Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1917)
- Date
- 1917-08-24
- Page
- Seite 406 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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406 Beziehung für bevorzugt, spottet über „die Damen unseres Kreises", ihr Nichtstun, ihre großen Ansprüche an des Mannes Geldbeutel, ihren Unverstand. „Nur im Volke ist Kraft, nur im Proletarierkind, das gelitten hat und herumgestoßen worden ist, Einsicht und Dankbarkeit gegen den Mann, der es dort herausgehoben hat, ist Tüchtigkeit und Bescheidenheit." Benno prahlt direkt, als habe er ein großes Los gewonnen, und fühlt sich denen, die Frauen aus dem eigenen Kreis herausgeheiratet haben, hundertmal überlegen. Gott sei Tank, eine kurze Galgenfrist ist uns gesetzt worden. „Weil die arme Luzi gar zu sehr herunter ist", hat Benno sie auf sechs Wochen nach Altweida zur Kur geschickt. Wenn sie dann gekräftigt zurückkommt, soll sofort geheiratet werden. „Und ihre Mutter?" „Das ist es ja eben. Von der muß sie fort. Sonst könnte sie sich ja am Ende auch hier erholen. Aber hier wird sie sie nicht los. Dort ist sie vor ihr sicher." „Und später?" „Oho! Später ist das mein Haus. Da bin ich Herr. Ich werde meine Tür vor ihr zu verschließen wissen. Wenn sie es ein einziges Mal versucht hat, zum zweitenmal kommt sie nicht wieder." Wir schnürt Angst und Ekel den Hals zu. „Eine nette Familie!" dringt es mir aus der Kehle. „Weiß Gott", sagt er gerührt lächelnd. „Das arme Diugchen!" Benno ist fort- Wir haben besprochen, Paula und Rosa vorläufig nichts zu sagen. Gottlob, sechs Wochen Frist, sechs lange Wochen. Gott, o Gott, schick' Rettung, schick' Hilfe in der Zeit! Wie ich das, das Tante Phine sagen soll — ich weiß es nicht. * Ich wußte, daß ich heute so schnell wie möglich nach der Karlstraße gehen würde. Mit diesem Vorsatz habe ich mich in der schlaflosen Nacht beruhigt, als mich nach langer Zeit einmal wieder Sorgen, die nicht mir selber galten, quälten. Wie eine friedsame Beruhigung strömte es in mich ein, als ich von der Tür aus Tantes rundliche, liebe Gestalt in der Sosaecke sitzen sah. Ich hatte diese Nacht solche Angst um sie gehabt, als könne schon das, was feindlich in der Luft schwebt, um auf ihr armes Herz zu zielen, sie töten, obgleich sie doch noch gar nichts ahnen konnte. Oder ahnte sie doch etwas? Ihre Augen sahen wieder so aufgeregt groß auS, und ihre Hände hatten diese ruckenden, kurzen Bewegungen, die ich nun schon zu deuten weiß. Noch immer der Fall Stern — Paula? Ach nein, da hinein hat sie sich gesunden, kummervoll bitter, und noch übellauniger und strenger gegen die beiden Mädchen als sonst, aber sie spricht nicht mehr davon. „Wie geht es Benno?" frage ich zaghaft. „Gottlob, gut", sagt Tante, und ihre aufgeregte Stimme hat hierbei einen tiefen befriedigten Klang: „gestern hat er seine Schwestern aufgefordert, 'mit in den Jugendbund zu gehen, un er hat gesagt, er wird jetzt wieder de Abende bei uns zu Hause bleiben. Er ist auch wieder viel heitrer un liebenswürdiger. Was will mer mehr? Jeder junge Mann ,macht rma 'ne Dummheit. Die Hauptsache is doch, se kommen zur rechten Zeit los von so e Stick. Ich habe mir, offen gesagt, rechte Sorge gemacht. Ich Hab' schon gedacht, ich wer den Lehrer in Roschmin schreiben, er soll sich nicht bemühen. Meinste nich auch?" „Ja, Tante, dazu rate ich dringend." „Oder — laß er sich doch umsehen. Mer kann doch hören. Vielleicht hat er was Extras. In Roschmin is einer, den seine Schwester hat bloß en Tchiddach tun können, weil er selber viel Geld erheirat hat. Manchmal is es auch so. Mer kann nie wissen. Er hat sowieso geschrieben." „Wer? Der Lehrer?" „Ja!" sagt sie, dumpf, verhalten, und jetzt fühle ich: von dort her kommt die Aufregung. „Was denn?" frage ich. Ich habe doch keine Ahnung, was es sein kann, und doch legt es sich wie Angst oder Schuldbewußtsein aus mein Herz. Ich fühle, die Sache gilt meiner Person. Tante rückt sich zurecht wie zu einem schweren Entschluß. „Der Magdeburger hat doch nichts wieder von sich hören lassen." „Nein. Gott sei Dank, nicht", sage ich gleich reichlich bestimmt. „Nu, reg' dich nich auf. Du sagst: Gott sei Dank; der Lehrer denkt anders, er hat an en geschrieben." Mir schießt das Blut ins Gesicht. Diesen allwaltenden Geist da in Roschmin fange ich an, ohnmächtig zu hassen. Aber Unsinn, lachen soll man. Ich lache auch, laut, höhnisch, es will nur nicht so recht herzlich klingen. „Natürlich," sage ich, „es ist ja sein Geschäft. Daß es mit Paula und dem Herrn aus Grindeln nichts wurde, darüber kann er sich beruhigen. Aber Herr Simon und ich, wir sind freilich ein anderes Objekt. So ein Geschäft läßt man sich nicht entgehen." „Alles, was de da redtst, mein Tochter, is nich wert, daß dr der Mund drum wackelt. Das nimm mer nu nich iebel. Ich red' überhaupt nich gern über dich mit dir, es is mer en großer Entschluß. Tu hast mer da neulich 'ne Antwort gegeben un e Gesicht derzu gemacht —" Noch immer so beleidigt von der kleinen Szene damals? Ich fasse Tantes Hand, aber sie entreißt sie mir. „Ja, ja, ich weiß, du bist herzensgut mit mir und meinst's gut mit alle Menschen, aber manchmal, da biste doch mehr de Enkelin von Rosenberg Söhne als wie mein Bruderkind." „Ach, Tante, liebe Tante Phine, sag' doch so etwas nicht." Ich drücke mich ganz fest an sie, so wenig ihre steif dasitzende Gestalt meiner Zärtlichkeit entgegenkommt. Was sie heute auch sagen wird, ich werde kindlich ehrerbietig und ergeben sein. Ich halte meinen Kopf fest an ihren Oberarm gedrückt. „Siehste, Paulan un Rosan is es auch nich immer recht, wenn ich se was sage. Aber da frag' ich nu nischt nach. Heute sin se noch bei mir, da missen se parieren. Wenn se verheirat' sin, da solln se machen, was se gut dinkt. Laß de Männer sehen, wie se mit se fertig wern. Die Hauptsache is, ich wer vor ihre seligen Eltern, vor mein gutes Zerlinchen un ihren armen Mann bestehen kennen." „Ja, Tante, du bist gut", sage ich zärtlich. „Du bist gut zu uns allen." „Mer tut seine Schuldigkeit, un macht's so gut, wie meris versteht", sagt sie weiter in dem halb energischen, halb erregten Ton, „mehr kammer nich. Das andre is bei Gott. Abereben, meine Schuldigkeit is es, un daß ich auch vor meinen seligen Bruder un iseine Frau bestehen kann " — aus einmal treten die bekannten roten Flecke unter ihren Augen auf, die Hände zucken immer schneller hin und her; sie spricht in ganz verändertem, viel höherem Ton: „Warum schmeißte den jungen Goj nich 'raus, der dr ins Haus kemmt?" Mein Kopf ist fort von ihrer Schulter. Ich sitze steif da. Alles Gute und Nachgiebige ist tot in mir. Ich will etwas erwidern — ich weiß, es wird schneidend und kalt klingen —, aber nein, sie läßt mich nicht dazu kommen. Auch zähmt und ängstigt mich ihre große Erregtheit. Mir kommt es vor, als sei ihr starker, asthmatischer Körper schwer gepeinigt und ge- - fährdet davon, und sie merke es nur nicht vor lauter Auf- ' regung. Sie ist jetzt vom Sofa aufgestanden, im Zimmer