Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1917)
- Date
- 1917-08-24
- Page
- Seite 399 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-399 Engländer lassen in ihrer Zähigkeit nicht nach, sie hoffen auf unsere Erschöpfung, sie rechnen auf die Amerikaner, von denen einzelne sich schon in England gezeigt haben und im Triumph herumgeführt werden — ebenso wie auch in Rußland amerikanische Ingenieure eingetroffen sein sollen —, aber sie verrechnen sich gründlich, wie wir zuversichtlich hoffen. Schwächer als seitens der Engländer waren die Angriffe seitens der Franzosen. Es sieht wiederum so aus, als wenn es in Frankreich recht schlimm steht sowohl mit seiner Abwehrkraft, angesichts der ungeheuerlichen, für das entvölkerte Frankreich doppelt schwerwiegenden Verluste, als auch im Innern. Zeugnis dafür sind die überall hervortretende Friedensneigung und die erschütterte Stellung des Präsidenten. Daß dort nicht alles in Ordnung ist, lehrt besonders der Umstand, daß gegen Spanien und die Schweiz die strengste Grenzsperre durchgeführt ist. Wie wenig diese Nation etwas zu leisten imstande ist, zeigt der Umstand, daß das ehemals als ritterlich bezeichnet^ Volk sich wieder dazu herbeiläßt, Bomben aus friedliche Städte (diesmal war an zwei Tagen Frankfurt an der Reihe, glücklicherweise ohne nennenswertes Resultat) zu Wersen. Wenn die Franzosen sich erkühnen, solche völkerrechtswidrige Attentate als Vergeltung der deutschen Unternehmungen auszugeben, so fügen sie der Untat die Lüge hinzu, da deutsche Luftangriffe immer nur befestigten Plätzen gelten. Gegen Rußland geht der siegreiche Vormarsch der deutschen und der mit ihnen verbündeten Truppen langsam, aber sicher weiter. Trotzdem kann man nicht wissen, ob dieses rätselhafte Land, das der Welt so unsagbare Ueberraschungen bereitet hat, sich nicht zu neuer Machtentfaltung aufrafft. Einstweilen hört man von inneren Unruhen, von neuen blutig unterdrückten Aufständen in Petersburg. Vielleicht steht damit im Zusammenhang die Ueberführung des ehemaligen Zaren und seiner Familie weiter nach dem O st e n. So ist dem umschmeichelten und gehätschelten Fürsten das Schicksal zuteil geworden, das er unzähligen Unschuldigen bereitet hat. Wohlfeiles Mitleid steht uns nicht an, dem Selbstherrscher gegenüber, der die Sünden seiner Väter trägt und ihre Schuld mit büßt, die er freilich mit neuer Schuld belastet hat. Unsere Unterseebooterfolge waren in letzter Zeit recht bedeutend, auch die Zahl der vernichteten oder kampfunfähig gemachten L u f t sch i f f e der Gegner war sehr groß, während die Zahl unserer abgegangenen Flugzeuge gering ist. So steht unsere Sache überall gut. Trotzdem ist keine Aussicht zum Frieden vorhanden. Die große in Stockholm geplante Sozialistenkonferenz, die zwar keinen Frieden bringen, aber eine Annäherung zwischen den verschiedenen Ländern schaffen könnte, ist sehr fraglich geworden. Und zwar deswegen, weil die englische und französische Regierung in ihrer Furcht, daß es hier durch Besprechungen der Arbeiter zur Stärkung friedlicher Gesinnungen kommen könnte, sich weigern, den Delegierten Pässe zu erteilen. Diese Furcht ist für uns, die wir den Frieden ernstlich wollen, ein erfreuliches Zeichen und ein Zeugnis von der Gerechtigkeit unserer Sache sowie von der blinden Ungerechtigkeit und starren Unversöhnlichkeit unserer Gegner, die sich, nicht bloß vor dem Richterstuhl der Geschichte rächen wird und muß. Solche Unversöhnlichkeit unserer Feinde zeigt sich auch in ihrem Gebaren gegenüber dem neuesten Friedensschritt des Papstes. Das Haupt der katholischen Christenheit hat ein Rundschreiben an die Regenten der kriegführenden und neutralen Länder erlassen, in dem er zum Frieden mahnt. In diesem Schreiben fordert er die Freiheit der Meere und die Rückgabe unserer Kolonien, widerrät Annexionen und Entschädigungen und spricht nicht von Elsaß-Lothringen, verlangt freilich die Räumung der von uns besetzten Gebiete, aber nicht vor dem Beginn der Friedensunterhandlungen. Solche Forderungen könnten im großen und ganzen von uns gebilligt werden; unseren Feinden, obgleich sie von dem Schritte des Papstes vorher unterrichtet waren, widerstreben sie durchaus und es scheint, als wenn sie sie einmütig ablehnen wollten. Trotz der Erfolglosigkeit bleibt eine solche Vermittlungsanstrengung ein günstiges Zeichen; sie bekundet nicht bloß die Friedenssehnsucht des Hauptes der Christenheit. Vielleicht ist doch die Zeit nicht fern, in der unsere Gegner, die schon viel von ihren Großsprechereien abgelegt haben, sich von der völligen Erfolglosigkeit ihrer Anstrengungen überzeugen. Gelangen sie zur Einsicht und Vernunft, bescheiden sie sich in ihren Ansprüchen, erkennen sie unsere Macht an und gönnen sie uns eine friedliche Eristenz und die ungehinderte Ausübung unserer Kräfte, so wird es an uns nicht fehlen, die Hand zum Frieden zu bieten, wie wir dies schon mehrfach getan haben. Aber ein freies, großes Reich wollen lind müssen wir bleiben, nicht unliebsam Geduldete und noch weniger! Knechte. * Von jüdischen Nachrichten liegt nicht viel vor; das Wenige stellen wir ans verschiedenen Zeitungen wie folgt zusammen: , -6 n n g , 4. August. E i n Landesverband polnischer Zionisten ist in Polen mit behördlicher Genehmigung gegründet worden. Hanptsitz des Verbandes ist Warschau. Die Forderungen der Z i o n r st e n. 2 t o ck h o l in, t3. August. Das heute veröffentlichte Memorandum der Zionisten gipfelt in der Forderung voller Gleichberechtigung des jüdischen Volkes und Schutz seines Kulturwesens. Weiter wird die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina verlangt, da eigener Boden die Voraussetzung eines nationalen Lebens sei. Maxim Gorki und die Gleichberechtigung d e r I u d e n. Maxim Gorki schreibt in seinem Blatte „Rowaja Schisn": „Tie Gleichberechtigung der Juden ist eine der schönsten Errungenschaften der russischen Revolution. Indem wir den Juden als gleichberechtigten Bürger anerkannten, haben wir von unserem Gewissen einen schimpflichen, blutigen, schmutzigen Fleck genommen. In dieser Handlung ist nichts, was uns das Recht gibt, stolz zu sein oder sich zu freuen. Endlich hat man sich zu einer guten Tat aufgcrasst, aber man fühlt keine Freude. Ter Antisemitismus lebt, und er beginnt wieder sein Haupt zu heben und seine giftige Agitation wieder zu verbreiten. Und warum geschieht dies? Weil unter den anarchistisch gesinnten Bolschewik! sich zwei, drei oder sogar sieben Inden befanden und weil man fürchtet, daß diese sieben Juden Rußland vernichten werden. Also für die Sünden der sieben jüdischen Bolschcwiki soll das ganze jüdische Volk in Rußland bluten! Wenn man so urteilt, so muß man Lenin als echt russischen Sünder anerkennen, und dann müßten für die Sünden eines Lenin sämtliche Bewohner des Gouvernements Simbirfk, aus welchem Lenin stammt, verantwortlich gemach! werden. Der größte Teil der Juden sind Menschewiki, aber die nationalistisckic Presse behauptet, daß alle russischen Juden Anarchisten sind. Ich habe zu meineui Erstaunen festgcstellt, daß die jüdische Rasse eine viel vernünftigere Liebe zu ihrem russischen Vaterland hegt als viele Russen . . . Ich glaube nicht an einen Erfolg der antisemitischen Propaganda; ich glaube, daß der Verstand des russischen Volkes, sein Gewissen, sein ansrichtiger Drang nach Freiheit es nicht zulassen werden, daß man ein Volk drangsalieren und mißhandeln solle." Die „New Porker Staatszeitung" vom 5. Juli d. I. schreibt: Tie ursprünglich auf den. 2. September anberamnte Eröffnung des „Amerikanischen jüdischen Kongresses", über dessen Abhaltung es in führenden Kreisen des amerikanischen Judentums lebhafte Kontroverse gegeben hat, ist durch einen vom administrativen Komitee gefaßten Beschluß auf den 2. November verschoben worden. Die Sitzung des Ausschusses fand im Bureau