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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-31 · Heft 35 (31.8.1917) · p. Seite 413

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 35 (31.8.1917)
Date
1917-08-31
Page
Seite 413 (sequence 5)
Language
German
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| Lrnlt Ssndberg | er hochverdiente Breslauer Arzt, dessen Bild wir heute unseren Lesern vorführen, ist im „Gemeindeboten" Nr. 32 so eingehend gewürdigt worden, daß wir uns damit begnügen dürfen, ans jenen Artikel zu verweisen. Der Verstorbene war eine Zierde des Breslauer Aerztestandes und ein treuer Sohn unserer Gemeinschaft, dessen Tod in weiten Kreisen aufs schmerzlichste empfunden wird. L. G. TalnwÄllche Archäologie^. Von Artur Rosenzweig. mit dem dritten Bande hat die von Sam. Krauß für den Grundriß der Gesamtwissenschaft des Judentums bearbeitete Talmudische Archäologie ihren vorläufigen Abschluß gesunden, und ich möchte diesen Schlußband als den kulturhistorisch interessantesten des ganzen Werkes bezeichnen, was ein kurzer Blick auf seinen Inhalt bestätigen wird. (Siehe meine Besprechung des ersten Bandes in dieser Zeitschrift, Jahrg. 1911, S. 215 und des zweiten Bandes Jahrgang 1916, S. 48.) Kapitel IX (S. 1 bis 74), das erste des vorliegenden Bandes, j ist der Geselligkeit gewidmet. Dieses Thema ist gleich! den folgenden im Gegensatz zu den in den früheren Bänden des j Werkes behandelten bereits vielfach der Gegenstand gründlicher Untersuchungen gewesen, so daß sich der Verfasser bei der Behandlung desselben auch auf die Arbeit meines Vaters; (Geselligkeit und Geselligkeitssreuden in Bibel und Talmud, i Von Dr. Adolf Rofenzweig, Berlin 1895) stützen konnte, die er auch an die Spitze seiner Literaturnachweise gestellt hat und mit deren Ergebnissen er durchwegs übereinstimmt. \ Wir müßten Wort für Wort ausschreiben, wollten wir j alles das erwähnen, was Krauß an anregenden Gedanken und! markanten Tatsachen über die Umgangsformen und die Sitten > beim Mahle jener Zeit bietet, Tatsachen, die einen tiefen Ein-! blick in das Leben jener Zeit gewähren, insbesondere natur-! gemäß in das Leben der Gelehrten (Rabbinen). Ihre Parole l lautete: Bestimme deine Handlungen nach dem Gesetz des Ans standes (Derekh erez R. 7). Mit diesem und ähnlichen Aus-! sprächen würdigen sie die Beobachtung der herrschenden Sitte, ja sogar des Ortsbrauches, und wie fern es ihnen lag, den i Sonderling zu spielen, beweist der Satz, den sie als oberste! Regel hinstellten: Nicht soll man abweichen von dem Brauch i (minhag) der Leute (Derekh erez Z. 5 vgl. Abot 2,4) s. S. 3, j Daß auch in der jüdischen Gesellschaft, für die das Wort galt: xmiTÖ irr 'xrrnan irr Entweder Gemeinschaft oder Tod! (b. Taan. 23a, b. B. b. 16b) gleichwie in ihrer orientalischen Umgebung ein gewisses Zeremoniell herrschte, auf das, wie heute noch im Orient, großes Gewicht gelegt wurde, ersieht man aus mannigfachen Berichten der jüdischen Literatur. Jener Tatsache verdankt auch der Ausdruck ,-s^Nü StP mUP Linie der Würde (S. 5, b. Sanh. 105b) seine Prägung. Sehr umfangreich sind die Nachrichten über das Mahl. Im allgemeinen war das Mahl bei den Juden wohl sehr einfach; einmal, gewöhnlich am Abend, pflegte man Fleisch zu essen. Im übrigen aber gab es auch in beschränkten Verhältnissen Anlässe genug, wo sich einzelne Familien oder Gesellschaften zu Festmählern zusammenfanden. Alle derartigen Veranstaltungen fallen unter den Begriff des rituellen oder *) Talmudische Archäologie. Von Dr. Samuel Krauß, Professor der israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien. Band III. Leipzig 1912. Schriften, herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. gebotenen Mahles, da auch Familienfeste, wie Verlobung, Trauung, Beschneidung usw., von Mahlzeiten begleitet waren, die einen religiösen! Charakter trugen. Nicht weniger als zwanzig solcher Anlässe erwähnt der Verfasser S. 35. Bei dieser Gelegenheit wollen wir nicht unterlassen darauf hinzuweisen, mit welch offenem Blicke die Rabbinen die Verhältnisse ihrer Umgebung zu beobachten und zu beurteilen verstanden. Wir erwähnen ihr Urteil über die Perser: Die Perser essen und trinken wie die Bären (b. Meg. 1 la, b. A. z. 2b u. ö.l Noch bemerkenswerter ist das Urteil über ihr schickliches und dezentes Betragen, das aus dem Ausspruch des babylonischen Exilarchen an die Rabbinen hervorgeht: Obgleich ihr alte Rabbinen seid, so sind im Punkte des Mahles die Perser dennoch erfahrener als ihr! (b. Berakhot 46b, vgl. auch Krauß l, 48.) Von R. Akiba stammt der Ausspruch: In drei Punkten schätze ich die Meder hoch: daß sie das Fleisch nur auf dem Tisch schneiden, daß sie nur auf die Hand küssen und daß sie sich stets auf freiem Felde beraten (s. Krauß III,, 33. Quelle b. Berakhot 8b; fast gleich Gen. R. 74, 2 im Namen des R. Simon b. Gamliel). Es ist hier nicht möglich, auch nur einen Teil der minutiösen Verhaltungsmaßregeln anzuführen, die für die Mahlzeit (vielfach in Anlehnung an das Passahmahl) erwähnt werden. Im Anschluß an das Gastmahl behandelt Krauß das Armenwesen, das bei der in der jüdischen Gesellschaft herrschenden Armut — eine Tatsache, für die Krauß im ll. Band' S. 249 unwiderlegbare Beweise beigebracht hat — der ganzen Zeit einen hervorstechenden Zug gab, der auf Schritt und Tritt wahrnehmbar ist. Mannigfach sind die Gesetze, durch die die Rabbinen nach der Vorschrift der Thora das schreiende soziale Uebel zu mildern trachteten. Die Armenpflege wurde m die Verwaltung der Gemeinden übernommen. Zur Beisteuer wurden alle Gemeindemitglieder herbeigezogen, da neben der täglichen Kost für Bekleidung, Ausstattung armer Bräute, auch für Beerdigungen u. a. gesorgt werden mußte (S. 67, 68). Daß die barmherzigen Söhne barmherziger Väter gern und reichlich gaben, bedarf kaum der Erwähnung; gewiß aber war es übertriebene Mildtätigkeit, die im 2. Jahrhundert die Synode von Uscha zu dem Beschlüsse veranlaßte, daß niemand mehr als ein Fünftel seines Besitzes „verschleudern" dürfe und daß nur durch testamentarische Verfügung das ganze Vermögen den Armen überwiesen werden konnte (S. 74). Das Thema des X. Kapitels ist die Unterhaltung; es behandelt Musik, Spiel und Feste. Reich an Problemen (S. 75 bi§' 130) ist der Abschnitt über die Musik. Der Ausspruch (M. Sota IX"): „Seitdem das Synedrium aufgehört hat, hat auch der Gesang in den Hochzeithäusern aufgehört," entstammt wohl einem wehmutsvollen Gedenken an die Zerstörung des Tempels mit seiner Musik und seinem Gesang zur Verherrlichung Gottes; er ist aber nicht ganz zutreffend als ein Kriterium der talmudischen Zeit, denn die Musik, die natürlichste Aeußerung der Volksseele, hätte nur mit dieser selbst verstummen können. In der Frage des synagogalen Gesanges urteilt der Verfasser wohl richtig, daß dieser nicht als Melodie, sondern ähnlich den entzifferten altgriechischen Gesängen als Kantillation, als ein mehr vom Rhythmus und der Wortfolge abhängiger Vortrag aufzufassen sei (S. 77). Ein planmäßiger mehrstimmiger Chorgesang ist als bekannt nachzuweisen. Bei der Erklärung der Musikinstrumente selbst bleiben noch manche Fragezeichen weiter bestehen. Das eine ist aber unzweifelhaft, daß — wie Krauß richtig (S. 83) bemerkt — selbst in den biblischen Reminiszenzen die Gedanken der Rabbinen, die auf sie gerichtet sind, von griechischem Geiste saturiert sind. — Beim Tanz, für den die Bibel nicht weniger als acht Ausdrücke hat, tritt das weibliche Geschlecht gegenüber dem

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