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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1917-08-17 · Heft 33 (17.8.1917) · p. Seite 396

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
81 (1917)
Issue
Heft 33 (17.8.1917)
Date
1917-08-17
Page
Seite 396 (sequence 12)
Language
German
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wissenschaftlichen Beiträgen vertreten. Die Festschrift soll Zeugnis ablegen, daß die württembergischen Rabbiner des Jubilars „erfolgreiche Bestrebungen zur Verbreitung jüdischer Lehre und zum Ausgleich religiöser Gegensätze voll zu würdigen wissen". Cs ist eine Freude, in die Gelehrtenwerkstatt des württemberger Rabbiners einen Blick werfen und die Ueberzeugung gewinnen zu können, daß hier der Grundsatz: talmud . thora k'neged kullom tiefe Wurzel gefaßt hat. Der Inhalt zerfällt in a) Sprachliches und Exegetisches (Treitel: Der historische Gang der hebräischen Sprache, Kahn: Untersuchungen zum Targum Echa), b) Talmudisches und Eschato logisches (Stössel: Von den Mänderungsmöglichkeiten im rabbinischen Schrifttum unter besonderer Berücksichtigung des Hoidno-Prinzips, K r o n e r - Oberdorf: Zur Eschatologie und Dämonologie des Judentums), e) Zur Apologetik und Sozialpsychologie (Beer m a n n: Zur Apologetik im Religionsunterricht, Schlesinger: Jüdische Sozialpsychologie), d) Zur jüdischen Geschichte (Braun: Jüdisck)e Grabsteine in Ulm, Tänzer: Die Juden in Polen, Schweizer: Die Gründung eines alten, nun verschwundenen württembergischen Rabbinats, Straßburger: Zur Geschichte der Juden von Ulm). Bei der letztgenannten Arbeit ist zu bemerken, daß sie von dem jetzigen Ulmer Rabbiner Dr. Ferd. Straßburger auf Grund einer Vorarbeit seines seligen Bruders und Vorgängers Jes. Straßburger zusammengestellt ist. M. Sp. — Izchöck Leib Perez. Chassidische Geschichten. Aus dem Jüdischen übertragen von Alexander E li a s be r g. R. Löwit Verlag. 1917. 267 S. Eine Sammlung von Erzählungen aus dem Leben der Chassidim. Alan kann, um das Urteil über das Buch zu finden, nicht einfach die landläufige Denkweise über den Chassidismus im ganzen zum Maßstab nehmen, sondern man muß die Frage stellen, ob und inwielveit die Erzählungen geeignet sind, ein Spiegelbild des Lebens, der Tugenden und der Schwächen der Chassidim zu geben. In der Tat sind sie eine geschickte Auswahl von Schilderungen, aus denen man Leben- und Treiben der Chassidim in den Grundzügen ihres Wesens und ihrer Vorstellungen erkennen kann. Sie geben Einblick in die Gefühlswelt des Chassidismus. Die Andacht und die Hingabe an das Göttliche in allen Dingen, die Glut des Gebetes, die starke, bis zur Selbstentäußerung gehende Nächstenliebe, die freudige 'Heiterkeit in aller Lebensbetätigung, der Glaube als Grundlage aller Frömmigkeit, die Ablehnung der Gelehrsamkeit und der Skrupulosität in aller Frömmigkeitsübung, allesamt dies Grundlehren des Chassidismus, kommen plastisch zum Ausdruck. Die Tätigkeit und Geltung der Zaddikim im Guten und Schlimmen, ihr Einfluß auf ihre Anhänger, der Glaube an ihre übermenschliche heilige Kraft, das unbedingte Vertrauen ihrer Anhänger auf ihre Klugheit, der Aberglaube, der sich in der Verehrung der Zaddikim birgt und daneben doch ihre moralische Beeinflussung der Gläubigen, alles das ist wahrheitsgemäß geschildert; das Wertvolle und das Abstoßende ist klar herausgearbeitet. Als die beste Erzählung möchte ich allerdings eine bezeichnen, die mit dem Chassidismus an sich gar nichts zu tun hat, betitelt „Der närrische Batlen"; man könnte sie vielleicht prägnanter nennen: „Aus der Suche nach dem Ich"; ein Kabinettstück der Seelenschilderung. Wie ein Mensch nach dem wahrhasten Ich bei sich und den anderen sucht, erkennt, daß jeder Mensch eine Fülle von Individualitäten in sich birgt und in den verschiedenen Augenblicken des Lebens ein anderer ist und zweifelnd fragt, welches denn , nun das wahre Ich ist, das ist im Gewände einer schlichten Lehrhausszene mit philosophischer Feinheit dargestellt. Als ein Beispiel der angewandten Symbolik fei in knappster Skizze ein Auszug aus einer der besten Geschichten: „Vom Irren in der Wüste" gegeben. Rabbi Nachman erzählt: Einst verirrte er sich in die Wüste, und dort begegnete er einem Zuge Vögel, einem traurigen Zuge; Millionen schleichen mühsam einher; denn ihre Flügel sind ganz verstümmelt. Wohin geht der Zug? Der König der Bügel antwortet: „Nach dem alten Hause." Und er erzählt von einem alten Hause, das einstens ein großer Palast war, darin vornehme Leute herrlich lebten und tafelten. Aber sie wollten dazu auch Musik haben; darum ließen sie aus dem Walde alle Singvögel holen und sperrten sie in die Bauer. Da wurde der Wald traurig, kränkelte und starb. Und den gefangenen.Vögeln verkümmerten die Flügel, und sie, die heute durch die Wüste ziehen, sind die Enkel jener gefangenen Bögel. und nun ziehen sie wider das alte Halls, um es zu zerstören. Früher als die Vögel kommt Rabbi Nachman hin, und das Haus ist voll von zerfressenen und verwahrlosten Schätzen; überall ist Staub und Moder auf den Spuren einstiger Herrlichkeit. Zn einem Zimmer sitzen die letzten Insassen, Enkel der einstigen vornehmen Herren; , sie wissen um das drohende Unheil, den Zug der Vögel, und ratschlagen, was man tun könne. Der eine rät dies, der andere jenes. Da ruft plötzlich der Jüngste, ein Kabbalist:- „Verbrennt die alten Handschriften und Pergamente, dann wachsen uns allen Flügel und Schwingen." Und schon will er Schriften nehmen und sie ins Feuer werfen, als ein Greis ihm wehrt . . . Hier bricht die Erzählung ab. Ihr Sinn offenbar eine Polemik gegen das alte, nichtchasfidische Judentum, das mit seinen Schriften und der Gelehrsamkeit die Religiosität eingekerkert habe, bis die Schwingen erlahmt und verkümmert waren; da gäbe es nur eine Rettung noch: wahrhafter Frömmigkeit die Schwingen wachsen zu lassen, die alten Schriften zu verbrennen und aus der Seele heraus ein neues Leben anzusangen. Man wird aus dem Geschichtenbande mancherlei Anregung heimnehmen und manchen Einblick gewinnen in uns fremdgewordene Teile des Seelenlebens unserer so nahen und doch so fernen östlichen Glaubensbrüder. D i e n e m a n n (Ratibor). — Lehrbuch der hebräischen Sprache für S ch u l - und S e l b st u n t e r r i ch t. Bon Moses Rath. Wien 1917. Das rühmlichst bekannte Lehrbuch der hebräischen Sprache von Moses Rath ist in zweiter, vielfach vermehrter und verbesserter Auslage erschienen. Auch nach der zweiten Auslage dieses Buches werden sich viele Hände ausstrecken. Der Verfasser hat ein geradezu ideales Lernmittel geschaffen. Mit einem gewissen Behagen vertraut man sich diesem geschickten und kundigen Pädagogen an, der den gesamten Lehrstoff so zweckmäßig verteilt, daß der Schüler allmählich und aus die angenehmste Weise mit allen Regeln der hebräischen Formenlehre und den wichtigsten syntaktischen Erscheinungen der Sprache vertraut wird. Es ist zwar ein Weg von 150 Lektionen bis ans Ziel, wer sich aber nicht abschrecken läßt, wird seine Mühe nicht zu bereuen brauchen. Da die moderne hebräische Umgangssprache gelehrt wird, die im wesentlichen sowohl hinsichtlich des Wortschatzes als auch der sprachlich-grammatischen Struktur an die klassische Sprache der Bibel anknüpst, so gewährt es einen besonderen Reiz, an der Hand dieses Lehrbuches Zu beobachten, wie die angeblich tote hebräische Sprache aus ihrem Dornröschenschlaf gleichsam zu einem neuen Leben erwacht: denn bald sind es Formen und Redewendungen der späteren rabbinischen Zeit, bald aus fremden Sprachen herübergenommene Fremdwörter, bald Fortbildungen biblischer Wortstämme, die das gesprochene Hebräisch der Gegenwart in den Stand setzen, jeden Begriff des heutigen Kulturlebens in klarer, unzweideutiger Weise auszudrücken. Das Lesebuch steht in unmittelbarer Verbindung mit den grammatischen Lektionen. Einzelsätze, zusammenhängende Prosastücke und hebräische Gedichte, die inhaltlich und sprachlich von großer Schönheit sind, wechseln miteinander ab. Durch eingestreute Wiederholungen, Ausgaben und Uebersetzungsthemen wird der Schüler zu beständigem Rückblick auf den durchgenommenen Lernstoff und zu eigener, selbsttätiger Arbeit angeregt. Wörterverzeichnisse, Tabellen für die Konjugation und Deklination, Uebungen im Lesen unpunktierter Texte, Textproben für die hebräische Kurrent- und Raschischrift vervollständigen das Ganze. Obwohl der deutsche Text vom Verfasser revidiert wurde, klingen einige Ausdrücke noch immer etwas hart und sind in zukünftigen Auflagen zu vermeiden: Seite 43 „esse Nachtmahl", S. 73 „man fährt mit Bahn und Schiff", S. 106 „Gewein", S. 148 „aus dem Buche Moses" (es gibt doch fünf Bücher Moses!), S. 185 „bis Mose und Aron auserstanden waren", S. 164 wird nu’a mit „wackeln" übersetzt, statt mit „schweben oder sich wiegen". Es ist selbstverständlich, daß dem Werte dieser vortrefflichen Sprachlehre durch einige unbedeutende Schönheitsfehler nicht der mindeste Abbruch geschehen kann. Dem Verfasser, der unter den größten Schwierigkeiten, die durch die Zeitverhältnisse bedingt waren, die Zweite Auslage seines hebräischen Lehrbuches herausgebracht, gebührt für seine Mühewaltung die uneingeschränkte Anerkennung. Von seinem Buche wird reicher Segen ausgehen zu Nutz und Frommen aller derer, die sich des Studiums der hebräischen Sprache und Literatur befleißigen. Dr. Grünthal.

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