Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1917)
- Date
- 1917-08-31
- Page
- Seite 417 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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suchungen, die zum wenigsten die Forschung um ein Beträchtliches gefördert haben, auch wenn sie noch nicht zu so feststehenden Ergebnissen geführt haben, wie der Verfasser meint. Es mag dahingestellt bleiben, ob es geschickt war, das Werk als „Handbuch" erscheinen zu lassen. Die jüdische Chronologie ist noch zu sehr im Flusse, hat noch zu viel offene Fragen, als daß man sie in einem „Handbuche" zusammenfassen könnte. An zahlreichen Stellen hat ja auch der Verfasser die Untersuchungen selbst ausgenommen, was dem Charakter eines Handbuches im allgemeinen nicht entspricht. Wir hätten gewünscht, daß das Buch, unter dem Titel „Untersuchungen zur jüdischen Chronologie", dies in noch weit größerem Umfange getan hätte. Dadurch wäre wohl auch ein wesentlicher Mangel vermieden worden, der nicht unerwähnt bleiben darf: die durchaus unzureichenden Literaturangaben. Das angehängte Verzeichnis der „Werke und Aufsätze chronologischen Inhalts" ist überaus dürftig, so daß der Verfasser z. B. nicht einmal seine eigene „Biblische Chronologie" aus dem Jahre 1887 anführt. Ueber einzelne Fragen ist eine sehr stattliche Literatur vorhanden, die in dem Handbuche hätte genannt werden müssen; z. B. über die Frage nach der ursprünglichen Bedeutung des Sabbats, über das Problem des Aufenthalts in Aegypten, über die Chronologie der Königszeit usw. An manchen Stellen wirkt es geradezu, als ob Mahler Literaturangaben absichtlich hätte vermeiden wollen; so, wenn er bei der Anführung einer Streitfrage sagt: „Diele sind der Ansicht . . ., andere wieder sind der Meinung . . ." (S. 236). Wenn auch der „Grundriß der Gesamtwissenschaft des Judentums", in dem das „Handbuch" erschienen ist, nicht auf Fachgegelehrte berechnet ist, auch der gebildete Laie ist heute gewöhnt, nach der Literatur zu sehen. Auch bietet der Grundriß ausgezeichnete Vorbilder für eine Einpassung des wissenschaftlichen Apparates in diesen Rahmen; wir verweisen nur auf Elbogens Werk über den jüdischen Gottesdienst. Seinem eigenen Wunsche, mit dem Werke die Förderung der weiteren Forschung anzuregen, würde Mahler dadurch sehr gedient haben. WM Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von A n n a Gvldschrnidt. (26. Fortsetzung) (Nachdruck verboten.) ct, das heißt, weil —" „Nun? Weil?" „Ich halte dich für etwas anormal veranlagt in der Beziehung; du hast die Gefühle nicht, die andere Menschen — was hast du denn? Ist dir nicht gut?" „Nichts, nichts", sage ich und lächle gezwungen. Hat sie etwa gemerkt, wie es in mir aussieht? Daß es nur vor den Ohren fällst, daß es wie eine heiße Welle in mir aufsteigt und ich förmlich betäubt bin von der inneren Glut? Ich. habe nicht die Gefühle wie andere Menschen! Die Menschenkenner alle! „Das ist doch keine Beleidigllng", sagt Cilli harmlos. „Nur ist es auch kein großes Verdienst weiter, wenn man dann tugendhaft bleibt. Die Tugend ist überhaupt kein Verdienst, sondern —" „Sondern?" „Eine Dummheit", vollendet sie ernsthaft; „aber sei beruhigt: viele begehen sie nicht. Sie ist nämlich schwierig." „Ich weiß gar nicht, wie sie es'anders machen können." „Was weißt du nicht?" sagt sie, das „was" lachend betonend, als habe sie nicht recht gehört. „Du willst mich wohl uzen?" „Nein, nein", sage ich. Wenn doch das Sausen und Brausen da innen nachließe. „Ganz gewiß", sage ich so ruhig wie möglich, „ich möchte einmal wissen, wie es 'Frauen, unseres Standes — oder auch — Mädchen-, wie die es anstellen — nicht tugendhaft zu bleiben. Wie er oder — sie dazu kommen, das erste — unziemliche Wort zu sprechen. Er kann doch nicht sagen —" Sie lacht so belustigt und anhaltend, daß ihr die Tränen kommen: „Siehst dir, kein Mensch außer mir würde das fürecht halten, diese gottgesegnete Einfalt. Aber ich tue es- Trudel Rehseld, du bist halt, wenn du auch sonst groß und gescheit geworden bist, in der einen Beziehung in der Entwicklung ein kleines Schulmädel, geblieben mit artigem Respekt vor allen Papas und Tanten. Daß die Papas und Tanten auch einmal jung waren, -sonst wären sie ja nie Papas und Großmamas geworden —" „Du schweifst aber sehr ab, Cilli", sage ich und fühle zwei rote Flammen auf meinen Wangen brennen. „Was hat denn der Ehestand, und daß da naturgemäß Kinder kommen, mit dem zu tun, was wir besprachen? Ich meine, wie ist es nur > möglich —ich empöre mich ja nicht, null ja gar nicht verurteilen —, daß Frauen unseres Standes vom Wege abkommen? Ich kann es mir nicht vorftellen, wer da das verhängnisvolle Wort spricht, wer —'" „Keiner, du geliebtes Schaf. Das wird nicht gesprochen, das liegt in der Luft, wird von beiden ausgegriffen, verstanden, das sind nur Blicke! Ach Gott, das kommt ja bei Normalveranlagten alles von selber. Die Flamme, die in einem ist, die schießt aus den Augen" — ich weiß nicht, warum ich plötzlich die Hände auf die Augen drücke. „Na, in dir ist ja keine, da kann v ja nicht schief gehen. Ich weiß es," sie reicht mir zum Abschied wie beteuernd die Hand, „daß du kein Verhältnis mit Westphal hast." „Schade eigentlich", hauche ich. . „Na, du bist ja in netter Stimmung heute", sagt sie! Lachend. „Kannst also auch faule Witze machen."! „Du siehst ja, die Leute haben doch den Stab über mich gebrochen", sage ich. „Ist dir das so schwer?" sagt sie ernst, und ein gutmütiges Mitleid klingt durch. „Nun ja," sage ich und lache leichtsinnig auf, „es ist nicht ganz gerecht. Entweder Rausch, und schlechten Ruf, oder keius von beiden, das scheint mir sinngemäßer." „Ich bin fürs erstere", sagt sie und ist fort. Ich auch, denke ich und starre ihr verloren nach. Ich auch! Sie haben mich für schuldig erklärt. Man sollte die Folgen daraus Ziehen. * Ich hatte gestern Günther bestimmt erwartet, war zu nichts fähig, konnte nicht schlafen, nicht essen und ging ruhelos hin ilnd her. Wie endlos lang ist doch, ein Tag, wenn man wartet und wartet und das Ersehnte nicht kommt! Ein Brief aus dem Spital kam. Die Gelähmte schreibt mir, sie alle dort haben solche Sehnsucht nach dem „schönen Fräulein mit dem lieben gütigen Wesen". Ich habe Josepha mit Geld und Leckeribissen hingeschickt. So geht es auch. Ich kann nicht hingehen. Auch bei den alten, siechenden Weibern würde ich, denken müssen: -nicht wahr, ihr habt es doch gehabt? Ihr habt doch gelebt, einmal, früher vielleicht, nur für winzig kurze Zeit, und dann kam lebenslange Armut und Kränkung und Siechtum. Aber einmal habt ihr doch Glück genossen, einmal doch', und ich würde heißen, grollenden