Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 81 (1917)
- Issue
- Heft 34 (24.8.1917)
- Date
- 1917-08-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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81. Jahrgang. Nr. 34 Berlin, 24. August 1917 eitung desAudentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippfon Unter Leitung des Geheimen Regiernngsrats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. —- Postscheckkonto 32$. ffrtftftlf* Feslesgedanken. Von M. Lewinski. — Die Woche. — S. I. Leszynsky. Von R. L. — Kriegsliteratur. — „Jude". Von Justizrat Solinger (Oppeln). — Feuilleton: Tante Trude. Roman einer Vierzigjährigen. Von Anna Gold schmidt. -- Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. — Druckfehlerberichtigung. Der Gemeindebote «Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"). Berlin, Posen, Muruwana Goslin, Hamburg, Leipzig, Koburg, Köln, Wien, Belgrad. — Von Nah und Fern. Mtrsgedanken. Von M. Lewi n 1 k i. ie meisten jüdischen Feste haben eine durchsichtige Struktur. Im untersten Grunde sind sie Naturfeste und feiern Erblühen und Frucht, Aussäen und Einernten. Damit sind dann geschichtliche Feiern verbunden. Zugleich mit dem Aufblühen und Reifen der Natur empfindet der Israelit Aufblühen und Reifen des Menschen- und Volkslebens. So feiert er seine Feste, so sollen sie gefeiert werden. Wenn ein großes Kulturvolk aufblüht, so verhält es sich zil Anfang erobernd gegen seine Nachbarn. Da sein Raum ihm zu klein wird und es sich seinen Nachbarn überlegen fühlt, so greift es sie an und sucht sich auf ihre Kosten feste und geräumige Sitze zu verschaffen. So zogen die Griechen nach Hellas, die Israeliten nach Kanaan. Auf diesen ersten Frühling folgt die erste Ernte: das Erstarken des Selbstbewußtseins, der innere nationale Ausbau, der Abschluß gegen Art und Kultur anderer Volker. Ist der Volksgeist groß genug, so sendet aus der nächsten Entwicklungsstufe das Volk geistige Keime in die Fremde hinaus, es sucht geistig zu erobern und zu beeinflussen. Hierbei erntet es Kolonien und fremde Verehrer ein oder auch baldigen Untergang. Infolge der Gegenwirkung der anderen Völker zersetzt sich nämlich nun leicht der Volksgeist und hat dann genug damit zu tun, sich zu behaupten, zu verteidigen und zu erhalten. Wir haben alle solche Stadien in der jüdischen Geschichte erlebt oder erleben sie jetzt noch. Ihr geistiger Inhalt spiegelt sich in der Stimmung wieder, mit der die jüdischen Feste zu jeder Zeit begangen werden. Anders feierte man in der Prophetenzeit als in der Zeit des altisraelitischen Königtums, anders in der Zeit der Hasmonäer, anders in der Zeit des Ghetto und anders heute. Nicht gerade am überzeugtesten dürfte die Frühlings- oder Erntestimmung sein, in der wir heute unsere Feste begehen, soweit Juden überhaupt noch ihre Feste feiern. Heute spürt man wenig von Frühlings- und Blütezeit im jüdischen Leben. Aber durch die M e n s ch h e i t s w e l t überhaupt, außerhalb des Judentums, weht heute eine eigene Frühlingsluft. Vor ihr wird und kann sich der jüdische Geist nicht verschließen. Durch sie belebt, können wir unsere Feste feiern. Große Krisen rütteln bekanntlich die Geister auf. Heute, aber erlebt nicht der oder jener Einzelmensch eine Krisis, auch nicht das eine und das andere Volk, sondern alle Kulturvölker, die zivilisierte Menschheit. Da werden alle die Stimmungen wach, die durch Krisen in hochstehenden Völkern erweckt werden, Stimmungen, die schon so oft große Umwälzungen hervorgebracht haben, wie z. B. einst in den Tagen der jüdischen Propheten: Furcht vor der Zukunft, eng verknüpft mit dem Bewußtsein des eigenen Werts, das da sagt: du wirst nicht untergehen; die Frage nach den Ursachen des Schicksals und der Gefahren, verbunden mit dem Willen zu Reformen, nämlich zur Abstreifung des Schädlichen und Vergänglichen und zur Entwicklung des Wertvollen und Erhaltung Bringenden; der Wille zum Blick in die Zukunft und zur Zimmerung Her- Zukunft. Im Frühling geht das Herz auf und dehnt sich! die Persönlichkeit. Solchen Seelenvorgang feiert der wahre! Gläubige, wenn er ein Frühlingsfest und überhaupt ein j Naturfest begeht. In solcher Frühlingsstimmung, aus! Winterstürmen geboren, entwarf einst der Prophet sein j Ideal von dem völkervereinigenden Messias des übriggeblieoe-! nen und geläuterten Restes Israels. Solche Frühlingsstim-! mung verlangt auch jetzt nach den Winterstürmen des Krieges! Einlaß in die Herzen der Menschen. | Man fragt nach den Ursachen des Weltkrieges und will sie! in den oder jenen Einrichtungen finden. Ter eine sinder,! es fehle eine zwischenstaatliche Organisation. Andere meinen,! Militarismus und Geheimdiplomatie seien schuld, es fehle die j genügende Mitwirkung des Volkes an der Regierung. Schl.ieß-! lich ist es aber klar, daß die Einrichtungen stets mit der Ge-! sinnung der Menschen im Einklang stehen müssen. Internationale Abmachungen werden im Ernstfälle von den Menschen doch, nicht respektiert, mögen sie auch einstimmig beschlossen worden sein; keine Art von Volksvertretung kann das Auftreten von Haß und Cliquenwirtschaft verhindern. Die G e s i n n u n g ist die eigentliche Macht. Führt die Völkerkrisis zu einer wahrhaften Einkehr, wird die ganze Größe der Krisis und der Verwirrung erkannt, so kann man nicht die alte Gesinnung belassen und nur am Kleide der Einrichtungen flicken wollen. Vielmehr muß man dann erkennen, daß in der ganzen Lebensauffassung Fehler gelegen haben - - wie hätte der Schaden sonst so groß werden könnend , daß also ein wahrhafter Neuanfang, ein wahrhafter Frühling, erforderlich sei, um eine bessere Zukunft zu eröffnen. Gesinnung und Lebensauffassung müssen geändert werden; sonst können sich weder die geeigneten Einrichtungen bilden, noch können sie ausreichend nützen. Aber gewiß ist auch Verbesserung der Einrichtungen von Wert. Nur ist der Geist das Primär e. Tie richtigen heilsamen Einrichtungen werden nur gefunden werden und Dauer haben, wenn der heilsame Geist sie schafft. Die Völker Europas sowohl als ihre einzelnen Glieder lebten vor dem Krieg in Isolierung und egoistischer Ver-