Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1917)
- Date
- 1917-08-31
- Page
- Seite 414 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Gesang und der Musik auffallend zurück. Zumeist sind es Männer, die Tänze aufführen (König David vor der Bundeslade!); ein Tanz der beiden Geschlechter miteinander kommt erst recht nicht vor und ist auch heute noch im Orient unzulässig. Neben Gesang und Tanz treten als Gegenstände der Unterhaltung die mannigfachen Arten des Spieles. Späße und Schwänke, Kinderspiel und Glücksspiele, von denen die Ouellenliteratur ausführlich berichtet, gewähren einen lohnenden Einblick in den Geist der jüdischen Gesellschaft, während die Nachrichten über gymnastische Spiele (S. 110) und über die (römischen) Schauspiele, soweit wir sie in der jüdischen Ueberlieferung finden, eine deutliche Antwort geben aus die Frage, wie sich die jüdische Meinung mit diesen aufdringlichsten Erscheinungen des römischen Lebens auseinandersetzte. Wir führen hier das zusammenfassende Urteil des Verfassers an: Das Pharisäische und nachher das rabbinische Judentum stand den öffentlichen Schauspielen mit ihrer überschäumenden Lebenslust, ihrem eitlen Gepränge, ihrer Anleitung zur Sinnenlust und Unsittlichkeit, ihrem unter dem Applaus der Menge gutgeheißenen Blutvergießen nicht nur mit Haß, sondern auch mit Verachtung gegenüber, ein Standpunkt, der sich mit dem der zeitgenössischen Kirchenväter völlig deckt (s. S. l ir>). Nichtsdestoweniger ist es unbestreitbar, daß auch Juden allmählich die Theater und Zirkusse besuchten, was die Rabbinen im Laufe der Zeit zur Einschränkung ihrer Verbote und zu anderen Zugeständnissen nötigte. Am Ban eines Stadions oder Theaters mitzuarbeiten, war den Juden verboten; aber nicht deshalb, weil nach Krauß' Meinung (S. 116) ----- „das Theater ein zu kunstvolles Gebäude war, als daß auch da die Juden als Bauleute hätten Mitwirken können"; das Verbot hatte vielmehr religiöse Gründe. Das Theater, in dem oft geopfert wurde, galt als Stätte des Götzendienstes; deshalb war es verboten, am Bau mitzuwirken. Ich erinnere hier an die Weigerung der Inden zur Zeit Aleranders des Großen, am Bail des Belustempels teilzunehmen (Flav. Joscpluis e. Apionem I, 22). Das Kapitel schließt mit Nachrichten über 14 römische und * persische Feste, die bereits vielfach Gegenstand wissenschaftlicher Erklärungen gewesen sind, deren Namen und Bedeutung aber, besonders ums die letzteren betrifft, noch immer nicht eindeutig bestimmt werben konnten. Das Schrift- und Buchwesen, von dem das XI. Kapitel iS. 131 HKS) handelt, nimmt in der talmudischen Archäologie einen hervorragenden Platz ein. In diesem Abschnitt findet der Verfasser Gelegenheit, sich mit der großen Zahl jener Probleme auseinanderzusetzeu, die, ausgehend von dem Buch der Bücher, das Schriftwesen (Schriftart, Schreibstoff, Schreibwerkzeuge), gewerbsmäßige Schrift, graphische Erzeugnisse und Schriftenverwahrung u. a. m. behandeln. Spielt doch die Schrift nicht nur im religiösen Leben des Juden eine große Nolle; die Herstellung imb Erhaltung der Tefillin, der Mefusot, der Ketubba u]\v. greifen auch vielfach in das tägliche Privatleben hinein. Alis der Fülle der interessanten Nachrichten, die Krauß hier zusammenstellt, weise ich nur auf die Kurzschrift <S. 172) und die Geheimschrift (T. 174) hin. Das letzte, XII. Kapitel (S. Hw 239) ist der Schute gewidmet. Die Absicht des Verfassers ist es, die äußere Vesehaffenheit der Schule, nicht aber den erziehlichen Wert derselben zu schildern. Nach eindringlicher Darstellung der geschichtlichen Entwicklung der Schule und des Lehrhauses, nach liebevoller. Vertiefung in alle Kleinigkeiten des Schulbetriebs wirft er aber ailch die Frage auf nach dem Bildungsgrade, den die.Schuljugend bei dem geschilderten Lehrgänge und den uns bekanntgewordenen pädagogischen Anschauungen erreicht haben mag. Tie Antwort darauf lautet, daß es die Juden des talmudischen Zeitalters zu einer hohen Bildungsstufe gebracht haben. Allerdings war diese Bildung eine einseitige, da nur die Bibel und die rabbinische Tradition gelehrt wurden, aber es war ein Wissen, das für die ethischen Aufgaben und für die Charakterbildung vollständig ausreichte. Wir schließen unsere Inhaltsangabe mit den trefflichen Worten des Verfassers (S. 237): „Wenn vollends eine Gesellschaft gekennzeichnet wird durch die Art und Weise, wie sie über das Schulwesen denkt, wie sie ihre Lehrer und geistigen Führer behandelt und wie sie sich überhaupt zum Wissen stellt, so darf der jüdischen Gesellschaft der talmudischen Zeit der höchste Grad der Zivilisation zuerkannt werden." Dem Tert (S. 1—239), dessen Inhalt wir in seinen. Hauptzügen zu bieten versucht haben, folgen die umfangreichen Anmerkungen (S. 240—358) nebst Nachträgen und Berichtigungen zu allen drei Bänden (S. 359—376). Eine sehr willkommene Beigabe sind die Anhänge: I. Sachregister im stattlichen Umfange von 17 Seiten und 11. Wortregister aller im Text erwähnten hebräisch-aramäischen, syrischen, arabischen, persischen, griechischen und lateinischen Wörter (94 Seiten), eine willkommene Ergänzung zu den vorhandenen hebräischen Wörterbüchern. Ein Verzeichnis der Abbildungen beschließt das Buch. Die äußere Form und Ausstattung des Werkes ist tadellos, wie wir es bei den Schriften der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums gewöhnt sind. Nur eine prinzipielle Anregung sei mir gestattet. Das Nachschlagen einzelner Stellen des Textes sowie der dazu gehörigen, am Ende jedes Bandes befindlichen Anmerkungen könnte bedeutend erleichert werden, wenn auch die Seiten des Tertes auf der Kopfleiste neben der Inhaltsangabe, die laufende Kapitelzahl enthielten (z. B. statt Wettflüge, S. 111, also X. Wettflüge, S. 111), wie es bei den Anmerkungen auf der Kopfleiste der Fall ist (z. B. X, 236—249, S. 290). Dadurch wäre das immer wieder notwendige Nachschlagen des Inhaltsverzeichnisses, zur Feststellung der Kapitelzahl überflüssig. Wir haben bereits im Laufe der Inhaltsangabe (s. auch die Besprechungen der früher erschienenen Bände) darauf hingewiesen, daß einzelne Punkte eine abweichende Auffassung zulassen und manche Ergebnisse noch mit einem Fragezeichen versehen werden müssen. Das muß aber als natürlich erscheinen im Hinblick sowohl auf den Umfang der Arbeit (1933 S.) als auch auf die Schwierigkeiten einer Aufgabe, von der man sagen muß, daß der Verfasser sie in durchaus großzügiger Weise aufgesaßt hat. Es wird daher nicht ausbleiben — und daran liegt die größte Befriedigung für jede wissenschaftliche Leistung —, daß die „Talmudische Archäologie" von Krauß, die nicht nur von der tiefgründigen und umfassenden Gelehrsamkeit des Verfassers zeugt, sondern auch mit. selten warmer Empfindung geschrieben ist, bei der Fülle von Tatsachen und Anregungen, die sie bietet, den Anstoß zu erneuter Forschung geben und dadurch zu immer tiefergreifender, wissenschaftlicher Würdigung des jüdischen Schrifttums führen wird. Probleme der jüdischen Chronologie. Von G u st a v E o h n. uf keinem Gebiete der Wissenschaft des Judentums sind die Schwierigkeiten, die seiner Förderung im Wege stehen, so ungeheuer wie aus dem der Chronologie. 11m Zeitmessung und Zeitrechnung der israelitisch-jüdischen! Vergangenheit für d i e Zeit zu erfassen, in der eine eigene Chronologie von praktischer Bedeutung war, steht im Grunde genommen nur eine einzige Quelle zur Verfügung: die Bibel. Außerbiblische Urkunden und Denkmäler israelitisch-jüdischer