Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1917)
- Date
- 1917-08-24
- Page
- Seite 404 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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gestiegen und hatte mit Wunderhänden alles Leid und alle Trauer hinweggeschwemmt und den Tag zu einem lachenden weinenden Sonnenseste gemacht. Tie Briden liefen aus flinken Beineu straßans, straß.ein und schrien, was sie nur konnten: X’ Praissen kimmeu! T' Praissen timmen! Die Alten aber verließen Bethaus und Synagoge (ein Schabbes ivar es), denn Gott war heute draußen unter chnerr. . ." Wenn man das Titelbild ansieht, mit dem eine andere Schrift geziert ist"h, zwei jüdische Männer, die hinter einer Frau herschreiten, und auch einzelne andere Bilder aus Irena, z. B. jüdische Lumpensammler und Händler, so meint man es mit einer Publikation zu tun zu haben, die viel von Juden berichtet. Dies ist nun aber nicht ganz der Fall. Das Buch enthält vielmehr Kriegsbilder cm* dein Osten überhaupt. Aber fünf Abschnitte dieser sehr lesenswerten Schilderung sind Brest-Litowst gelvidmet; es sind merkwürdige Skizzen, nicht immer sehr wahrscheinlich, die eine, die einer jüdischen Freidenterin S. 128 ff., erscheint mir sogar höchst unwahrscheinlich. Tie gegen die Buden zum Ausdruck kommende Gesinnung ist nicht immer sehr freundlich, aber freilich wird man zugeben müssen, daß Zustände und Menschen, von denen der Verfasser zu berichten hat, keineswegs immer erfreulich sind. 111. Außer den in dieser Uebersicht erwähnten Schriften ist mir eine ganze Reihe kleinerer Publikationen zugekommen, die der allgemeinen Kriegsliteratur angehören. Sie sind alle im Laufe der letzten Monate im. Büchereinlaus gebucht; da sie aber mit jüdischen Dingen gar nichts zu tun haben, so glaube ich durch die Ausnahme der Stücke in dein genannten Büchereinlaus meiner journalistischen Pflicht gegenüber den Verlegern und Autoren gerecht geworden zu sein. Ich würde meine Kompetenz überschreiten und den Zwecken, die dieses Blatt verfolgt, widersprechen, wenn ich es versuchen wollte, auf diese einzelnen Arbeiten an dieser Stelle näher einzugehen. Bon Zustizrat Sali n g e r (Oppeln). f [£* war einmal — so sangen ja wohl die Märchen an, aber es ^ch^ist kein Märchen, das ich erzählen null; es sind vielmehr geschickt sich beglaubigte Tatsachen, und wenn hier etwas zweifelhaft ist, so ist es höchstens das, ob mau wirklich sagen kann, daß es sich uiu überwundene, schon der Vergangenheit angehörende Erscheinungen handelt. Also es war einmal eine Zeit, da galt die Bezeichnung „Jude" als Beschimpfung, und zwar nicht bloß in den Augen der Christen; auch die Buden selbst hatten eine Scheu vor diesem Wort und suchten es möglichst zu umschreiben. Bst es doch dem Verfasser selbst passiert, daß ihm uod) vor etwa 20 Bahren ein älterer Kollege nahelegte, er möchte in Gegenwart von Christen möglichst vermeiden, von „Buden." zu sprechen. Weil nun die Wertschätzung, welche eine Volksschicht auch üllßerlich in ihrer Umgebung genießt, keineswegs unerheblich ist für ihre soziale und rechtliche Stellung im Staatsleben, deshalb hat die Vezechming „Bilde" in früheren Zeiten, als es sich darum handelte, die bürgerliche Lage der Buden zu heben und zn verbessern, bei den betreffenden gesetzgeberischen Verhandlungen und Versuchen eine große Volle gespielt. Sie näher zu Prüfen, dürfte nicht zwecklos sein, zeigt uns doch der Spiegel der Geschichte keineswegs immer nur das Bild der Bergaugenheit. Viele Bahre sind verflossen, und mancherlei Geschicke haben wir erleben müssen, ehe wir Juden so uu'it gekommen sind, daß wir vor christlichen Ohren nicht nrehr nur mit stockender Zunge erklären können: „Bch bin Bude." Friedrich der Große hakke seine Augen, die alles im Staate sehen und prüfen wollten, geschlossen. Cr hakte die Lage der Buden in fehteu Ländern zu der denkbar traurigstell gestaltet, nicht weil er, iure antisemitische Geschichksfälschling erzählt, die Buden um ihrer ,f9 Frvnwerichtc eines Neutralen. Vorn schweizerischen Major Tanner- III. Ostwärts. Mit Bildern des Verfassers. Verlag Angust Scherl, G. m. b. H., Berlin. ') Ans den „K.-K. Blättern", Mai/Buli 1902. Religion willen haßte, sondern weil er, wie sie damals waven, in ihnen schädliche Bürger des Staates zu sehen glaubte, deren. Besserung zwar stets erstrebt werden müßte, aber in absehbarer Zeit schwerlich zu erreichen wäre. Solange er lebte, war daher all eine Milderung des harten Loses der Juden nicht zu deuten. Hub in der Tat muß das Sklavendasein, lvelches den Juden seit Jahrhunderten auserlegt worden war, einen erschreckenden Tiefstand der Kultur zu jener Zeit bei ihnen hervorgerufen haben. Das geht nicht nur aus den übereinstimmenden Berichten der Behörden, besonders des preußischen Justizministers Kircheisen, hervor, sondern auch ans manchen Aeutzerungen angesehener Buden. Allerdings ist gerade bei den letzteren der Verdacht nicht von der Hand zu lveisen, daß sie unter dem Einflüsse der damaligen Zeitströmung ihren armen, ungebildeten Glaubensgenossen gegenüber die nötige Unbefangenheit verloren Rattern Es gibt jedenfalls zu denken, daß in der Liste der Berliner Taufjuden, welche David Friedlünder, der Borkänrpfer der Emanzipationen, mit seinem Schreiben vom 18. Jauuar .1811 dem Staatskanzler Hardenberg überreichte, sich unter L>h\ 48 die betrübende Bemerkung findet: „mehrere Kinder des Weltweisen Mcmdelssohn." Tatsache ist, daß die Juden selbst mit wenigen Ausnahmen in ihren späteren Bemühungen um ihre staatsbürgerlicheil Rechte stets aufrechten Hauptes ihre Menschenwürde uno ihre nivralijche Gleichrvertigkeir betont haben. Das zeigt sich schon in dem ersten, schüchternen Versuche, der ivenige Atonale nach dem Ableben Friedrichs des Großen unternommen lvuroe. Jlir Flamen aller Juden Preußens reichten die Oberlandesältesten und Aelresten der Berliner Judenschast am 6. Februar uht dein neuen Könige Friedrich Wilhelm il. eine Bittschrift ein, in welcher sie um Besserung ihrer Lage baten. Sie führten darin aus, daß pe ,chon lange unrer der Last unaufbringlicher Abgaben und unter majr weniger hariem Drucke der Berachiung seufzten. Beides Härte die jüdische Station» heravgewürdigt und sie gehindert, aus dem Wege der Geistesbildung, der größeren Industrie uno jeder Art GLückseugtell (Z-orrschritte zu nracheii. Es liege auch im Intereste des Staates, luntn in', „erne ansehnliche Kolonie", oie bis gchr in Atutlosigreit oersunreii jen, durch bestere Behandlung zu nützlia)eren umerlaiien umgevilvel lcürden, usto.Z. Sehr viel mannhafter klingt die Eingabe der 84 jüdischen Hausväter aus Königsberg, welche jie am iv. üanuar 179s an den König richteten. Sie veroniengleich zu Einfang, daß die Verachtung, „o.e cnlf dem Namen „Jude" rühr", fie unaufhörlra) zu Boden druere; ue luecteu mi Lause ihrer Ausführungen darauf hrn, daß sie ohne Ruajichi aus ihre „reelle Nützlich-ren, Berrievsirmteir und Handelsrennmis" \ujon deswegen uoerau zu ruckgewiesen werden lollen, weil sie Juoen suw; sie machen daraus ausmertsam, daß „die erhaoene Besinnung, oer , peensnichen Aeglerung, der allgemein veroreitere Geist der Duloung" ihnen Veranlassung gegeoen, ihren Kinoern „ün allgemeinen, en»e Wiche Erziehung zu gevcn, daß ^eldsrschatzung in ihnen erweckt uno oas erloschene Gcsühc der dürgertichen Ehre m ihnen erwacht i,r , uno sie ocronen, daß, rvemi mchr Besternng eintrete, „der rechtschas,ene -pausvarer" folgende „schrecrliche Allernanve" vor slch sehe: enlweoer wurden seine Kinder, „unemgeoenk der gereinigleren Grundsätze", tu welchen er sie erzogen hat, slch lueitex „dem niedrigen Wuchert) andel" ergeoen, oder sie würden auswandern oder die Religion ihrer Vater verlassen und „mit Heuchlerischen, schädlichen Grundsätzen und mit verdorbenem Herzen sich in die größere Religiönsgesellschast einschleichen". s Tie Eingabe klingt in der Bitte aus: ,,e) uns Elldesunterschriebenen nicht ferner mit deni Namen Schützenden und Juden zu belegen und belegen zu lasteii, jonderir uns nach unserem Gelverbe zu benennen, weil dieser Name unglücklicherweise eine herabwürdigende Idee in sich verknüpft, inio! eine Auszeichnung hervordringt, die uns überaus schädlich ist." s Dell vollen Stolz eines verletzten Mannes- und Rechtsgefühls! endlich atmet die Mahnung um Beschleunigung der Entscheidung,! roelche David Friedländer am 28. Oktober 1810 an Hardenberg sendet, indem er sagt: „Die Ausdrücke Juden und Judenknechte, noch mehr aber die Gesinnung, die sie aussprechen und so zu erkennen geben, machen. 2) Die Zitate in dieser Abhandlung sind denr verdienstvollen Werke von Dr. Freund: „Die Euianzipation der Jiiden in Preußen" i entnommen.