' Zeit für dich, habe mit mir zu tun. Rosa ist kaum weg, da trete ich vor den Spiegel. Ein heißer Schreck dllrchfährt mich. Sehe ich mich denn zum j ersten Male, daß ich so bitter entsetzt zurückfahre, vor dem Ha-; geren, Matten und Verwischten in meinem Gesicht? Nie fällt; mir so auf, wie verblüht ich bin, als wenn ich die kraft- und! saftvolle Frische und Weichheit von Paulas oder Rosas Gesicht! eben vor Augen hatte. Und ich bleibe doch stehen und sehe mich j schmerzvoll an. bis ich mich wieder an meine Abgeblaßtheit gewöhne lind mir wieder schöner werde. Was sagte doch Cilli? Ein Mann ist immer bereit, auch wenn er an gar nichts Böses gedacht hat, auch wenn er eine andere liebt. Mir huscht der Vers durch den Kopf: „Ein Tor ist immer willig, wenn eine Törin will." Ich. lache mein Spiegelbild an, da verschönt und verjüngt es sich gleich: „Die Flamme, die in einem ist, schießt aus den Augen." Bei Gott ja, ich entzünde mich selber an ihr. Dumme Fragen habe ich Cilli gestellt. Sie hat ja recht; das macht sich von selbst, daß macht sich alles von selbst. Tante Phine kommt nicht mehr zu mir, die Leute haben mir meinen Ruf zerpflückt, meine Eltern sind tot — auf wen sollte ich wohl noch Rücksicht nehmen? Auf wen und auf was? Jetzt, Günther, komm, jetzt bin ich in der Stimmung. Es klingelt? - Das ist e r. Gott gäbe, daß er es ist. $ Abends. Ja, er war es! Nie habe ich aufrechter und weiter'von ihm gestanden, nie die Lider fester über meine Augen gesenkt, nie meine hageren Arme enger an meinen steif gewordenen Körper gepreßt. Ich fühlte, daß ich unsagbar unliebenswürdig und altjüngferlich so wirken müsse; ich hätte gern einen wärmeren, persönlichen Ton eingeschlagen, meinen Gast einmal angeschaut. Aber die Stimme blieb reizlos und mißtönig bedeckt, die schweren Lider hoben sich nicht. Ich danke meinem Schöpfer, daß er Günther das gab, was ich an ihm und seiner Rasse so oft getadelt habe: die sorglose Unbekümmertheit, die Seelenblindheit, die nur das Massenstarke, laut Ausgesprochene wahrmmmt. Einen Millionengedanken, ein Millionengefühl begreift er, das erfaßt ihn ganz; die Gefühle der einzelnen sind zu zart, die sieht er nicht. „Tante Trude, ich habe immer Angst, wenn ich mich so wenig um Sie kümmern kann — es ist schon nicht mehr schön, was man jetzt zu tun hat Sie vergessen den ganzen Krieg." Sein'harmlos auf das Allgemeine gestimmter Ton hat etwas Beruhigendes und Befreiendes. „Wo könnte man das, Günther! Es vergeht ja kaum ein Tag, ohne daß man von Traurigem hört, ohne daß wieder eine Familie in Angst und Sorgen oder gar in Trauer versetzt worden ist." Da stampft er bubenhaft mit dem Fuß auf: „Sie sollen nicht immer nur das Kleine und das Häßliche am Kriege finden; das sind die Opfer, die dazu gehören, das gilt heute nichts. Was sagen Sie zu unseren Fortschritten in Rußland? Den Ereignissen auf dem Balkan? Was nur auf einmal zu unseren Diplomaten? Ja?" Er stellt sich breit vor mich hin; grenzenloser Stolz und Triumph jauchzt aus seiner Stimme. „All das verschlafen Sie wohl, ja? Sie freuen sich wohl gar nicht?" Er sagt es herausfordernd. Und ich presse die Hände auf mein Herz. „Doch, Günther, heiß und inbrünstig" — ich fange an, mich selber zu vergessen und meine Beklommenheit —, „weil ich doch denke, all das bringt uns wieder ein Stück vorwärts, dem Frieden näher." „Dem Frieden, immer dem Frieden!" sagt er ärgerlich, „weiter haben Sie nichts im Auge." „Benno Lob meinte gestern" — „Mit dem arbeite ich übrigens jetzt zusammen," fällt er ein, „Mundschuß, schwere Kiefernverletzung. Er kann übrigens etwas, Ihr Herr Neffe. Im Dienst ist er viel sympathischer, als er mir sonst erschien." „Das freut mich", sage ich müde. Ja, ja, ich weiß ja schon, was dir all meine Verwandten jetzl auf einmal verklärt. „Also was ist mit Zahnarzt Lob?" fragt er trocken. „Er erzählte mir," fahre ich fort, „daß alle im Lazarett heiß und fest für Ostern auf den Frieden hoffen."

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