Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1917)
- Date
- 1917-08-31
- Page
- Seite 416 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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41p ist schon eine stattliche Zahl von Versuchen unternommen worden, sie in Uebereinstimmung miteinander zu bringen. Diese Versuche beruhen auf der richtigen Voraussetzung, daß die Zahlen der Bibel historisch genaue sind und ebenso wie die Gleichzeitigkeiten auf sicherer Kenntnis beruhen. Zudem fließen für diese Zeit auch schon reichlicher die nichtjüdischen Quellen und geben Möglichkeit zur Anknüpfung. Dennoch ist man zu einem durchaus schlüssigen Ergebnis noch nicht gelangt. Auch Mahler faßt seine Untersuchungen dahin zusammen, daß durch sie die Widersprüche „im ganzen und großen beseitigt" sind (S. 305); aber es „kann keineswegs behauptet werden, daß damit schon alle Schwierigkeiten beseitigt seien. Es gibt deren leider noch genug" (S. 319). Entgegen einer weit verbreiteten Ansicht der Gelehrten aber stellt er die Forderung auf, daß man sich nicht berechtigt halte, „alles, das irgendwie einen scheinbaren Widerspruch zeigt, gleich von vornherein als »falsch und »chronologisch wertlos' erklären" zu dürfen. „Derartige Schwierigkeiten treten in der Chronologie eines jeden Volkes auf; Aufgabe der Forschung ist es, diese nach Möglichkeit zu planieren, eventuellensalles zu beseitigen" (ebd.). Müssen wir es dem Verfasser hoch anrechnen, daß er bei der Behandlung dieser eben angeführten Probleme sich nicht scheut, die Unzulänglichkeit der Ergebnisse einzugestehen, so können wir uns mit manchen anderen seiner Aufstellungen, bei denen er eine unbedingte Bestimmtheit ausspricht, nicht einverstanden erklären. Es klingt zwar äußerst bestechend, wenn wir für den Auszug aus Aegypten eine Jahreszahl erfahren, deren Unantastbarkeit durch Hinzufügung des bürgerlichen Tagesdatums noch besonders betont wird; nach Mahler erfolgte dieser Auszug am 27. März 1335 v. Chr. Der Weg jedoch, der zu diesem Datum führt, benutzt so viele Hypothesen, daß kaum von einer wahrscheinlichen, niemals aber von einer erwiesenen Festlegung gesprochen werden kann. Nach Mahler „liegt es außer jedem Zweifel", daß König Amosis, der 1575 v. Chr. auf den Thron Aegyptens kam, jener König gewesen sei, der nach Exod. 1,8 den Joseph nicht kannte und mit der Bedrückung der Israeliten den Anfang machte. Von den 430 Jahren, die nach Erod. 12,40 der Aufenthalt der Israeliten in Aegypten währte, will er, gemäß einer althergebrachten Tradition, 190 Jahre in Abrechnung bringen, so daß für die Dauer der Knechtschaft 240 Jahre verbleiben, und für den Auszug das Jahr 1335 (1575—240) gewonnen wird. Bestätigt wird ihm dieses Ergebnis auf einem ganz anderen, von diesem durchaus unabhängigen Wege. Die neunte Plage der Finsternis deutet er als eine Sonnenfinsternis. Nach einer alten Tradition habe diese Plage am 1. Nissan des Auszugsjahres, einem Donnerstage, begonnen. Durch Rechnung läßt sich nun eine zentrale Sonnenfinsternis ermitteln, deren Zone tief in das Nildelta eingriff; sie fand am 13. März 1335 v. Ehr. statt. Dieses Datum, in das jüdische Kalenderdatum umgesetzt, entspricht dem 1. Nissan, einem Donnerstage. Dann war der 15. Nissan, der Tag des Auszuges, am 27. März 1335. Sv ganz außer allem Zweifel kann es wohl doch nicht liegen, daß Amosis jener König gewesen ist; denn ein anderer namhafter ernster Forscher, Lehmann-Haupt, hat in einem 1911 erschienenen Werke als denjenigen Pharao, der den Israeliten Aufnahme gewährte, Amenophis IV. bezeichnet, und er hat sich hierfür auf ein Denkmal gestützt, dessen Text besagt: . . .„Asiaten, deren Lande verhungern . . ., die nicht wußten, wie sie leben sollten, sind gekommen . . .", nachdem „ihre Wohnstätten von anderen besetzt worden seien . . . ." Dann müßte die Einwanderung nach Aegypten kurz nach 1400 v. Chr. erfolgt sein. Als den Pharao der ersten Bedrückung nennt Lehmann-Haupt den Merneptah und begründet dies aus dem Siegeshymnus aus dem Anfänge der Regierung Merneptahs, in dem es heißt: „Der Jsraelstamm: seine Leute sind wenig, sein Same existiert nicht mehr"; „stimmt es nicht ganz überraschend zu dem Berichte der Bibel, wie der Pharao der Bedrückung die Kinder Israels dezimiert und ihren Samen, ihre Söhne, ins Wasser werfen läßt?" (Lehmann-Haupt, „Die Geschichte Israels und Judas im Rahmen der Weltgeschichte", S. 31 f.) Wir wollen an dieser Stelle eine Entscheidung nicht treffen, ob die eine oder die andere Hypothese mehr Wahrscheinlichkeit besitzt; nur dagegen müssen wir Einspruch erheben, daß Mahler hier, wo offensichtlich Hypothese gegen Hypothese — und die genannten sind nicht etwa die einzigen — steht, die seinige als über jedem Zweifel stehend bezeichnet. Aber selbst zugegeben, daß Amosis der König der Bedrückung gewesen sei: Kann man der Ueberlieferung, wonach von den 430 Jahren des ägyptischen Aufenthalts 190 abzurechnen seien, historische Bedeutung beimessen? Zumal danach die Bedrückung schon zwei Jahre nach dem Tode Josephs begonnen haben mußte? Uns scheint, daß für ihre Anerkennung im wesentlichen das Ergebnis der anderen Untersuchung mitgesprochen hat, das auf das Jahr 1335 führt; denn sonst dürfte man wohl kaum diese Tradition als einen ernsthaften Faktor einstellen. Wie aber sieht diese andere Untersuchung aus? Mahler untersucht die zentralen Sonnenfinsternisse des 14. und 15. vorchristlichen Jahrhunderts; ja, steht es denn unumstößlich fest, daß der Auszug in keinem anderen Jahrhundert stattgefunden hat? Ist es nicht immerhin gewagt, in der Finsternis eine Sonnenfinsternis zu erblicken? Könnte man nicht mit demselben Recht z. B. an den die Luft verfinsternden Chamsin denken, der um diese Jahreszeit auftritt? — Ferner: Was spricht mehr für die Tradition, die besagt, daß der 1. Nissan auf einen Donnerstag fiel, als für jene des Seder Olam, die gleichsfalls im Talmud eine Stelle gefunden hat, und die von einem Freitag spricht? — Ja, wo überhaupt findet sich die „traditionelle Ueberlieferung", daß die Finsternis am 1. Nissan, einem Donnerstage, begonnen habe? Der Seder hadoroth, der um 1700 n. Chr. entstand, kann doch wahrlich nicht eine historisch glaubwürdige Quelle für eine solche „traditionelle Ueberlieferung" genannt werden. Wir finden nicht, daß die ganze Beweisführung heute überzeugender wirkt als vor dreißig Jahren, da Mahler sie zum erstenmal der Oefsentlichkeit übergab. Er bemüht sich wohl, manche der wuchtigen Einwürfe, die ihm damals entgegengehalten wurden, zu entkräften; aber an den gewichtigsten geht er mit Nichtachtung vorüber, was seiner Aufstellung nicht gerade förderlich ist. Fast noch mehr trifft das Gesagte für seine Ermittlung eines Datums für den brith ben habetharim zu, jenen Bund, dem nach Gen. 15 Gott mit Abraham zwischen den Opserstücken geschlossen hat. Auf Grund derselben Hypothese einer Sonnenfinsternis findet er den 8. Oktober 1764 v. Chr. (S. 231 ff.). Wir versagen uns ein Eingehen aus diesen Punkt, möchten nur das eine bemerken; wir haben niemals im Ernste daran gedacht, daß jene Erzählung der Schrift in ein chronologisches Schema eingeordnet werden sollte; die symbolische unzeitliche Bedeutung des ganzen Vorganges dürfte so klar liegen, daß es als äußerst gesucht erscheinen muß, ihn chronologisch werten zu wollen. Noch gegen manche andere Punkte können wir Bedenken nicht unterdrücken. Den hohen Wert des Werkes im ganzen wiegen sie jedoch bei weitem nicht auf. Nicht bloß, daß es zur weiteren Forschung auf dem Gebiete der Chronologie Anregung und Grundlage geschaffen hat, wird sein bleibendes Verdienst sein: es bietet auch eine Fülle ivertvoller Unter-