Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 35 (31.8.1917)
- Date
- 1917-08-31
- Page
- Seite 412 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229321--73367-3285845- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
V über die Bestrebungen der amerikanischen Juden während des Krieges. Wir nehmen das Ergebnis vorweg; es heißt: den Juden Amerikas ist es gelungen, in einen! amerikanisch-jüdischen Kongreß alle ihre. Richtungen zu vereinigen und damit die drei Millionen Juden Amerikas zusammenzuschließen unter der demokratischen und nationalen Losung: „Sicherung und Beschühung der jüdischen Rechte in Palästina." Als der amerikanische Patriotismus in die Höhe ging, erschienen deutsche Juden in den jüdischen Vierteln New Dorks mit der Absicht, den amerikanischen Patriotismus zu predigen gegen den jüdischen Nationalismus. Jakob Schiss stellte sich in den Dienst dieser Bewegung: aber er erlitt einen großen Mißerfolg. Er sah sich zu der öffentlichen Erklärung gezwungen, daß er in Zukunft über Zionismus und Nationalismus schweigen wolle. So haben die Anhänger des Zionismus tatsächlich gesiegt. Der Präsident des neuen Kongresses ist Nathan Strauß. In dem Kongreß selbst sind auch die etwa Viermalhunderttausend Arbeiter mit umfaßt. Die Angelegenheiten des jüdischen Volkes sollen als Nationalitätssache beinr künftigen Frieden verhandelt werden. Das „jüdische Volk" soll seine Beschwerden und Ansprüche vor den Friedenskongreß bringen. Man hofft von der ameritanisckren Regierung, daß sie in diesem Sinne wirken und die Judenfrage um ihres internationalen Eharakters willen zu einem Gegenstand der Jriedensverhandtungen machen!vird. Die Juden jenseits des Ozeans rechnen dabei auf Unterstützung der europäischen Juden. Auf diesen! Hintergrund versteht inan die Haltung des türkischen Befehlshabers von Palästina erst recht. Bekanntlich hak sich Djemal Pascha gegen den Zionisinns erklärt. Er handelte aus gutem politischen Instinkt. Wie die Entente die Forderungen des armenischen Volkes auch nur benutzt hat, um die Türkei innerlich zu nnterhöhlen, so will inan jetzt diese jüdische Richtung benutzen, um im Süden der Türkei als Sprengpulver gegen die staatliche Einigkeit zu wirken, Perfiderweise legt man der Stellung Djemal Paschas religiöse Beweggründe unter, man ruft in die Welt hinaus: „Seht, wie unduldsam der Islam ist!" Tatsächlich handelt der türkische Befehlshaber nicht aus Gründen der Religion. Nirgends haben sich die vertriebenen Juden bis jetzt wohler gefühlt wie in Konstantinopel. Ehristen hatten sie aus Spanien weggejagt, Mohammedaner gaben ihnen Unterkunft und volle religiöse Selbständigkeit. Sobald aber das Judentum als „neutrale" Macht auftritt und ein Staatsgebiet innerhalb der Türkei selbständig beherrschen will, handelt es sich nicht mehr um die Frage der Regierungstoleranz, sondern um die der staatlichen Macht. Ganz folgerichtig wendet sieh darum Djemal Pascha, dem die amerikanischen Bestrebungen bekannter sein mögen als den: Deutschen, gegen den Zionismus." Tie andere aus den „Sozialistischen Monatsheften" lautet: „Wie in dev Rundschau: Sozialistische Bewegung bereits kurz mitgeteilt wurde, ist das Berbandsburean der jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poale Zion zur Teilnahme an der Stockholmer Konferenz ausgefordert worden. Es klingt seltsam, ist aber nichtsdestoweniger währ, daß die sozialistische Internationale, die Letten, Finnländer und andere kleine, mir wenige Millionen zählende Bolksstämme bereitwilligals Nationen anerkannte, die 10 Millionen Ostsuden immer nur als Anhängsel anderer Völker gelten lassen wollte, obwohl gerade sie die stärkste nationale 412! Eigenart außreisen. Erklärlich wird diese Haltung der Internationale freilich durch die Stellungnahme der Sozialisten jüdischer Nationalität, die, in Nationalitätsfragen noch ganz unter dem Einfluß der .allerdings von hohen humanitären Idealen erfüllten Aufklärung, stehend, in der. Anerkennung ihrer Nationalität so etwas Wie einen Rückfall in überwundenen Aberglauben sähen. Unter der Einwirkung der russischen Revolution., an der die jüdische Jugend kühn und selbstsicher, ihres Wertes sich bewußt, als Nation teilnahm und aus der sic die Anerkennung als gleichberechtigte Nation heum ü'rug, war die alte Fiktion der Aufklärung, daß dar. Jude ein Merweltsbürger ohne eigene nationale Physiognomie sei, freilich nicht wehr ausrechtzuerhälten. Sie mußte auch aus dem Grunde fallen, 'weit Anerika und die Entente, allerdings zu selbstsüchtigen Zwecken, den Zionismus offiziell als den Ausdruck der nationalen Bestrebungen des Judentums anerkannt haben. Gs ging daher wirklich nicht mehr an, daß die Internationale ein von fast allen Regierungen als Nation anerkanntes Bvkk, dessen Geschichte und Kultur auf Jahrtausende zurückblicken, -einfach als national nicht existierend an'sah. In diesem Zusammenhang sei übrigens auch auf die sehr verständigen Aeußerungen des französischen sozialistischen Munitionsministers Albert Thomas verwiesen, der einem Korrespondenten der New Uorker „Wahrheit" gegenüber erklärte, daß er „die Schaffung eines jüdischen Zentrums in Palästina für das jüdische Volk als eine zwingende Notwendigkeit" ansehe, obwohl er nicht glaube, daß „die Gründung eines Judenstaates in Palästina in sich die gesamte Lösung der Judenfrage trägt." Es mag bemerkt werden, daß natürlich auch die Zionisten in der Errichtung eines nationalen Zentrums der Judenheit in Palästina nur die Lösung eines Teils der vielgestaltigen Judenfrage sehen; allerdings gerade desjenigen, der für sie die größte ideelle Bedeutung und Tragweite hat." Endlich sei aus einerD e n ts ch r i f t des finnischen Landtags der Schluß vorgebracht: „Der Landtag Finnlands wünscht nicht die Rechte russischer Bürger und russischer Institute in Finnland zu beeinträchtigen. Vielmehr beabsichtigt der Landtag beim ersten Anlaß die von ihm früher angenommenen Gesetze zu bestätigen und in Kraft zu setzen, die den russischen.Bürgern in Finnland die nämlichen Rechte gewähren, die den finnischen Bürgern zustehen, sowohl in der Gemeindeverwaltung wie im Gewerbe, ebenso die Gesetze, die die bestehenden besonderen Einschränkungen gegenüber Jude n aushcben. Ebenso wird der Landtäg den russischen Bürgern in Finnland die Rechte der freien Vereinigung, der freien Rede und Versammlung zusichern. Im Falle wirklicher Notwendigkeit einer Aendernng der Lage der in Finnland befindlichen russischen Bürger und russischen Institute wird Finnland eine vorherige Beratung mit der russischen Regier un'gsgelv alt über diese Fragen nachsuchen, ebenso über alle Fragen der Regelung durch zweiseitige Vereinbarung der verschiedenen wirtfchäf.tl'ichen Beziehu-nhen zwischen Rußland und Finnland. Ein friedliches und freies Zusammenwirken mit denr russischen Volke ist eine wichtige Vorbedingung für das Gedeihen des finnischen Volkes. In festem Vertrauen auf die rechtdenkende Demokratie Rußlands erhofft der Landtag Finnlands, daß die provisorische Regierung es möglich finden werde, im Namen Rußlands Finnland und seinen!, Landtag diejenigen Rechte zuznerkennen, die in dein Gesetz über die Festlegung der obersten Gelvalt in Finnland umschrieben sind." Geh. San.-Rar Ernst Sandberg in Breslau geb. 12 November 1842, gsst. 28. Juli 1917.