Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1917)
- Date
- 1917-08-24
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3229286-3229320--73348-3285825- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
398 einzelung. Keiner sah den anderen, indem er seinen Weg dahinschritt. Kein Volk kannte das andere und nahm von ihm anders als abfällig kritisierend Notiz. Kulturgemeinschaften Llnd Kulturähnlichkeiten der Völker galten gar nichts in der Politik. Sie wurden aus Mangel an Interesse nicht gesehen. Bündnisse wurden ohne jede Rücksicht auf sie geschlossen; das galt als selbstverständliche politische Weisheit. Man verband sich aus wirtschaftlichen oder Machtmotiven, ohne Liebe und ohne Respekt vor dem Verbündeten. Man beachtete darum nicht den Geistesverwandten und verband sich auch mit dem Verachteten, wahrlich nicht 'aus Liebe, sondern oft sogar wegen der Möglichkeit, den schwächeren Verbündeten auszunützen und von sich abhängig machen zu können. So sah es im Völkerleben nicht anders als im Leben der Individuen aus. Im Völkerleben verachtete man Kulturgemeinschasten, selbst wenn schwere wirtschaftliche Gegensätze nicht einer Verbrüderung im Wege standen, und zog unnatürliche Verbindungen um momentaner wirtschaftlicher Vorteile willen den natürlichen vor. Im inneren Wirtschafts- und Staatsleben sah es entsprechend aus. Da galten wirtschaftliches Ziel und Staatsräson über alles, die allgemein menschlichen und geistigen Motive wenig. Das Recht war rein wirtschaftlich orientiert. Die Religion verlor ihren Wert, weil selbständiger Geist nicht anerkannt wurde, und alles sich dem auf Durchsetzung gerichteten Staatsbefehl dienstfertig unterordnete. So hatten Religion und Sittlichkeit nicht Ziele zu setzen, sondern nur die Ziele des Staats zu unterstützen, ohne eigene Kraft zur Milderung der Gegensätze und zur Durchsetzung des Menschheitsbegriffs. In Zukunft werden wir erkennen, das solches Bestreben nicht zum guten Ende führt. Die sittlichen Instinkte werden sich wieder erheben. Wir werden Einrichtungen im Innern und nach Außen treffen, um Freunde zu erwerben und die Menschen zusammenzuschließen, anstatt sie — wie bisher — zu entzweien und Feindschaft, Hetz- und Schmähsucht unter ihnen großzuziehen. Ist solcher Geist mächtig, so wird er die richtigen Einrichtungen finden, die richtigen Regelungen im Verhältnis der einzelnen Menschen zueinander, die richtigen Einrichtungen für die Bildung der Regierung und die richtige Gestaltung des Verhältnisses der Völker zueinander. Hier liegen die Aufgaben und Probleme der Zukunft. Soll sich das I u d e n t u m vor diesem Geiste verschließend Soll es die Probleme der Welt, die dieser Krieg so mächtig aufrührt, in ängstlicher Zurückgezogenheit anderen überlassen, aus Furcht, bei irgendeiner politischen Partei als Juden Anstoß zu erregen? Soll es vergessen, daß das Judentum zur Zeit der Propheten gerade dadurch entstanden ist, daß Männer da waren, welche die damaligen Welt- und Völkerprobleme besonders stark empfanden und sich in sie vertieften? Dürfen wir die eigentlichen ethischen Probleme im Stiche lassen, da wir doch eine ethische Mission zu haben vorgeben? Dürfen wir uns nur um die Erhaltung unserer eigenen Gemeinschaft kümmern und uns fürchten, uns als Juden und als Glieder des Judentums mit den Problemen der Welt zu beschäftigen? Lebt denn eine Gemeinschaft um zu leben, und nicht um zu wirken? Wer lebt, um zu leben, ist sicher dem Tode verfallen. Ein Volk, das nicht mehr 31t wirken, sondern nur noch sich zu erhalten strebt, erfährt wir haben es schon oben gesagt — nicht mehr Frühling und Sommer, Aussaat und Ernte, sondern nur noch Herbst, Winter und Tod. Die katholische Konfession trieb schon bisher Sozialpolitik; die evangelische verfolgt das gesamte Wirtschaftsleben aus den evangelisch-sozialen Kongressen. Das Judentum darf sich nicht in Wohltätigkeitsvereine und in Vereine, die nur der Verteidigung und Selbsterhaltung der eigenen Gemeinschaft dienen, auslösen. Hat doch jedes andere Volk und jode andere Religionsgemeinschaft vielartige geistige Veranstaltungen theoretischer und praktischer Art, so daß wir neben ihnen einen kümmerlichen geistigen Eindruck machen. Auch im Judentum werden sich Männer finden, die innerhalb der bereits vorhandenen Vereine oder in neuen Gesellschaften eine wirkliche geistige Tätigkeit und sittliche Mission ausüben; denn die Zeit, wo der Geist von der Vormundschaft des wirtschaftlichen Egoismus befreit wird, ist nahe; sie beut der Aufgaben dte Menge und ruft alle diejenigen zur Arbeit auf, die nicht am Leben hängen um zu leben, sondern um geistige und sittliche Ideen im Leben der einzelnen und der Völker zur Geltung zu bringen. * Soeben erfahre ich, daß die G r ü n d u n g einer Akademie für jüdische Wissenschaften im Werke ist. Dadurch soll wohl die ungenügende Pflege der jüdischen Wissenschaften auf den Universitäten ergänzt und einem längst empfundenen Bedürfnis abgeholsen werden. Es ist zu wünschen, daß der Plan bald ausgesührt werde. Besonders wichtig erscheint es mir aber, daß bei dieser Gründung auch die Anregungen des obigen Artikels beachtet werden. Der Kreis der jüdischen Wissenschaften darf nicht zu eng gezogen werden. Es darf nicht ausschließlich die Spezialgeschichte des jüdischen Stammes und der jüdischen Literatur gepflegt werden, auch darf die jüdische Theologie nicht auf Apologie des Judentums beschränkt werden. Die jüdische Wissenschaft darf nicht eine Altertumswissenschaft und eine Abwehrwissenschast bleiben. Vielmehr kann gerade eine Akademie für jüdische Wissenschaften dazu dienen, auch jüdische Philosophie und Ethik im weiteren Sinne zu treiben, also die oben dargelegten Probleme des Landes und der Menschheit in Gesellschaft, Recht und Politik in den Bereich der jüdischen Betrachtung zu ziehen und dadurch eine positive ethische Mission des Judentums auszuüben. Wir werden auf unsere Wissenschaft stolz sein können, wenn sie aus dem Bewußtsein der Ideen des Judentums heraus der weiteren ethischen Förderung der Menschheit dienen und sich nicht mehr bloß um die Erhaltung des Judentums sorgen wird. Die Lösung dieser Aufgaben wird die geplante Akademie ganz unbesorgt versuchen können; denn sie wird sicherlich die Andersgläubigen aus dem Kreis ihrer Mitarbeiter nicht ausschließen und deshalb jeden Verdacht einer politischen Absonderung der Juden abwenden. Damit ist jede Gefahr von der von mir gewünschten Bestrebung verbannt. Die jüdische Akademie — oder eine Mehrzähl solcher Institute — kann dann nicht nur ein wichtiges Hilfsmittel im Abwehr- und Erhaltungskampf des Judentums sein, sondern auch ein wahrer geistiger Mittelpunkt des jüdischen Lebens werden, um den sich Vereine u n d Veranstaltungen zu Philo s 0 p h i s ch - e t h i - scheu Zwecken gruppieren können. Erst hierdurch wird sie das Judentum stärken. Lik Woche. Berlin, den 21. August. ine zweite große Schlacht im Westen scheint nun glücklichzu Ende zu sein; ihrAusgang war der gewohnte: fürchterliche Anstürme der Engländer, diesmal der Kanadier, die im Namen der Freiheit gegen Deutschland, das ja nach der Auffassung der Engländer ein wilderes Land ist als Kanada, kämpfen, anfängliche örtliche Erfolge und schließlicher Zusammenbruch der. Anstürmenden, ohne den gehofften und von jener Seite sicher erwarteten Ausgang. Von einem Durchbruch kann nicht die Rede sein. Man muß nur immer fragen: Wie lange noch? Wie lange soll dieser Frevel dauern? Die