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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-24 · Heft 34 (24.8.1917) · p. Seite 407

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 34 (24.8.1917)
Date
1917-08-24
Page
Seite 407 (sequence 11)
Language
German
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’/ ' ‘-J "'fr!"^" "f 11 ■* 1 ^f - ' - 4Ö7 —^— umhergegangen und bleibt nun doch wieder mir gegenüber an der anderen Tischseite stehen. „Soll ich dr sagen, was der Kozen aus Magdeburg — 'ne Partie is es. daß sich 'ne Gräfin mecht dernach belecken — an du Lehrer geschrieben hat?" Ich sehe ihr angstvoll ins Gesicht. Sie spricht jetzt sehr ruhig, und all ihre Erregtheit zittert unter dem ruhigen Ton: ..Er hat geschrieben: das Fräulein hat so eigentümlichen Verkehr." Sie wendet sich wieder zum Weitergehen, als wolle sie diskret die Blicke vor der Wirkung dieses vielsagenden Satzes verschließen. Aber schon dreht sie wieder um. „Eigene tümlichen Verkehr! Da hast es! So e Mann weiß, warum er das schreibt. Das heißt mehr, als wie in die paar Worte steht. Eigentümlichen Verkehr! Das is de Benjamin mit de geschminkte Backen un de durchsichtige Blusen, un das is der — der — der-andere!" Sie spricht den Namen nicht aus. Es wäre zuviel Ehre für Günther. Ich sage nichts, kein Wort. Da ist eine alte, kränkliche Frau — ich gebrauche die Vorsicht, sie nicht willkürlich noch mehr zu erregen. Es bedarf auch meiner Einwände nicht. Sie steigert sich von allein: „Ich will dr noch mehr sagen", sagt sie weiter in dem unheimlich ruhigen Ton. „gestern warn doch de Mädchen mit in Jugendbund, un ich kann doch nie einschlafen, ehe ich se alle beid im Bette weiß. Auf einmal Here ich Paulan laut weinen un Rosan dergegon reden. Ich denke: se wern sich zanken. Se sin doch manchmal noch de halben Kinder. Da fällt mr ein: vielleicht hat Paula Rachote — mer weiß sich doch nie aus mit die dummen Dinger — um den aus Grindeln, un ich freu' mich schon un geh' hin an de Tür un horche e bischen. Soll ich dir sagen, was se gehabt haben, die beiden? De Leute im Jugendbund hätten über dich geredt. So! Nu weißt es- Frag' Paulan, ob ich lüge. Nu was guckste so? Wostock is doch noch kein Paris. Un in Paris darf mer auch nichts tun. was gegen de gute Sitte is." — Aber jetzt wird es mir doch zu arg. Vorsicht hin, Vorsicht her — hier werde ich ja beschimpft. „Und glaubst du denn, daß Dr. Westphal und ich etwas tun, was gegen die gute Sitte verstößt? Daß wir überhaupt schon je ein Wort gesprochen haben, das nicht jedermann hätte hören können?" „Das brauchste mir nich zu sagen, mein Tochter", fällt sie mir ungerührt ins Wort, „das vermut' ich nich anders bei mein Bruderkind, bei de Enkeltochter von meine guten seligen Eltern. Da brauch mer gar nich erst Rosenberg Söhne anzuführen; meine Eltern waren auch hochbekowete Leute. Im Grabe wirden se dich umdrehen, wenn „Hör auf." schreie ich gequält. „Was soll denn das alles? Ich tue ja nichts Böses, habe nie etwas Böses getan. Wo liegt denn mein Unrecht?" „Mer muß auch den Schein meiden", fahrt sie in unheimlicher Ruhe fort. „Der Ruf von en Mädchen is wie en weiß Meid. Is erst e Fleck dran, is es Kleid mechulle. Nur en Schmodder kann noch Gefallen dran finden." „Ich will jetzt gehen", sage ich müde, und als ich aufstehen will, merke ich, meine Glieder sind mir wie zerschlagen. ' „Du willst gehen! Du willst gehen! Wenn dr was nich paßt, willste immer gleich gehen. Nu, un der Zoff? Biste dr klar, was de tun willst? Wirste den — den Goj sagen, daß de drs überlegt hast, un wo leider kein Vater mehr im Hause wär', da kennt er nu nich mehr kommen?" „Nein, das will ich nicht", sage ich, und in all meiner Herzenswundheit muß ich lachen bei der Vorstellung, daß ich das Günther sagen sollte. Ob sie das Lachen, das doch ans so weher Seele kommt, noch mehr reizt? „Dann mach, was de willst", sagt sie in schreiend grobem Ton. Gottlob, daß die Mädchen nicht zu Hause sind, ich würde mich gar zu beschämt fühlen. „Ich Hab meine Schuldigkeit getan. Mir kenn se keine Vorwürfe machen, die da oben. Aber eins will ich dr sagen: laß dich bereden von de Leute aus Rücksicht for den Fremden — aber ich mache nich mit. Wenn de 'n aufnimmst — ich betret' dr de Schwelle nich wieder." „Aber Tante!" Ach, wie ich jetzt Paula und Rosa verstehe, wie ich sie verstehe in ihrer maßlosen Empörung über die erziehlichen Uebertreibungen, die das Ehrgefühl so wund peitschen, daß man vergehen möchte vor Scham und Verletztheit. Jetzt kann ich nicht mehr gehen. Alle Haltung, alle Sicherheit ist fort von mir. Ich sitze am Tisch, das Gesicht auf den Armen und schluchze und schluchze. „Reg' dich nich aus", sagt sie sanfter, „wir kennen uns ja in Ruhe drieber aussprechen." In Ruhe aussprechen nennt sie, wenn sie einen aufgewühlt hat bis zum Grund. „Du kannst mer doch auch ema en Gefallen tun." Jetzt spricht sie bittend. „Ich bin doch deines Vaters Schwester. Denk: de Tante is 'ne alte, komische Frau, se hat altmodische Ansichten, aber ich willer den Willen tun, daß se ihren Frieden, hat. Sieh, ich mach mer doch so große Sorge um dich/' Und als ich immer weiter schluchze: „Nu, wie is es? Soll er nu nich mehr kommen?" Ich schüttele den Kopf. „Ich kann nicht", presse ich heraus. „Was heißt das: du kannst nich?" forscht sie, und staunende Angst zittert in der Frage. Ich bin wie im Fieber, wie betäubt, von der Gefahr für mein bißchen armselig Sehnsuchtsglück, sonst wären nur doch nicht die Worte entschlüpft, traumhaft, leise: „Ich kann es gar nicht aushalten, wenn er nicht kommt." Und jetzt sie, mit vorsichtiger Stimme, behutsam, wie man zu einem Schwerkranken spricht: „Du kannst es nich aushalten?" Sie setzt sich wieder zu mir. Ihre eiskalte Hand faßt die meine. „Mein Tochter, den Magdeburger nimmste nich, wenn er dr zuwider is." „Zuwider ist er mir nicht", falle ich ein. „Nu, wenn auch. Wenn de 'n nich willst, wirsten doch nich nehmen. Es gibt Gott sei Dank mehr Männer auf de Welt. For dich gibt's immer noch welche. Un da wermer sehn, mein Tochter," sie läßt meine Hand nicht los, „daß wr dich so bald wie möglich verheiraten." Und als ich noch wie im Traum meine Augen groß und fragend zu ihr aufschlage, sagt sie in ganz sanft beruhigendem Ton: „Ich glaube, 's is 's Nichtige for dich, mein Tochter." * Cilli ist wieder dagewesen. Natürlich, sie denkt gar nicht daran, beleidigt zu sein. Und ich habe mich beinahe mit ihr gefreut. Kommt das Gute nicht, so soll wenigstens das Böse nicht auch noch wegbleiben. Findet es Tante Phine nicht mehr rein genug bei mir nun, Gott sei Dank, die Sorge habe ich wenigstens bei Cilli nicht. „Du bist so sonderbar heute," sagt sie, „so viel heiterer als sonst." Da lache ich laut auf. „Warum denn nicht?" sage ich- Viel lauter, viel froher klingt meine Stimme, ich höre es selbst, „ich habe es doch gut." „Na, endlich merkst du's", sagt sie. „Du, Cilli neulich habe ich es dir nicht geglaubt: ist es denn wirklich wahr, daß die Leute über Westphal und mich reden?" „Natürlich ist es wahr." Und wieder lache ich auf, rüd und ungebändigt. „Ach, ist das lustig!" sage ich. Weinen soll mich keiner wieder sehen. „Die Leute glauben, ich habe ein intimes Verhältnis mit ihm?"

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