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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-24 · Heft 34 (24.8.1917) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 34 (24.8.1917)
Date
1917-08-24
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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8 finbet ait§ Galizien überlassen; in fünf Klassen erhielten 180 Kinder den üblichen Bolksschulunterricht. — Tie Kohlennot zwang die Anstalt, die Vorlesungen drei Wochen lang auszusetzen. Die k. u. k. Militärbehörden haben die Lehranstalt wiederholt zur Prüfung von Kandidaten herangezogen. Die aus ihr hervorgegangenen Feldrabbiner haben sich nach wie vor vorzüglich bewährt!, und ihre Leistungen sind durch hohe Auszeichnungen vielfach gewürdigt worden. Srrdirn. B. N. Belgrad, im August. Im Mai dieses Jahres war es 425 Jahre her, daß Königin Jsabella mit ihrem Edikt vom 13. Mai 1492 alle Juden aus Spanien verwies. Alle Gefühle der Dankbarkeit gegenüber einem zwar heterogenen Volksbestandteil, der aber zur wissenschaftlichen Blüte Spaniens in jener Zeit viel beigetragen hatte, waren bei den spanischen Gewalthabern, die völlig unter dem verderblichen Einfluß der Inquisition standen, plötzlich verflogen. So mußten denn noch in demselben Jahre 1492 gegen 170 000 jüdische Familien, arm und verachtet und namenlosem Elend preisgegeben, Spanien verlassen. Rührende Szenen spielten sich ab, als die des Landes verwiesenen Juden vor ihrem Scheiden aus dem ihnen zu einer zweiten Heimat gewordenen Spanien tage- und nächtelang an den Gräbern ihrer Vorfahren, die glücklichere Zeiten in Spanien erlebt hatten, weinten und klagten. Und doch schieden die Juden zwar mit einer gewissen Bitternis, aber nicht mit Haß im Herzen - - so ungefähr, wie man eine namenlos Geliebte treulos werden sieht. Tausende der unglücklichen Exulanten wandten sich nach der Türkei, speziell nach Saloniki, und auch nach Serbien, das ja damals zur Türkei gehörte. Seit dieser Zeit erhielt sich in Serbien eine spanische Kolonie mit allen Eigenheiten, die diesen sogenannten „Spagniolen" allenthalben gemein sind. Der meist dunkle Teint und die feurigen Glutaugen, dabei aber eine romanische Trägheit, lassen noch heute den einstens in Spanien akklimatisierten Südländer erraten. Im Verkehr unter sich bedienen sie sich ausschließlich einer spanischen Mundart, die sich, nicht mehr bodenständig. Natürlich nicht lvie in Spanien entwickeln konnte, die aber zum Beispiel in den spanischen Republiken Südamerikas, deren Sprache sich ja auch nicht im gewöhnlichen Maße fortbildete, sehr wohl verstanden wird. Zur schriftlichen spanischen Verständigung dienen den Spagniolen jüdische, von rechts nach links geschriebene Zeichen. Es existiert auch eine bescheidene spagniolische Literatur und — was noch märchenhafter anmutet als die durch Jahrhunderte von Generation zu Generation übertragene Sprache an sich — es kursieren noch heute unter den Spagniolen spanische Gedichte aus der Zeit vor 1492, die ohne die Spagniolen dauernd verloren gegangen wären. Im Jahre 1911 bereiste im Aufträge der spanischen Akademie der Wissenschaften Manuel Manrique de Lara die spagniolschen Niederlassungen in Bosnien, Serbien, Bulgarien, in der europäischen Türkei, in Kleinasien usw., um diese Gedichte zu sammeln. Die Spagniolen separieren sich im allgemeinen nicht nur von der übrigen Bevölkerung und wohnen in besonderen Vierteln, sondern auch von den in spärlicher Zahl in Serbien vorhandenen Ostjuden (den deutsch-poluiselprnssischen). Heiraten unter diesen beiden Richtungen kamen bis in die jüngste Zeit fast überhaupt nicht vor und gehören auch heute noch zu den größten Seltenheiten. Stolz lob' ich mir den Spanier! Nur dadurch war es möglich, durch 4254 Dezennien die völkische Eigenart so rein zu er-! halten. Daß Spagniolen bald nach ihrer Vertreibung aus Spanien! in Serbien und speziell in Belgrad ansässig wurden, darauf deutet; ein im Jahre 1876 in Belgrad ausgefundener Grabstein der Familie > Abrabanel aus dem 15. Jahrhundert hin. Auch Reisende des Mittelalters erwähnen das Vorhandensein einer Spagniolengemeinde in Belgrad. Von ihren moslemischen Herren als tüchtige Kaufleute und Handwerker geschätzt, teilten die Spagniolen in Serbien mit den Türken gute und böse Schicksale. Bald nachdem die Kaiserlichen Belgrad 1739 verlassen hatten, trat dort der berüchtigte Sabatai Zewy aus und brachte über die Spagniolen großes Unheil. Durch seine kabbalistische Lehre entzweite er die Geister, und zuletzt flohen seine spiritistischen Anhänger vor ihren moslimisch-christlich-jüdischen Verfolgern in die nahen Höhlen, wv sie mit Exorzismen, Geißelungen usw. ihre Zeit vergeudeten. In jener Epoche des „falschen Messias" erschienen hintereinander verschiedene mystische Werke in unzähligen Auslagen. Nur allmählich reinigten die dem positiven Judentum huldigenden Rabbiner Taitazak, Pnito, Finzi, Sasson, Pereira, Calderon, Alkalai und andere die Lust und stellten den Frieden in der ja auch materiell stark zerrütteten Gemeinde wieder her. Einzelne Familien gelangten sogar zu solchem Ansehen und Wohlstand, daß sie während der serbischen Freiheitskämpfe der nationalen Sache durch die Beschaffung von Waffen und Munition aus Oesterreich gute Dienste leisten konnten. Fürst Milos appellierte oft an den Patriotismus der Familien Taitazak, Kumapromovic, Eelebonnovic, DavicoKöhen, und die nach Wien übersiedelten Familien Adutt, Farchi, Russo und andere betätigen auch dort ihr Interesse für Serbien, indem sie sein kaufmännisches Ansehen mehrten und seinen Produkten neue Absatzwege im Westen erösfneten. Als 1842 die Obrenovic durch verhängnisvolle Ereignisse gestürzt wurden, suchte der neue Fürst Alexander Karadjordejvic im Bewußtsein, daß der Kern des Volkes der Dynastie Obrenovic anhänglich war, den orthodoxen Kaufmannsstand durch Vertreibung der Israeliten aus dem Innern und Einschränkung ihres Domizil- und Besitzrechtes auf Belgrad für sich zu gewinnen. Es war dies der erste Akt von Intoleranz gegenüber den Spagniolen, um die es sich hauptsächlich handelte, und noch dazu in einem Lande, dessen Volk und Geistlichkeit gegen andere Religionsgemeinschaften immer eine solche Achtung zeigten, wie mau sie damals nur in den kulturell weitest vorgeschrittenen Ländern Europas fand. Es war aber auch ein politischer Fehler; denn die zahlreichen, wie erwähnt hauptsächlich spanischen Juden des Balkans! erblickten eine große Gefahr in der Unabhängigkeit der christlichen j Valkanvölker und wurden die anhänglichsten Untertanen der Pforte, i Im Jahre 1859, als Milos Obrenovic wieder Fürst von Serbien! wurde, hob er noch im selben Jahre Karadjordejvic' Judengesetze auf, mußte aber unter dem Drucke der von den Kaufleuten des Innern ausgehenden Agitation gegen die Judenemanzipation, der sich auch einige Gemeindevertretungen und selbst die Skupschtina anschlossen, 1861 neuerdings nachgeben und die Aushebung der die Juden beschränkenden Gesetze wieder fallen lassen.' Im übrigen aber war Fürst Milos gegen die Juden wohlwollend. Er und die Regierung förderten die israelitischen Schulen, gaben Beiträge zur Bezahlung des Rabbiners, ernannten Juden zu Gemeinderäten, Mitgliedern der Handelsgerichte, Handelskammern usw. Während des Bombardements von Belgrad (1862) flüchteten viele Spagniolen nach Semlin, wv sie General Filipovic gut aufnahm und zum Verbleiben ein lud. Doch kehrten nahezu alle wieder in ihre Geburtsstadt zurück. Wiederholt baten sie fortan um ihre staatsbürgerliche Gleichstellung; doch vermieden sie Schritte, um eine diplomatische Intervention zu ihren Gunsten herbeizuführen. Solche Schritte unternahm ganz selbständig die „Alliance Jsraalite Universelle" in Paris durch die Denkschrift „Situation des Israelites en Serbie", die den Großmächten vorgelegt wurde. (Paris. 20. Februar 1867.) Die volle Emanzipation der serbischen Juden, die schon durch die serbische Verfassung von 1869 angebahnt wurde, sicherte der Berliner Kongreß (1878), dessen Beschlüsse durch König Milan verwirklicht lourden. Seit dieser Zeit genossen Serbiens Juden ungehinderte Freizügigkeit, man wählte sie in die Skupschtina, ihre Söhne dienten im Konsularkorps und im Heere, und ihre Leistungen lourden ungeschmälert anerkannt. Diese völlige Gleichberechtigung mit den übrigen Staatsbürgern ließ Serbien beu spanischen Juden, die zu den tut Jahre 1910 dort gezählten 6000 Juden das Hauptkontingent stellen, eine Heimat werden, mit der sich nur ihre glücklichsten Zeiten in Spanien vergleichen lassen. Von Sah und Fern. — I h r c S1U a j c st ä t di c K a i s c t i n hat der Frau Zilla Zucker, die im neuen Krankenhause der Jüdischen Gemeinde von Drillingen entbunden wurde, ein Geldgeschenk übermittelt: auch der Magistrat der Stadt Berlin, der Vorstand der Jüdischen Gemeinde und der Krankenhausvorstand haben der glücklichen Mutter Geldbeträge zugewendet. — Das Kriegsministerium hat die in Frage kommenden Dienststellen angewiesen, daß bei erforderlich werdenden Desinfektionen in den Gefangenenlagern die Gebetriemen und Tefilin der orthodoxen jüdischen Kriegsunb Zivilgefangenen nach Möglichkeit geschont werden. — Das seltene Fest der diamantenen Hochzeit beging das hiesige Ehepaar Scheie Selbiger. — Oberlehrer Dr. Alfred Wolfs vom Lessing-Gymnasium ist in Galizien gefallen. Dr. W olff, der Inhaber des Eisernen Kreuzes zweiter Klasse war, ist als Preisträger aus dem ersten Wettbewerb der von Moritz Manheimer in Berlin begründeten „Moses-Ntendelssohn-Toleranz-Stistung"

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